Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 23 blE^ELT 29 WIE EINE STRAHLENDE WELT! Von MATHIAS ACHER Ich wollte in den österreichischen Reichsrat kommen, kandidierte auf das nationaljüdische Programm und — fiel. Nicht über das Programm sondern über eine Unzahl von Verbrechen, die die schlachzizischen Herren des galizischen Landes in ihrer fast bewundernswerten Ungeniertheit an mir begingen. Ich fiel, weil die polnischen Edelleute und ihre Beamten und Hausjuden die Stimmen einfach nach Hunderten und Tausenden raubten, stahlen und erpreßten. Doch nicht darüber will ich heute hier sprechen — am andern Orte werde ich mit den Wegelagerern abrechnen — sondern von den neuen alten Juden, an deren Seite ich nun monatelang kämpfte, von diesem Volke, dessen inneres vulkanisches Glühen ich zur herrschen Lohe entfachen durfte. „Polnische" Juden. ... Ein Leben lang bringe ich damit zu, um sie gegen das Mißtrauen, die Vorurteile, den Eigendünkel der westlichen Brüder zu verteidigen, dahrzehntelang ringe ich mit der Gedankenträgheit, die fremde Verhältnisse, Anschauungswelten und Seelen- Offenbarungen nicht meistern kann: Ich redete von der ursprünglichkeit und Tiefe des galizisch-jüdischen, überhaupt des ostjüdischen Menschenschlages. Und man kam nir damit, daß es in Galizien mehr unredliche Bankette gebe als anderwärts. Ich redete von den kultuellen Wirklichkeiten und Möglichkeiten, des in seiner selbständigen, schöpferischen Kraft ungebrochenenVolkes, ind man kam mir mit Kaftan und Schläfenlocken. Selbst noderne Köpfe wurden eitel Hausbackenheit, wenn sie las Phänomen* das ich ihnen zeigte, begreifen sollten. lin unausgesprochenes „Wie heißt?" schwebte auch auf liren Lippen. Es war im ganzen ein Kampf mit unzulänglichen vlitteln, den ich führte. : Was konnte ich den Leuten eigen, um ihre Gedanken- und Instinktefaulheit, um ■ hre Begriffsverwirrung zu überwinden? Die ostjüdische Synagoge? Sie haben ja nur das äußere Gehör für las disharmonische Geschrei in ihr, nicht aber das innere ür die Inbrunst, die dort gen Himmel zittert. Sie kgen mehr oder weniger alle nur den Maßstab Berliner >rdnungsästhetik an die Synagoge. . . . Das ostiidische Theater? Sie sehen ja nur die Gebrechen der nfertigkeit und Unreife j und haben die Liebe nicht, um die Reime der Größe, die |Reife der Zukunft zu ahnen---- >ie ostjüdische Literaturl? Sie vermögen sie nicht zu lesen und erröten bei dem Gedanken, man könnte ihnen zumuten, daß sie es vermögen. . . . Nun aber habe ich etwas, was alle hören, sehen, begreifen können: Diese Wahlen und Zeugen, die sie gleich mir mitmachten. Auf eine großartige Erhebung des jüdischen Volkes in Galizien, auf Jugendstürme der Uralten kann ich hinweisen. Gewiß, ich kann dabei nicht jene widerlichen Juden umgehen, die ohne Ideal, auch ohne ein antijüdisches, um Geld und eitlen Tand, aus Trotz und Bosheit ihr Volk an die grausamen und tückischen Zwingherren verrieten. Ich sah sie ja selbst an der Arbeit, fühlte sie ja sozusagen am eigenen Leibe, jene rohen, höhnenden Teufel, die gegen das eigene Volk Waffen für die verlotterten Herren schmiedeten, tausende Brüderexistenzen vernichteten. Aber ich konnte ob ihrer nicht traurig werden. Ich dankte dem Schicksal, daß sie so unglaublich, so rastlos niederträchtig sind und doch nicht imstande gewesen waren, die Seele der Gesamtheit zu vernichten. Ich dankte fast ihnen selbst, weil sie mir das Bild des jüdischen Volkes nur noch großartiger erscheinen ließen, — wie eine strahlende Welt, die mächtige Dunkelheiten verschlingt. . . . Wie eine strahlende Welt! Übertreibung kann mir nur vorwerfen, wer nicht miterlebte, was ich erlebte, wer dieses Volk nicht in seiner Begeisterung kennen lernte: Wie sie mit leuchtenden Blicken die Idee des einigen und mutigen, des kämpfenden Judentums vernahmen. . . . Wie sie in der Ahnung ihrer nahenden Befreiung aufjubelten. . . . Wie sie mit ihren großen, gläubigen Kinderaugen am Munde des Verkünders hingen. . . . Wie sie zu Tausenden kamen, sich herandrängten, sich überboten, um in dem Verkünder die Idee und ihre eigene, große, selbstlose Liebe zum jüdischen Volke zu ehren. . . . Wie sie Zeit und Geld und Ruhe, die Ärmsten ihre armseligen Existenzen, opferten, um nur zu siegen. . . . Wie ihre Ausdauer, Hingebung, Opferwilligkeit wuchsen, je schwerer der -Kampf, je grausamer der Druck wurde. . . . Wie sie nicht zusammenbrachen; als ihre Hoffnung brach, sondern mit unvermindertem Eifer und mit Verachtung aller Folgen weiterkämpften. . . . Und wie sie dastanden, als sie von den beamteten Räubern, Dieben, Erpressern „besiegt" waren: Als ob jeder einzelne von ihnen in seinem Eigensten getroffen wäre. Stöhnen .... Fluchen .... Rasen .... Racheschwören .... Eine großartige Symphonie persönlicher Allgemeinheitsleiden Tausender! Ja, es ist ein Volk! Und was für eines! Nicht als ob Jahrhunderte von Schande und Knechtschaft darüber hinweggegangen wären. Nicht gebrochen, nicht gebeugt, nicht entartet, nicht blasiert! Nein, als ob es frisch aus der Werkstatt der Geschichte käme! So gesund in seinem Lieben und seinem Hassen! So stark in seinem Wollen! So weit in seinem Hoffen! So innig in seinem Glauben!