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Die Welt · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 26)
Language
German
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26 . . DIE^ELT UNTERWEGS DRAMATISCHES FRAGMENT VON HEINRICH GRÜNAU Aus einem demnächst erscheinenden Drama in 3 Akten. No. 23 (Ein Auswandererbureau. Kalkgetünchte Wände mit Landkarten. Mitten im Zimmer ein Tisch, darauf Schreibzeug und Papiere. Am Tische Rüben, ihm gegenüber David, beide mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt. Draußen starker Schneefall.) Rüben (zum eintretenden Diener Pinkas): Ist noch jemand da —? Pinkas: Nur noch ein paar Leute ... David: Eigentlich — (nach der Uhr schauend). Es ist schon nach der Amtsstunde. — Auch wir bedürfen der Ruhe . . . Rüben: Ach, geh', laß sie eintreten. Wer weiß, wie dringend sie Hilfe benötigen . . .! Sind es nicht die Ärmsten aller Armen, die hier anpochen —? (gibt Pinkas ein Zeichen, dieser geht). David: Ja, leider, du hast recht. — Aber es nimmt kein Ende —! Rüben: Nein, es nimmt kein Ende, das ist schon wahr . . . (nach einigem Nachsinnen:) Ich frage mich zuweilen, wie es denn möglich sei — dieser unaufhaltsame Strom, — dieser endlose Zug der Unsteten und Ruhelosen — derer, die unterwegs!---- Gestern abend sah ich eine neue Schar ankommen . . . Müde und abgehetzt! — Wie ein zu Tode gejagtes Wild! — Sie wurden rasch, wie eine Beute, unter die verschiedenen Hotelbesitzer verteilt. — Und das schleppte sich mühsam und beladen durch die dunkelnde Stadt . . . Wie gespensterhafte Schatten. David: Täglich hört man jetzt von neuen Pogromen. Hast du das Abendblatt gelesen? In Hornel sind wieder unzählige Opfer gefallen. Rüben (in Gedanken verloren): Und da waren zwei .... zwei Frauen waren unter ihnen . . . eine ältere, die sich an den Arm eines jungen Mädchens festklammerte---Und dieses Frauenpaar ... Du! — Das werd' ich nie vergessen! David (lächelnd): Namentlich die junge —! Rüben (ohne den scherzenden Ton zu beachten): Ja, die junge — Ach, Gott, wie jung —! So herzergreifend jung —! — Eine zarte, noch kaum zur Entfaltung gelangte Mädchenblüte —! Aber so traurig, — so traurig die verdunkelten Augen, — so müde und weltentrückt der Blick ... Ich ging ihnen eine Strecke nach — In der langsam sich fortbewegenden Gruppe ragte sie wie eine schlanke Palme empor. — Und so gebannt hingen an ihr meine Augen, daß ich bis vor das Hotel kam, ich wußte selbst nicht wie, und noch lange, lange in Gedanken dastand, nachdem sie meinen Blicken entschwunden war . . . Was muß dieses arme Kind in seinem so jungen Leben nicht schon alles gelitten haben! — David: Du träumender Poet! — Unverbesserlich bist du . . . Die ganze Wirklichkeit vergißt du über den Bildern deiner Phantasie . . . Und wir wollen doch endlich mal unsere Arbeit erledigen. — Warum läßt nur Pinkas die Leute nicht eintreten —? (Drückt auf die Klingel.) Ein junges Weib (tritt schüchtern ein. Sie ist von orientalischer Schönheit, doch dürftig gekleidet und trägt ein schwarzes Spitzentuch auf dem üppigen schwarzen Haar. In der Tür bleibt sie stehen). David (ermutigend): Bitte, — kommen Sie näher. — Wie heißen Sie? Das junge Weib: Süssele . . . Wortsmann — David: Wie alt sind Sie? Süssele: Achtzehn Jahre-----(stammelnd): Ich . . . ich bin seit zwei Jahren verheiratet..... David: Und wo ist Ihr Mann? Süssele: Drüben — (seufzend) drüben in Amerika ist er — David: Warum ließ er Sie denn zurück? Süssele: Er mußte fort . . . Wir waren kaum acht Tage verheiratet,— da sollte er mit als Soldat in den Krieg — in weite Länder . . . Ganz, ganz weit von Rußland — Rüben: In die Mandschurei . . . Süssele: Ich glaub', ja.---Er war der einzige Sohn seiner Eltern . . . Und er nahm alles mit, was wir hatten, — das ganze Geld — und ist weg . . . Rüben: Und seitdem haben Sie keine Nachricht von ihm? Süssele: Die erste Zeit hat er mir aus Amerika geschrieben . . . wie gut wir noch werden zusammen leben . . . und wie er beginnt schon zu verdienen---So ein paar Monate lang hat er mir geschrieben. — Aber dann sind seine Briefe immer seltener geworden. — Und seit anderthalb Jahren kein Wort mehr..... David: Kein Wort mehr? Süssele: Als wär' er, Gott behüte, krank oder tot--- Und da hab' ich mir nun für meine paar zusammengesparten Rubel — denn ich hab' gearbeitet und zusammengelegt — eine Schiffskart' gekauft . . . und ich war sogar schon in Liverpool . . . aber da haben sie mich zurückgeschickt — wegen der Augen, sagten sie . , . die Augen seien etwas krank — Gott der Gerechte! — Meine Augen krank! — Die Augen, die meinen Jankel unter Tausend ersehen könnten . . . .! Ach, mein Jankel —! David: Und was wünschen Sie? Was sollen wir für Sie tun? Süssele: In meinem Hotel hat man mir gesagt, hier sind Herren, die können solchen Menschen wie mir helfen. — Helfen Sie mir auch —! Ich soll nicht meine Schiffskart' umsonst gezahlt haben, ohne meinen Jankel zu sehen . . . Nach Hause kann ich nicht zurück, denn ich hab' dort niemanden mehr, alle meine Brüder und Verwandten sind geflohen — und meine Mutter ist gestorben, — ach, für mich gibt es nur eins — nach Amerika — zu meinem Jankel —! Helfen Sie mir! — Erbarmen Sie sich! — David und Rüben (beraten untereinander halblaut). Rüben (nach einer Weile zu Süssele): Da haben Sie vorläufig einen Empfehlungsbrief zu einem Augenarzt, mit dem ich übrigens noch persönlich sprechen werde, um ihm Ihren Fall besonders nahezulegen. Süssele: Und meine Schiffskart'? Rüben: Auch deswegen werden wir schon alles Nötige veranlassen. Süssele: Ach, Gott soll Sie dafür segnen, wenn Sie mir beistehen werden. Ich bin eine sehr schwer geprüfte Frau. Aber wenn ich erst das Glück haben werde, drüben zu sein, in Amerika bei meinem Jankel-----! Rüben: Nun, wir wollen das Beste hoffen (begleitet sie zur Tür). Süssele (ab). David: Ihr Glück — in Amerika!---- Rüben (ihr nachblickend): Die arme Frau! Gemeindevorsteher Mandel (eintretend): Nun, meine Herren, wie geht's heute? — Viel zu tun? — Viel Auswanderer da? Rüben: Ja, gewiß, daran fehlt's nicht . .. Aber, leider, was können wir —! Wir sind machtlos all' diesem Elend gegenüber. . .! Gemeindevorsteher Mandel: Nein. Sagen Sie das nicht. Unser Bureau leistet Großartiges!

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