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Die Welt · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 25)
Language
German
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No. 23 DIE^E L 25 Die Sprache war für die jüdische Mystik von je ein seltsamer und schauererweckender Gegenstand. Eine eigentümliche Theorie der Buchstaben als der Weltelemente liegt vor, die von ihren Vermischungen als von dem Innern der Wirklichkeit handelt. Das Wort ist ein Abgrund, durch den der Redende schreitet. „Man soll die Worte sprechen, als seien die Himmel geöffnet in ihnen. Und als wäre es nicht so, daß du das Wort in deinen Mund nimmst, sondern als gingest du in das Wort ein, und sähest darin alle Himmel geöffnet." Wer des heimlichen Liedes kundig ist, das das Innen ins Außen trägt, der dunklen Weise, die wunderbar die Laute reiht, des heiligen Reigens, der einsame spröde Worte zum Gesang des Lebens verschmilzt, der wird der Gottesmacht voll, „und es ist, als schüfe er Himmel und Erde und alle Welten von neuem". Er findet sein Reich nicht vor wie der Seelenbefreier, er spannt es aus vom Firmament zu den schweigenden Tiefen. Aber auch er wirkt an der Erlösung. „Denn in jedem Zeichen sind Welten und Seelen und Göttliches, und sie steigen auf und binden sich und vereinigen sich miteinander, und danach vereinigen sich die Zeichen und es wird das Wort, und die Worte einen sich in Gott in wahrhafter Einung, da ein Mensch seine Seele in sie geworfen hat, und alle Welten einen sich und steigen auf, und die große Wonne wird geboren." So bereitet der Wirkende die letzte All-Einung vor. Hier mündet Kawwäna in Hitlahabut, in die Ekstase. Denn Schaffen ist Geschaffenwerden: das Göttliche bewegt und bewältigt uns. Und Geschaffenwerden ist Ekstase: nur wer sich in das Nichts des Absoluten einsenkt, empfängt die formende Hand des Geistes. Dies wird im Gleichnis dargestellt. Es ist keinem Ding der Welt gegeben, in sich umgeschaffen zu werden und in neue Gestalt zu kommen, es komme denn vordem zum Nichts, das ist zur „Gestalt des Dazwischen". Kein Wesen kann auf ihr bestehen, sie ist die Kraft vor der Schöpfung und heißt das Chaos. So ist das Vergehen des Eies zum Küchlein, und so der Same, der nicht keimt, ehe er in der Erde aufgegangen und verwest ist. „Und dies wird Weisheit genannt, das ist: ein Gedanke, der keine Offenbarung hat. Und also ist es, wenn der Mensch will, daß eine neue Schöpfung aus ihm komme, dann muß er mit aller seiner Möglichkeit zur Eigenschaft des Nichts kommen, und dann schafft Gott in ihm eine neue Schöpfung, und er ist wie ein Quell, der nicht versiegt, und wie ein Strom, der nicht aufhört." So ist zwiefach der Wille der chassidischen Lehre von der Kawwäna: daß der Genuß, die Verinnerung des Außen, in Heiligkeit geschehe; daß das Schaffen, die Veräußerung des Innen, in Heiligkeit geschehe. Durch heiliges Schaffen und heiligen Genuß vollzieht sich die Erlösung der Welt. MARTIN BUBER Risdion Cezion 3um 25fäljrfgen Jubiläum Der Kolonie Rfsdion Cezion Boris Kazmann in Cyons (IL S. R.) Des mittags Fitem Ist heiß unb schwer, ein Feuerstrom ist bas wüste fanb, Unb Woge auf TDoge von 6lut unb Branb Wälzt keuchenb ber Sübwinb vor sich her. Senge nur, Sonne, wir trotzen bem Branb! Sprengt's auch bie Brust, wir spotten ber 61ut! fjämmert, iljr Pulse, siebe nur, Blut, - TDir lassen ben Spaten nicht aus ber fjanb* Unb ob aud] ber Spaten ber fjanb entfällt Unb ber brennenbe Sanb sid] türmt zu Qauf, Wir müssen zu bir, wir wühlen biet) auf Tllit blutigen Fingern, geheiligtes Felb!..... Des mittags Rtem ist heil? unb schwer. Sie graben, graben, Jüann bei TTIann, Keiner zurück unb keiner ooran, Sie graben, graben, ein schweigenbes Reer. ,fBrüber, mein Kopf!" Unb einer fällt. . . . „Tot unser Bruberi" .... Die Arbeit steht. Sie sprechen leise ein kurzes Gebet: „ehre bir, Bruber! Du fielest als fjelb." Unb wieber ans IDerk! 6s schweigt ihr ITTunb — Sie haben zur Trauer unb Klage nicht 3eit: Hoch glänzen bie Schollen nicht tragbereit, TFodi ruht nicht bas Saatkorn im teuren örunb. Sie graben, unb Stunbe um Stunbe geht. Cs flirrt ber Sanb, bas eisen klingt. Die Sonne geht nieber, bie Sonne sinkt. Dollbracht bas Tagwerk. Die Arbeit steht. Unb heimwärts geht's auf fchmalem Pfab, eine Totenbahre bem 3ug ooran. Still fliegt eine Eosung oon mann zu mann: „Dem Toten zu ehren, Kamerab!" Die IlTonbnacht strahlt in bleicher Pracht - Unb plötzlich klingt's unb schwingt sich empor, ein Totengesang, ein Siegeschor, Unb braust hinaus in bie schweigenbe flacht: „Tllut, mein Dolk! Deine fjoffnung lebt! Jubelnb balb grüsst bich ber aWe Stranb, Frei wirb ber Päter hochheiliges fanb! JTIut, ihr Brüber! Die fjoffnung lebt!" Der morgen graut. Don nebeln ein Hleer. Sie graben, graben, mann für mann, Keiner zurück unb keiner ooran, Sie graben, graben, ein schweigenbes fjeer. . Köln, fünf 1907. Bertljolb Feicpel.

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