Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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24 D'IJE'3^KELT No. .23 dem Worte der Freiheit. Wenn ein Chassid an einem Orte nicht beten kann und an einen andern geht, dann fordert der erste Ort von ihm: „Warum wolltest du nicht auf mir die heiligen Worte sprechen? Und wenn Böses an mir ist, so ist es an dir, mich zu erlösen." Aber auch alle Reisen haben heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt. Von einigen Zaddikim wird gesagt, sie hätten helfende Macht über die wandernden Seelen gehabt. Zu allen Zeiten, sonderlich aber, wenn sie im Qebete standen, seien die Irrfahrer der Ewigkeit bittend vor ihnen erschienen und hätten das Heil aus ihren Händen empfangen. Doch auch aus eigenem Triebe hätten sie die Stummen unter den Gebannten im Exil eines niederen Leibes oder im Dunkel des Elements zu finden und emporzuretten gewußt. Diese Hilfe ist als ein ungeheures Wagen inmitten von andringenden Gefahren dargestellt, zu dem nur der Heilige sich spannen kann, ohne niedergeworfen zu werden. „Wer eine Seele hat, der mag sich in den Abgrund hinablassen, festgebunden durch seinen Gedanken wie durch ein starkes Seil am oberen Rande, und wird zurückkehren. Aber wer nur Leben hat, oder nur Leben und Geist, der hat die Artung des Gedankens noch nicht, und das Band wird nicht standhalten, und er wird in die Tiefe fallen." Kann also nur der Begnadete geruhigen Mutes in die Finsternis tauchen, um einer Seele beizustehen, die den Wirbeln der Wanderschaft überliefert ist, so ist auch dem Geringsten nicht versagt, die verlorenen Funken aus ihrem Gewahrsam zu heben und heimzusenden. Überall sind die Funken eingetan. Sie hängen in den Dingen wie in versiegelten Brunnen, sie ducken sich in den Wesen wie in zugemauerten Höhlen, sie atmen das Dunkel ein und Bangigkeit aus, sie warten; und die im Räume wohnen, schwirren wie lichttolle Falter um die Bewegungen der Welt umher, schauend, in welche sie einkehren könnten, durch sie gelöst zu werden. Alle harren sie der Freiheit. „Der Funke in einem Gestein oder Gewächs oder einer anderen Kreatur ist wie eine völlige Gestalt, die in der Mitte des Dinges wie in einem Block sitzt, Hände und Füße können sich nicht strecken, und der Kopf liegt auf den Knien. Und wer den heiligen Funken zu heben vermag, der führt ihn an die Freiheit, und keine Lösung Gefangener ist größer als diese. Wie wer einen Königssohn aus der Gefangenschaft errettet und zu seinem Vater bringt." Aber nicht durch Beschwörungsformeln und nicht durch irgend ein vorgeschriebenes sonderbares Tun geschieht die Befreiung. All dies [wächst auf dem Grunde der Anderheit, der nicht der Grund der Kawwäna L. PIL1CHOWSKI ist. Es bedarf keines Sprunges aus dem Gewohnten ins Wunder. „Mit jeder Tat kann der Mensch an der Gestalt der Gottesglorie arbeiten, daß sie aus dem Verborgenen trete." Nicht die Materie der Handlung, nur ihre Weihung entscheidet. Eben dies, was du im Gleichmaße der Wiederkehr oder in der Fügung der Ereignisse tust, eben diese aus Übung erworbene oder aus Eingebung gewonnene Antwort des Handelnden auf das vielfältige Begehren der Stunden, e})en diese Stetigkeit des lebendigen Stromes wird, in der Weihe vollzogen, zum Erlösen. Wer in Heiligkeit betet und singt, in Heiligkeit ißt und redet, in Heiligkeit des gebotenen Tauchbads und in Heiligkeit der Geschäfte bedacht ist, durch den „werden die gefallenen Funken erhoben und die gefallenen Welten erlöst und; erneuert". Um jeden Menschen ist — in die weite Sphäre seines Wirkens eingebaut — ein natürlicher Bezirk von Dingen gelegt, die vor allen zu befreien er bestimmt ist. Es sind die Wesen und Gegenstände, die der Besitz des Einzelnen genannt werden; seine Tiere und seine Wände, sein Garten und sein Anger, sein Gerät und seine Speise. Indem er sie in Heiligkeit hegt und genießt, macht er die Funken in ihnen los. „Daher soll der Mensch sich immerdar seiner Geräte und all seines Besitzes erbarmen/' Aber auch in der Seele selbst erscheinen die der Lösung Bedürftigen. Die meisten sind die Funken, die durch die Schuld dieser Seele in einem ihrer früheren Leben in die Niederung geraten sind. Sie sind die „fremden", störenden Gedanken, die oft den Betenden befallen. „Wenn der Mensch im Gebete steht und begehrt, sich an das Ewige zu schließen, und die fremden Gedanken kommen und fallen: heilige Funken sind es, die gesunken sind und von ihm erhoben und erlöst werden wollen; und die Funken sind ihm zugehörig, der Wurzel seiner Seele verschwistert: seine Kräfte sind es, die er erlösen soll." Er erlöst sie, wenn er jeden trüben Gedanken seiner reinen Quelle wiedergibt, jeden auf Sonderheit sinnenden Trieb in den göttlichen Alltrieb ergießt, alles Fremde in der großen Eigenheit untergehen läßt. Dies ist die Kawwäna des Empfangens: daß man die Funken in den umgebenden Dingen und die Funken, die aus dem Unsichtbaren nahen, erlöse. Aber es gibt noch eine andere Kawwäna, das ist die Kawwäna des Gebens. Sie trägt keine verirrten Seelenstrahlen in hilfreichen Händen, sie bindet Welten aneinander und herrscht in den Geheimnissen, sie schüttet sich in die durstige Ferne, sie schenkt sich der Unendlichkeit. Auch sie bedarf des Wunderbodens nicht. Ihre Bahn ist das Schaffen, und das Wort vor aller andern Gestalt des Schaffens. ANDACHT