Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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No. 23 DIES^ELT 23 Kawwäna Die Welterlösung im Chassidismus Aus einer größeren Arbeit von MARTIN BUBER Karl Wolfskehl zugeeignet Kawwäna ist das Mysterium der auf ein Ziel gerichteten Seele. Kawwäna ist nicht der Wille. Sie sinnt nicht darauf, ein Bild in die Welt der wirklichen Dinge zu versetzen, einen Traum festzumachen, daß er bei der Hand sei, beliebig oft empfunden zu werden in satter Wiederholung. Auch darauf nicht, den Stein der Tat in die Wellen des Geschehens zu werfen, daß sie eine Weile unruhig werden und sich verwundern, um sodann zurückzukehren zu den tiefen Befehlen ihres Lebens; einen Funken zu legen an die Zündschnur, die durch die Reihe der Geschlechter geht, daß eine Flamme hüpfe aus Zeit zu Zeit, bis sie in einer ohne Abschied und Zeichen erlischt. Nicht das ist Kawwänas Meinen, daß die Pferde an dem großen Wagen einen Antrieb mehr verspüren, oder daß ein Bau mehr aufgerichtet werde vor dem übervollen Blick der Sterne. Kawwäna meint nicht den Zweck, sondern das Ziel. Es gibt aber keine Ziele, sondern das Ziel. Nur Ein Ziel ist, das nicht lügt, das sich in keinen neuen Weg verfängt, in dem alle Wege münden, vor dem kein Abweg ewig flüchten kann: die Erlösung. Kawwäna ist ein Strahl der Schechina, der Gottesglorie, der in jedem Menschen wohnt und die Erlösung meint. Dies aber ist die Erlösung: daß die Schechina aus der Verbannung heimkehre. „Daß die Schalen des Übels von ihr weichen und sie sich reinige und sich eine ihrem Eigner in vollkommener Einung." Des zum Zeichen erscheint der Messias und macht alle Wesen frei. Manchem ist sein Leben lang, als müsse es hier und heute geschehen. Denn er hört die Stimmen des Werdens in den Schluchten brausen und fühlt das Keimen der Ewigkeit auf dem Acker der Zeit, wie wenn es in seinem Blute geschähe, und so kann er es nimmer anders denken, als dies und dies sei der erwählte Augenblick. Und immer noch heißer zwingt ihn sein Wähnen, weil immer noch gebietender die Stimmen reden und noch heischender das Keimen schwillt. Von einem Zaddik wird erzählt, daß er also sehr der Erlösung, harrte: wenn er auf der Gasse ein Getümmel hörte, sogleich wurde er erregt zu fragen, was dies wolle und ob nicht der Bote gekommen sei; und jedesmal wenn er zum Schlafen ging, befahl er seinem Diener, wenn, der Bote käme, solle er ihn im gleichen Augenblick wecken. „Denn also sehr war in seinem Herzen das Kommen des Erlösers eingefaßt, wie wenn ein Vater den einzigen Sohn aus dem fremden Lande erwartet und steht auf der Turmwarte mit Sehnsucht der Augen und lugt durch alle Fenster aus, und da man die Tür öffnet, eilt er hinaus zu sehen, ob sein Sohn nicht gekommen ist." Andere aber sind des Schreitens kundig in seinem Maße und sehen Ort und Stunde der Bahn und wissen die Ferne des Kommenden. In allem stellt sich ihnen cas Unvollendete dar, die Gebrechen der Wesen reden zu ihnen, und der Atem der Winde trägt ihnen Bitterkeit zu. Wie eine unreife Frucht ist die Welt vor ihren Augen. In sich sind sie der Glorie teilhaftig — da schauen sie hinaus: alles liegt im Kampfe. Als der große Zaddik Rabbi Menachem Mendel von Witebsk in Jerusalem war, ereignete es sich, daß ein törichter Mann den Ölberg bestieg und in den Schofar stieß. Und keiner hatte ihn gesehen. Und es war ein Gerücht im Volke, dies sei das Schofarblasen, das die Erlösung verkündigt. Und als dies zu den Ohren des Rabbis kam, öffnete er ein Fenster und sah in die Luft der Welt hinaus. Und sogleich sprach er: „Da ist keine Erneuerung." Dies aber ist der Weg der Erlösung: daß alle Seelen und Seelenfunken, die der Urseele entsprossen und in der Urtrübung der Schöpfung oder durch die Schuld der Zeiten gesunken und hinausgestreut sind in alle Kreaturen, die Wanderschaft beschließen und geläutert heimkehren. Die Chassidim reden davon im Gleichnis des Fürsten, der das Mahl erst anheben läßt, wenn der letzte der Gäste eingezogen ist. Alle Menschen sind die Stätten wandernder Seelen. In vielen Wesen wohnen sie und streben von Gestalt zu Gestalt nach der Vollendung. Die sich aber nicht zu läutern vermögen, werden von der „Welt des Wirrsals" befangen und hausen in Wasserlachen, in Steinen, in Gewächsen, in Tieren, der lösenden Stunde entgegenharrend. Doch nicht bloß Seelen sind überall verschlossen: auch Seelenfunken. Dieser ist kein Ding leer. Sie leben in allem, was ist. Jede Form ist ihr Kerker. Und dies ist der Sinn und die Bestimmung der Kawwäna, daß es dem Menschen gegeben ist, die Gefallenen zu heben und die Gefangenen zu befreien. Nicht bloß warten, nicht bloß ausschauen: wirken kann der Mensch an der Erlösung der Welt. Dies eben ist Kawwäna: das Mysterium der Seele, die darauf gerichtet ist, die Welt zu erlösen. Es wird von Heiligen berichtet, die es im Sturm und in der Gewalt zu vollbringen vermeinten. In dieser Welt: wenn sie von der Gnade der Inbrunst so durchglüht waren, daß ihnen nichts mehr unerreichbar schien, die sie doch Gott umfangen hatten. Oder in der kommenden Welt: ein Zaddik sprach im Sterben: „Die Freunde sind hingegangen und wollten den Messias bringen, und haben es in den Wonnen vergessen. Aber ich werde nicht vergessen." In Wahrheit jedoch kann jeder nur in seinem Bereiche wirken. Jeder hat eine weit in Raum und Zeit ausgespannte Sphäre des Seins, die ihm zugeteilt ist, durch ihn erlöst zu werden. Orte, die von Ungehobenem beschwert und in ihrer Seele gefesselt sind, warten auf den Menschen, der zu ihnen kommen wird mit