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Die Welt · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Leo: Vergangenheit haben auch wir....... O, wenn ihr wüßtet, wie wir uns nach ihr sehnen. Aber unsere Vergangenheit ist tief, tiefer als das Leben . . Wir können nur ahnen, wo ihre Wurzel ist. Wir sind die Leugner, Großvater, aber wenn du willst, sind wir die Juden, auch wenn wir weggehen...... Mutter: Weggehen, Leo, was hast du gesagt? Bist du weggegangen? " ..... Leo: Nein, Mutter......nicht wie du feinst, nicht äußerlich, aber mein ganzes Leben war eine Verläugnung. Lisa: O, erzähle, erzähl mir, Bruder, von deinem Leben. In deinen Worten, in deinem Schweigen hör' ich die fremden Töne, etwas Unbekanntes, Schönes. Erzähle, Bruder •...... Leo: Erzählen? Von meinem Leben? Was weiß ich von meinem Leben, was weiß ich vom langen Wege, den ich gewandert? Ich habe Meilensteine passiert, bin durch Öden gewandert, und auf endlosen weißgrauen Schneegefilden sind meine Spuren. Von meinem äußeren Leben weißt du ja. Es ist auch nicht viel zu erzählen ........ Was kann man von einem Tage berichten, der von Wolken bedeckt war und an deni es unaufhörlich regnete........ Es war ein graues Dunkel. Nur in einem Winkel verbarg sich ein Strahl von gestern, s?ahl sich manchmal hervor und lugte......, ob nicht ein Bote gekommen sei des Strahles von morgen, der kommenden Sonne .... Wie ich mich nach der Sonne sehnte! Nach Luft, nach Sturmwind — und da war alles so ruhig. Schwester, ein weißer Teppich bedeckte die langen Jahre meines Lebens und ich hörte nicht; das Schreiten der Welt. Ich hab' nur geträumt..... Lisa: Und hast du allein geträumt, warst du einsam in deinem fernen Dorf an der Lena? Leo: Einsam? Nein, es war eine Einsamkeit zu zweien . . . Mutter: Und wer war denn der zweite? War es deine . . . Leo: Ja, es war meine! Die Gefährtin meines einsamen Traumes. Mutter: Und wer war sie? Leo: In einer Festung habe ich sie kennen gelernt. Ich habe sie zu meiner Gefährtin erwählt, als wir einander noch nicht gesehen haben. In einem Tran Sportgefängnis in Moskau. Dort war ich lange, lange Monate. Ganz allein. Nur graue Steine hab' ich gesehen, nur ein fernes Winken von kalten Sternen in tiefer Nacht. Und in der zweiten Zelle, durch eine Mauer von mir getrennt, war sie. Eine Welt zwischen uns, eine unüberwindliche Mauer. Und wir haben sie überwunden. Wir haben uns durch Klopfzeichen verständigt, wir haben durch die Wände von Quadern, über Grabsteine und steinerne Särge hindurch, vom Leben gesprochen. Wir waren lange, lange Monate in unsichtbarer Nähe, und wir waren zusammen. — Nur Festungsmauern zwischen uns. Als man uns weiterschickte, trafen wir am weiten Wege zusammen. Und wir haben einander das tiefe Geheimnis der verlebten grauenvollen Einsamkeit entgegengebracht. Wir blieben zusammen in dem kalten, grausamen Schacht und dann im einsamen Dorfe an der Lena . . . Mutter: Und dann?...... Leo: Und dann kam es...... Im kalten Schnee war unsere Jugend begraben. Und unsere Sehnsucht ging auseinander. Ich strebte nach der Sonne, sie schlief ein im Schnee .... Lisa: Sie starb? Leo: Ja, sie starb, nachdem sie für das Leben gestorben, sie starb an unserer zweisamen Einsamkeit — und mit ihr das kleine in Wehmut geborene Kind......... Mutter: Und......war sie eine.....eine......? Leo: Eine Jüdin, willst du sagen. Mutter — in Ketten gibt es keine Juden, in der gefrorenen sibirischen Heide gibt's nur mit dem Tode kämpfende Menschen......., Großvater: Ja, nur im Wachen sind wir Juden — im Traum sind wir alle Kinder eines Vaters — wir und sie. Und du hast in einem schweren Traum gelebt. Leo: Nein Großvater, es war kein Traum, es war eine grausame Wirklichkeit. Wirklichkeit ist die Qual der Einsamkeit, die Qual des einsamen Menschen. Wirklichkeit ist der Jammer des langsamen Sterbens. Wirklichkeit ist die schneidende Kälte, die Enge, die Gefesseltheit. Großvater, mein Häuschen an der Lena, wohin kein warmer Sonnenstrahl drang, ist für mich das Bild der •V^it, -wir beide — ich und meine Lebensgefährtin, das Sinnbild der Menschheit geworden. Und als ich mich in den Qualen der Sehnsucht wälzte, stöhnte die Erde mit, weil es ihr auch eng war. Und wie hab' ich meine Gefährtin beneidet, daß sie an die Idee bis ans Ende glaubte, an die Idee, die früher unser war und dann nur ihr gehörte. Sie hat innig geglaubt, ich habe meinen Gott gemordet, wie ich früher euren Gott getötet habe. Und sein Blut rötete den vom weißen Schnee bedeckten Boden. Dieses Blut trieb mich fort — und sie ins Grab. Lisa: Glaubst du jetzt nicht mehr an deine Jugend, an das, was früher dein Löben war? Leo: Ich glaube nur an das Sterben, es gibt kein Leben. Es gibt nur ein Auflockern und ein Verlöschen, nur eine Sehnsucht. Ich hab' mich vo\ mir flüchten wollen, einen neuen Menschen zu finden. Chaim: Hast du den Fehler deiner Jugend eingesehen? Leo: O, nein! Gefehlt? War denn mein Leben verfehlter als das deine? Glaubst du, in weichen Federbetten liegt das Glück? Ich bin nicht aus Sibirien geflohen, weil'es mir zu hart war, weil ich mich zur Ruhe legen wollte. Eine neue Sonne will ich haben. Dein Feuerherd wärmt nicht. Mir ist kalt auf dieser Erde. Sengende Strahlen suche ich, Wärme suche ich. Großvater: Du suchst unseren ewigen Traum, das Reich von oben..... Mutter (erschrocken): Um Gotteswillen, ich glaube, jemand horcht am Fenster, ich sah da eine schwarze Gestalt. (Alle wenden sich zum Fenster. An den Ladenspalten, die ein wenig vom Winde auseinandergeweitet sind, bemerkt man eine Gestalt.) IV. Szene (Chaim tritt ans Fenster. Eine schwarze sternenlose Winternacht lugt durchs Fenster hinein. Die Straße vom tiefen Schnee bedeckt, die Häuser stehen im Schnee, wie schwarze Grabsteine. An der Ladenöffnung steht zusammengekauert ein Mensch, sein struppiger Bart voll von Eiszapfen, sein giober Bauernkittel ist ganz erstarrt. Er schlägt die Hände übereinander, um sich zu wärmen.) Eine Stimme: Ich bin es, Matwej, der Nachtwächter. Chaim: Und was stehst du hier? Eine Stimme: Ich möchte mich ein wenig erwärmen. Laßt mich hinein. Großvater: Das ist ja der alte Matwej, der uns am Sabbat die Öfen heizt. Er ist wahrscheinlich erfroren. Man müßte ihn hineinlassen. Mutter: Und........(zeigt auf Leo.) Leo: 0, es macht nichts, ich kann ja mittlerweile in das zweite Zimmer gehen. Einen frierenden Menschen muß man erwärmen. Auch ich will mich bei euch wärmen, wenn auch nur eine Weile. Laßt den armen Menschen herein. (Chaim geht zur Tür, öffnet sie leise. Sie knarrt. Alle erschauern vor dem eisigen Hauche der Nacht.) Chaim: Rasch, Matwej, es ist kalt. Eine Stimme: Sofort Herr. Gott soll's euch vergelten! (Ein alter gebückter Bauer mit den Schlüsseln eines Nachtwächters, mit einer von Eis bekrusteten, kaum glimmenden Laterne und einem großen Stock mit einer eisernen Spitze tritt ein. Der Stock schlägt unversehens dröhnend auf die Schwelle. Chaim schließt hastig die Thür.) V. Szene Matwej: Guten Abend, Herr Schlorna, guten Abe:id, Frau Ruchla. O, diese Kälte. Ich bin ganz erfroren! Alte Knochen, Herr Schlorna.

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