Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316266--49382-3344317
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 23 Leo: Mein Feuer, Großvater, flackert, aber wärmt nicht, wenigstens nicht für die Ferneren. Es ist eine zu große Kälte. Weißt du, in den Steppen, wenn es so kalt wird, daß die Erde sich windet und krümmt und knarrt, wenn die Luft gefroren ist und der Himmel sich in einen weißen Pelzmantel einhüllt und starr ist vor Kälte, zündet man zuweilen Scheiterhaufen an. Aber der Frost ist stärker, und das Feuer weicht. Großvater, Schnee wärmt, aber wehe vor dieser Wärme! Mutter: Ha, man kommt. Es ist Chaim...... III. Szene Chaim (ein wohlhabend aussehender Mann in den 30er Jahren tritt behutsam ein, schließt vorsichtig die Tür): Leo! (drückt ihm die Hand, küßt ihn lange). Mein großer Bruder! (Sie setzen sich wieder.) Leo: Njunja? Mutter, erinnerst du dich noch, wie wir ihn Njunja nannten, als er noch ganz klein war, so>ein kleiner Junge! Mutter: Meine Kinder! Endlich sitzt ihr beisammen. Ich hab' es so lange ersehnt, davon geträumt. O, wie olt hab' ich Nächte hindurch geweint, Gott gebeten, ich soll euch noch einmal beisammen sehen und dich, Leo, mein teuerster Sohn. Leo: Mutter, wir erleben alles, alles was wir erträumen, wenn auch nur für einen Augenblick. Und wie geht es dir, Chaim? Chaim: Gottlob gut. Leo: Ich sehe es. Wie hast du dich im Leben eingerichtet? Als ich dich verließ, warst du noch nicht flügge. Wie^hat dich die Welt empfangen? Chaim: Ich habe gearbeitet und ich bin emporgekommen. Ich habe mich durchgerungen. Ich hab' jetzt eine gute Lebenstellung, eine sichere Zukunft, hab* geheiratet und bin zufrieden. Leo: Eine Lebensstellung mit dreißig Jahren? Und zufrieden? Chaim: Ja, Bruder, das ist die Kunst des Lebens. Ich hab' ihm abgerungen, was ich konnte, und was ich nicht konnte, wollte ich auch nicht...... Lisa: Aber, hör auf, hör' wenigstens jetzt auf mit deiner zufriedenen Weisheit. Ich hab' sie schon oft gehört. Sie ist grausam, deine greisenhafte, verrunzelte Lehre vom emporgearbeiteten kleinen Manne, der mit der ganzen Welt in Frieden leben will, auch mit den Mördern unseres Glückes. Leo, du wirst bei uns so wenig sein, dein Aufenthalt ist so kurz, sag' uns was, sag' mir was, von deinem Leben, von deinen Leiden, von den weißen Leiden der kämpfenden Steppe. Leo: Von meinen Leiden? 0 nein, das möchte ich nicht. Von meinem Jubel möchte ich dir erzählen, von meinem jauchzenden Glücke, vom Sturme, der heulte und das tolle Lied des Sieges und des Kampfes schmetterte, von meinen Träumen, das .^anze weiße Rußland zu befreien, die Welt höher, edler zu machen, ind von meiner Kraft, die gebrochen, nein, die sie brechen wollten. Lisa, jeden von uns erwartet die weiße, grausame Steppe. Es ist ler Weg zu uns selbst . . . Mutter: Sage es nicht, Leo, behüte Gott, sie ist ja so unge- -lüm. Sie ist wie du. Es drängt sie hinaus in das fremde weite •.eben. Sie hat immer von dir geträumt, und a s sie von dir sprach, gruselte es mich, denn ich sah, daß es sie zu dir hinzieht..... Lisa: Ja, Mutter hat recht, zu dir zieht es mich! Zu deinem .eben, das ein Traum ist, zu deinen Wünschen, die mir eine Sehnsucht sind! Weißt du denn, Leo, wie einsam es hier ist. Du an ler Lena warst vielleicht nicht so einsam. Du hast nicht den Hohn des Zufriedenseins mit dem kleinlichen, grauen Alltage getragen. Mutter: Hörst du, mein Sohn? Das ist der Widerhall deiner vVorte, die mich einst in solche ahnungsvolle Angst versetzten. Ms ob sie sie gehört hätte. Euch ist allen einsam hier, bei der alten, einsamen Witwe, die euch so liebt . . . Wie glücklich sind die anderen Menschen! Bei ihnen ist Friede und Ruhe und stilles 19 Glück im Hause..... Ich habe nie dieses Glück gekannt, Gott hat mich nicht würdig gehalten, ich habe nur um euch weinen dürfen, meine Kinder. Leo: Mutter, klage nicht. Wir sind nicht wie die anderen. Unser Friede, unser Glück sind von einer anderen Welt, von einem anderen Reiche, vom Reiche der Träume. Es zieht uns nach Hause" ..... Und unsere Liebe ist unser Leben. Chaim: Bruder, du hast dich aber gar nicht verändert. Du sprichst ganz wie vor 20 Jahren. Nichts für ungut, du weißt, ich liebe dich - und ehre dich wie einen älteren Bruder, zu dem ich hinaufgeschaut habe, als ich jung war .... aber deine Wege gefielen mir nicht, noch die Lisas und der anderen. Ihr lehnt euch gegen das Schicksal auf, gegen das Unabwendbare. Ihr stürmt gegen Festungen -;- mit euren Köpfen. Und die Festungen schützen manches kostbare-Gut: Das Leben, das einfache Leben in Ruhe. Ihr weckt Leidenschaften auf, die schlafen sollten, ihr trompetet den Toten, der Tag der Auferstehung sei gekommen noch vor dem jüngsten Gericht. Ihr nehmt das Leben zu leicht ....... Großvater (fällt ihm in's Wort): Oder zu ernst .... Leo (schaut tfefremdet den Großvater an): Zu ernst. Du, der alte graue Jude vin ehedem sagst es? Wir nehmen das Leben zu ernst! Und wie h*abt ihr das Leben verstanden? War denn nicht dein, euer aller Leben, das Leben des ganzen jüdischen Volkes eine dunkle Hülle) eine Umgrenzung, Einschließung des Lebens? Erinnerst, du dich, Großvater, was du mir einst sagtest, als ich ging, yj2i^J&?> immer fern zu bleiben? Damals, als wir unseren letzten Kampf mit euch kämpften, als ihr euch nicht habt mit dem Gedanken versöhnen können, daß unsere Welten auseinander gehen, einander verschlingen müssen, da hast du mir gesagt: „Du verstehst das Leben nicht. Du nimmst dich und die Welt zu leicht. Du vergißt, daß auf dir eine Welt liegt, auf dir und an dir, — eine schwere Erbschaft: Das Judentum." — Und jetzt sagst du mir, wir nehmen das Leben zu ernst? Großvater: Ja, ich war damals, vor zwanzig Jahren, jünger. Auch ein alter Mann wird älter. Als du jung warst, war ich schon alt. Aber ich bin noch viel älter geworden, älter als ich sein sollte. Zwanzig Jahre ist eine lange Spanne Zeit. Und die Nächte eines alten Mannes sind noch länger. Ich habe oft und schwer nachgedacht über dich, über alle, die mit dir gehen, die, wie du, fallen. Ich habe auch dein Leben mit dem meinen verglichen. Ich habe eine andere Vergangenheit als ihr. Als ich jung war, stand eine Welt noch fest. Unsere Welt, die jüdische. Was außerhalb war, wußten wir nicht, konnten wir nicht begreifen. Wir haben die Sonne auf unsere Art gesehen, und die Erde war jüdisch. Ihr habt diese unsere Welt zerstört. Und ich hab' mich gefragt: Warum? Was drängt euch hinaus? Warum ist euch unsere Welt so eng geworden? Ich habe euch verurteilt, bin auch jetzt nicht von eurer Welt, aber in den langen Nächten, als die Gedanken wie Spinnen so leise um mich krochen, in mir wie ein Gewebe spinnend, da habe ich einen Blick in eure Seele getan. Sie ist anders gesponnen als die unsere. Unsere Welt stand auf eigenen Füßen. Wir haben dieses Leben nicht geliebt. Für uns gab es nur eine Vergangenheit, — außerhalb des Lebens, — nur eine Zukunft, — jenseits des Lebens, — die Gegenwart war für uns eine Vorhalle. Wir haben ihr keinen Wert beigelegt. Weißt du, Leo, warum wir leiden konnten? Weißt du, warum wir die ganze Last des Lebens, gegen die ihr euch stemmt und die ihr abschütteln wollt, geduldig ertragen haben, trotzdem wir sie nicht unser nannten? Weil unsere Welt eine ganz andere war. Wir waren zu große Verächter, um zu kämpfen. Wir hatten nur den Mut des Märtyrers, nicht des Stürmers. Ihr aber nehmt dieses Leben zu ernst. Euch ist die Gegenwart ein Heiligtum, die Vergangenheit nichts. Wer aber frei ist von Vergangenheit, hat keine Gegenwart — wird keine Zukunft haben ........

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.