Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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No. 23 DIE 3^ ELT 21 Mutter: Wie, kommt's denn, Matwej Stepanytsch, daß du in so später Stunde bei solchem Froste noch herumgehst? Chaim: Sonst schläfst du ja auch in den Sommernächten? Matwej: O, dieses Hundeleben! Weiß ich's? Als ich jünger war, konnte ich ganze Nächte aushalten, Sommer und Winter. Jetzt ist's schon zu schwer. Dieser verfluchte Dienst. Heute kam zu mir Petrowitsch, ihr wißt, der Aufseher, und befahljnir« streng^ stens, die ganze Nacht kein Auge zu schließe^, und zu wehen.' Es soll etwas geschehen. «..'"' Mutter: Was ist? Setz dich, ja Stepanytsc jrfmfii nimm erst ein Schlückchen Schnaps. (Matwej trinkt längs* .i^^^chzend.) Matwej: O, o! Es brennt! (schnalzt mit jäer^nge.) Weiß ich, was die vorhaben. Auflauern, sagt Petrowitsch^' müssen sie. Weiß ich wozu? Man befiehlt. In meinen Jahrjen/-Sejr Schloma, ich erinnere mich, als Ihr noch schwarzes Haß muß ich herumgehen in der kalten Nacht. >r hattet wie Chaim, Wie gut hat es Pachomytsch, der Küster. Er hat eine warme : SJub%& läutet zwei — dreimal täglich in der Kirche und kann auclvip pitfern warmen Bette schlafen. | ' '\ 'X Großvater: Aber warum mußt du denn b.^vchen? Vor Dieben *W fürchtet sich ja Petrowitsch nicht. -tV* > Matwej: Weiß ich, ich bin ein alter M|£§n? ein einfacher Bauer. Man sagt, man flüstert. Petrowitsch sagtc|,.:trian muß jemand fangen. Und als ich fragte, wen, sagte er milr: „Schweig, alter Klotz. Dein Bauernschädel versteht es ja nicht". Bin „po-le-tischer", sagte er. Weiß ich was das ist? (Alle werden bieiclf^Matwej klopft sich die Pfeife aus, füllt sie langsam wipier, ^^ent einen Zug.) 0, die Zeiten! Immer hört man etwas.*"''2R)i£fte~Wörter* Po-le-tisch! Was heißt das? Ich habe einmal einen solchen gesehen. Sie haben ihn in Ketten geführt. So blutjung, mit einem guten Gesichte, und als ich den Soldaten — er war mein Gevatter, der Bruder der seligen Apraschka, der Wäscherin, — fragte, ob der junge Mann gestohlen habe, sagteer: Nein, Gevatter, du weißt, er ist ein P-letischer, der gegen „Sie" ist, ein innerer Feind. So einer, sagt man, will den Antichrist bringen. Oh, diese jungen Männer! Mutter: Und weißt du nicht, wen man heute sucht, Matwej? Matwej: Nein, ich weiß nur, daß ich in dieser Straße die ganze Nacht auf und ab gehen muß. O, Christus Vater, ich muß wieder gehen. Petrowitsch ist dort, und wenn er mich trifft, so bekomme ich schon was. Danke für die Wärme, Frau Ruchla, gute Nacht, Herr Schloma. (Zu Chaim und Lisa) Gute Nacht, Kinder. (Er geht wieder mit schweren Schritten und ächzend hinaus.) VL Szene (Leo tritt aus dem zweiten Zimmer wieder ein.) Chaim: Hast du gehört? Leo: Ja, ich war ja auch darauf gefaßt. Ich wußte ja, daß man mir auf den Spuren ist. Mutter: Mein Sohn, mein Sohn, was hast du mit deinem Üben getan? Leo: Mutter, weine nicht. Es muß so sein. Ist es dir kein Frost, daß deinem Kinde innerlich gut ist? Ich werde bald gehen, Mutter, vielleicht für immer. Aber nein, nicht für immer. Es wird bald anders werden. Andere Zeiten kommen, Mutter, und da wird es keine gewaltsame Trennung mehr geben, Der kalte Schnee muß schmelzen, Mutter, und unter dem Schnee liegt grünende Erde. Mutter: O, mein Sohn, ob ich das noch erleben werde? Lisa: Leo, und du gehst weiter zum Kampf? Nimm mich mit, ich gehe, wohin du gehst. Ich will neben dir kämpfen. Leo: Komm, Schwester, aber geh allein! Du wirst schneller will Ziele kommen. Ich bin ein schlechter Gefährte. Geh du der Sonne entgegen. Lisa: Und du? Leo: Auch ich. Aber vielleicht bleibe ich im ersten grauen Morgennebel. Wer weiß? _ Mutter: Leo, sag es nicht! Nimm sie nicht. Meine Kinder! Großvater: Laf3, meine Tochter, du verstehst es nicht. Was sein muß, muß sein. Leo muß gehen, und wenn Lisa gehen wird, so ist's das Schicksal. Auch unsere Ahnen mußten in den Tod gehen. Damals waren es die Horden der Kosaken, die wilden Haidamaken, die Gontas und Chmelnitzkis, die sie wegen der >>-Jigyijgfgi3L Thorah,.in den martervollen Tod trieben. Hier und dort isj^Qotteshand. »Ljaß das Unabwendbare geschehen. Chafm: Neinj es ist nicht unabwendbar. Es gibt kein Müssen. 4 Leo mußte ,-nichtj sein Leben hingeben, zerstören, seine Jugend, und uhsen Glück! ßr wollte es so. Auch Lisa will sich selbst einen Strick drehen.: IVL^i darf nicht wollen, was stärker ist als wir . . . Mutter: Meli Sohn, ist es möglich, daß du von deiner alten Mutter wieder.; gejist? Gott, warum hast du's mir getan? Leo, kommst du Ä^^^ieder? Werden wir noch von dir hören? Werde ich dich riocfc^l&hen, bevor ich die Augen für immer schließe? Und weniv-niÄiftin Vater dort (zeigt nach oben) fragt: Was ist 1' ich ihm da sagen? ter. Ich werde gehen, vielleicht kehr' ich noch ■/tagen wird. Oder, wenn die Nacht noch lang ||mein Licht verglimmen in der dunklen Nacht. mit Leo, was| Lea wiede|? wird,^c& Mutter (umai dich Vater fi?.), ich will frei sein, ich werde . . . Und wenn n&11 r~vV. ......(Ein schriller Pfiff wird draußen hörhar. Leo rUnävptiim, die ihn gehört haben, erblassen. Man hört leise flüsiernde-iSwimen.)?-> Großvater: ^Sie kommen. Die Schergen kommen, um das Leben meines Kiijles . . . -^._^A^4^^PWie ohnmächtig in Leos Arme). Lisa (sieht mit feurigen Blicken auf die Tür): Nein, ich werde es nicht zulassen. Wehr dich, Bruder! Leo: Lisa, gegen eine Schar von Wölfen hilft kein Wehren. Lisa: Wo kein Wehren hilft, da kommt die Rache. Leo: Ja — und sie kommt . . , (Eine rauhe Stimme draußen ruft: Öffnet.) VII. Szene (Alle wie erstarrt. Chaim will zur Tür gehen, Mutter fällt ihm in den Arm. Die Tür wird aufgerissen. Ein Gendarmerieoberst und einige Gendarmen mit gezogenen Säbeln dringen ein.) Gendarmerieoberst (erkennt auf den ersten Blick Leo): Ah, guten Abend,* Lew Michajlowitsch, daß wir uns endlich wieder sehen! Wir werden wieder ein wenig zusammen spazieren müssen. Leo: Leider. Für mich oder für Sie. Ich bin bereit. Gendarmerieoberst: Gut, gut, werden schon sehen. Geruhen Sie zu kommen. Leo (geht zur Muttter, umarmt sie): Mutter, lebe wohl, ich werde frei sein. Weine nicht. Das Leben ist keineTräne wert. Leb wohl,Großvater, dir möchte ich fast sagen: Auf Wiedersehn! (drückt dann Schweigend Chaim die Hand). Und du, Lisa, geh dem Frühling entgegen. Lebe du! [Der Frühling wird dir nochlächeln. Gute Nacht (geht hinaus). Gendarmerieoberst: Gute Nacht, und Sie, Fräuleinchen, werden wir auch schon einmal wiedersehen. Sie haben zu viel Feuer in den Augen. Wird schon gekühlt werden. Gute Nacht (schließt die Tür hinter sich). (Alle bleich, wie erstarrt, auf einmal aus der Ferne ein Doppelschuß. Ein dumpfes Getöse.........) Großvater: Er ist schon frei......... Wir sehen uns bald wieder .... Chaim: Was meinst du damit? Was heißt das? Großvater: Still, es hilft nichts mehr. Ich sehe rotes Blut auf den Schnee fließen. Er ist wie ein Heiliger gefallen..... (zerreißt sein Gewand). Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen..... Mutter: Ah! (fällt bewußtlos Chaim in die Arme). Lisa: Sein Blut rötet den Schnee und der Schnee schmilzt. Ich werde ihn rächen! Ich werde das Leben rächen! Der Vorhang fällt!