Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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18 DIE3|e ELT - ROTER SCHNEE EINAKTER VON A. CORALNIK No. 23 (Nachdruck verboten. — Aufführungs- und Übersetzungsrecht sind durch die „Anstalt zur Aufführung drani. Werke", Theaterverlag, Berlin-Charlottenburg, Wielandstraße 15, zu erwerben.) (Handlung in einem kleinen südrussischen Städtchen.) Einfaches Zimmer mit altmodischen, etwas abgebrauchten Möbelstücken. An der Wand zwei Porträts, eines von Moses Montefiore und das zweite von einem blassen Juden mit leidenden Gesichtszügen. Die Fensterläden geschlossen. An den Scheiben Frostblumeii. 11 Uhr abends. Auf dem Tische steht eine kochende Teemaschine und Teegeschirr. In der Stille des Zimmers hört man das Brodeln des kochenden Wassers. Mutter, eine ältere Frau von etwa 50 Jahren, etwas bleich, in gewöhnlicher jüdischer Tracht, strickt an einem Strumpf. Großvater, 72 Jahre alt; weißer langer Bart. Eine Samtkappe auf dem Kopfe. Raucht eine Pfeife. Vor ihm ein offenes Buch: Der Talmud. Beide schweigen. I. Szene Lisa (schlankes Mädchen von 19 Jahren, etwas längliches Gesicht, große träumerische Augen, tritt leise ein): Nun? Mutter (fährt auf, schaut sich um): Noch nicht. Lisa: Wann sollte er kommen? Mutter (beinahe flüsternd): Um II1/«. Der Zug kommt um 10 Ys, und es dauert ja wenigstens eine Stunde, bis der Wagen kommt..... Lisa: Wer ist gefahren, ihn abzuholen? Mutter: Niemand. Er hat's ja nicht gewünscht. Er schrieb, er werde schon' selbst den Weg finden . . . Nach so langen Jahren . . . (schielt zum Großvater hinüber. Dieser sitzt mit halb geschlossenen Augen. Nur der Rauch, der von seiner Pfeife steigt, zeigt, daß er nicht schläft). Lisa: Hast du Chaim verständigt? Mutter: Ja, ich habe ihn her gebeten. Nach so langer Zeit........ Es ist doch ein Bruder. Mein Leo, mein Sohn, wie wird er aussehen! Lisa (lauscht): Ich glaube etwas gehört zu haben. Mutter: Hast du die Läden geschlossen? Lisa: Ja, von außen kann man nicht hineinschauen. Großvater: Er kommt. (Lisa und die Mutter horchen erschrocken auf.) II. Szene Leo (schlanker, etwas gebückter Mann, mit grauen Haaren, verwittertem, gefurchtem Gesicht und reiner, jugendlicher Stirn, tritt ein, schließt die Tür hinter sich): Guten Abend.......(lautlose Stille. Alle stehen auf und blicken wie versteinert. Nach einiger Zeit rafft sich die Mutter auf, fällt ihrem Sohne um den Hals). Mutter: Mein Kind! Mein Herzenssohn! Du bist es! Dieser alte Mann bist du! Leochen, mein teurer Sohn, das sind deine grauen Haare! Leo (verschluckt eine Träne): Ja, Mutterchen, das bin ich. Guten Abend, Großvater! (Der Alte will sich festhalten, reicht ihm feierlich die Hand und spricht mit einer dumpfen, unnatürlichen Stimme): Scholem Alechem, sei gegrüßt, mein Sohn, sei gegrüßt unter deiner Mutter Dache. Leo (sieht sich um, wirft dann einen Blick auf das Bild des blassen Juden an der Wand): Vater? (Mutter fällt wie ohnmächtig zurück in den Sessel und verdeckt sich das Gesicht . . . Alle setzen sich.) Leo: So! Ist's schon lange her? Großvater: Dein Vater, Friede seinem Andenken, ist seit 10 Jahren tot. Er ist einige Jahre nach deiner......nach deiner Abreise gestorben. Mutter (erhebt das tränendurchnäßte Gesicht): Ja, mein Kind. Sie haben unsere Welt zerstört. Mit dir, meinem Ältesten, Schmerzensgeborenen, ist das ganze Glück unseres Hauses dahingegangen. Vater konnte nicht den Gedanken ertragen — Vater (schluchzt) . . Leo (schaut sich um): Und Chaim? Mutter: Chaim ist hier. Wohnt nicht weit von uns. Ist verheiratet, hat Kinder, sie sollen leben und stark sein, Chaim ist noch immer ein stiller und ruhiger Mensch. Großvater: Ein Krämer. Leo (sieht Lisa, die abseits sitzt und mit aufgerissenen Augen auf ihn schaut, blickt fragend auf die Mutter): Und? . . . Mutter: Das ist Lisa, deine....... Leo: Lisa, das kleine Kind,.das schöne, liebe Lieschen, das ich auf den Händen getragen habe? Du bist schon sogroß? (Reicht ihr langsam und feierlich die Hand), Ich war damals jung, du warst noch ein Kind. Du bist schon ein großer Mensch geworden und jung, wie ich einst war. Mutter, bin ich alt geworden? Mutter: Mein Kind, du bist nicht alt, du bist noch immer mein Kind. Ich sehe nicht deine weißen Haare, ich sehe nur noch mein kleines Kind, meinen erstgeborenen Sohn, den ich an meiner Brust trug. Das weiße Kleidchen, das weiche Händchen, das deine junge Mutter streichelte. O, mein kleiner Junge! (Umarmt ihn weinend). Leo: Ja, Mutter, dir ist besser als mir. Du siehst in mir noch den kleinen Jungen von damals und erlebst deine Jugend und die meine wieder. Ich aber fühle, Mutter, wie kalt es geworden ist. Es war zu lange weiß und kalt um mich . . Lisa: Bruder, ich habe auf dich so lange gewartet. Ich hab von dir soviel gehört. Du warst die Sage des Hauses, du warst der Traum der Mutter. Und als Vater starb, da hat er zur Mutter in letzter Stunde gesagt: Grüße Leo! Und bei uns im Städtchen hat man deinen Namen geflüstert. Still. Mari hat ihn nie laut ausgesprochen, als ob's ein Heiligtum wäre. Und du warst uns hier (mit etwas gesenkter Stimme) der unfindbare Führer im Kampfe, den unsere Seele ahnte. Du warst mir das Märchen meines Lebens. Bruder, du bist weiß und siehst so müde aus! . . . Leo: Ja, weiß und müde. Der Weg war zu lang, der Schnee zu tief, und die Sonne verlor ihre Wärme; es fror mich. Ich hab mich in den Schnee eingegraben, um mich zu wärmen, ich hab' einschlafen wollen. Man ließ mich nicht. Ein Sturm erhob sich, fegte den Schnee weg, hob mich auf, schleuderte mich weg und zwang mich zu laufen, bis ich den Pfad verlor, Schwester . . . Lisa: Leo, darf ich dir etwas bieten? Du bist ja so müde! (zeigt auf den Tee). Leo: (traurig lächelnd): Danke, ich will nicht, die Zeit ist zu kurz für die Kleinigkeit des Lebens. Mutter (sitzt regungslos im Sessel und schaut den Sohn an; schüchtern): Und ist es wahr, daß du weiter mußt, noch morgen früh? Du bist so müde und willst weiter gehen, mein Kind? Muß es sein? Leo: Mutter, ich muß, ich kann hier nicht bleiben, ich muß weiter flüchten. Ich wiil noch frei sein, Mutter. Großvater (wie traumverloren): Leben. Auch im kalten Schnee leben. Es glimmt noch. Willst du noch heute immer nur für andere leben? Oder hat der kalte Schnee auch dein Feuer gedämpft?