Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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mitbaut. Es ist der größte Fehler gewesen, daß man mit einer kleinen Ausnahme in früheren Jahren der französischen Alliance Israelite Universelle ausschließlich die Schulen überließ, während man glaubte, sich lediglich den materiellen Aufgaben zuwenden zu müssen. Es wäre unverantwortlich, wollte man von neuem in diesen Fehler verfallen. Dann aber muß man sich hüten, durch eine falsche Kompromißpolitik sich von andern Organisationen ins Schlepptau nehmen zu lassen, .die in der Diplomatie — ich meine die Diplomatia communis domestica — unsern Zionisten doch über sind. Dazu kommt, daß diese Organisationen veranlaßt sind, Versuche mit untauglichen Personen zu machen, weil diese untauglichen Personen von ihren Vertrauensleuten in Jerusalem empfohlen oder mit ihnen verwandt sind. Eine der hervorragendsten jungen pädagogischen Kräfte wurde von der Anstellung am Jerusalemer Lehrerseminar zurückgewiesen, weil sie nicht einer ganz bestimmten exklusiven Richtung angehörte, die sich einen Einfluß auf die Besetzung der Lehrerstellen zu reservieren weiß. Die Versuche, in den Bezalel eine Nepotenregierung einzuführen, werden, wenn sie noch nicht geschehen sind, gewiß nicht ausbleiben. Wir Zionisten haben am allerwenigsten Veranlassung dazu, Privatbestrebungen zu unterstützen, die dahin gehen, noch mehr als bisher „allen Einfluß" in Jerusalem in einer kleinen Gruppe zu vereinigen, die nicht gerade ideellen Regungen ihren Zusammenschluß verdankt. Dahin gehört vor allem auch die Gründung einer wirklichen Bibliothek, die bereits heute ein großes Bedürfnis in Jerusalem ist und die eine dringende Notwendigkeit ist, wenn überhaupt eine kulturelle Arbeit in Palästina erstehen soll. Die Behandlung dieser Frage ebenso wie der andern Kulturfragen in Palästina kann man billigerweise nicht von einer Palästinakommission erwarten oder verlangen, deren Kenntnisse und Neigungen natürlich nach einer ganz andern Richtung liegen und ausschließlich sich der wirtschaftlichen Seite zuwenden. Aber die kulturelle Arbeit in Palästina ist mindestens nicht von weniger Wert und geringerer Bedeutung als die siedlungstechnische Tätigkeit. Wir dürfen der Palästinakommission deshalb keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nach dieser Richtung hin völlig versagt hat und daß es infolgedessen der von ihr ressortierenden Bibliothekskommission trotz aller Anstrengungen unmöglich war, irgendetwas zu tun. Das kann nur eine Kommission, die ausschließlich die Fragen des Unterrichts und der Kultur — und dahin gehört in erster Linie die Bibliotheksangelegenheit — für Palästina behandelt und die finanziell von der wirtschaftlichen Palästinakommission völlig unabhängig ist. Die Palästinakommission will die Mittel untersuchen, um die einwandernden und ansässigen Juden in Bauern zu verwandeln. Die Palästinakulturkommission müßte dafür sorgen, daß diese Bauern nicht verbauern. Wenn die Palästinakommission ein Industriesyndikat zustande gebracht hat, so soll die andere Kommission dafür sorgen, daß der Industriearbeiter geistig im Judentum wurzelt und nicht der Unwissenheit verfällt. Wenn die Tätigkeit der Palästinakommission neue bürgerliche Elemente nach Palästina zieht, so muß von der andern Instanz dafür gesorgt werden, daß dieses bürgerliche Element in das Judentum und das erwachende Hebräertum hineinwächst. Es bedarf dieser Ergänzung der Palästinakommission, damit nicht bloß Pflug und Sense ihren Klang geben, sondern damit auch die hebräische Sprache erklingt, wo einst der Väter hohes Lied erscholl in den herrlichen Klängen hebräischer Melodien. Jüdisches Volkslied Von LEON KELLNER Eben war ich einundzwanzig, Da sprach lieb Mutter zu mir: „Kannst geben, Kind, soviel du willst, Nur das Herz behalt' bei dir!" Doch ich war einundzwanzig und blind, Schlug ich den Rat in den Wind. Lieb Mutter sah's und noch einmal Sprach sie ein warnend Wort: „Kind, gib Perlen, Edelsteine, Nur dein Herz nicht fort!" Doch ich war einundzwanzig und taub, Macht' ich mich lachend aus dem Staub. Lieb Mutter sprach zum letztenmal: „Gibst du das Herz aus dem Busen ihr, So erkaufst du Seufzer ohne Zähl> Ein Meer von Tränen dafür." Und nun — nun bin ich zweiundzwanzig: Weh, ach weh ist mir!