Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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bis auf die Gegenwart, und eigentlich gibt es auch jetzt keinen Ort, der von Juden bewohnt ist, wo sich ein Jude zur Not mit seinen Glaubensgenossen in dieser Sprache nicht verständigen könnte. Sie ist doch das unsichtbare Band, welches das jüdische Volk in allen Landen umschließt. Neben der Liebe zu Palästina und zur hebräischen Sprache entwickelten sich in unserem Volke im Laufe der Jahrtausende gemeinsame geschichtliche, kulturelle und religiöse Interessen, die wir mit dem Namen Judentum als Gesamtbegriff bezeichnen. Man braucht nicht im landläufigen Sinne fromm zu sein, um die Zugehörigkeit zum Judentum als unsere heiligste Pflicht und gleichzeitig als unser höchstes Glück zu betrachten. Es bedeutet dies, ein reiches nationales Erbe, eine Summe kultureller Werte an uns zu nehmen und weiter zu bereichern. Unser Volk hat dieses Erbe mit sich getragen und es mit der größten Liebe und Aufopferung gepflegt, als ihm dies durch die Ungunst der Zeit unsäglich schwer wurde. Es fiel ihm aber niemals ein, dies als eine lästige Bürde von sich zu werfen. Das jüdische Volk wollte eben in den schlimmsten Zeiten nicht aufhören, es selbst zu sein. Das jüdische Volk sträubte sich, sein nationales Dasein aufzugeben, seine dreitausendjährige Geschichte zu verleugnen und seine ruhmreiche Vergangenheit in den Staub ziehen zu lassen. Diese selbstschänderische Tat beging ein Teil der Judenheit erst in der Zeit seines Glückes, als es uns so leicht gemacht wurde, uns stolz und selbst^ bewußt zum Judentum zu bekennen, als sogar die kulturelle Bedeutung des Judentums durch Wissenschaft^ liehe Forschungen allen gebildeten Menschen klargelegt worden war. Es begann eine Zerstörungarbeit, die man nur mit Zuhilfenahme der pathalogischen Wissenschaft begreifen kann. Jetzt, nachdem diese verhängnisvolle Zerstörungsarbeit bereits so weit gediehen ist, nachdem weite Kreise unseres Volkes dem Judentum sich entfremdet haben, begegnen wir vielfach in unserer Mitte einem heißen und ernsten Bemühen, das Verlorene wiederzuerlangen, das Zerstörte wiederherzustellen, die Entfremdeten wieder an unsere Sache heranzuziehen. Und wie schwer wird es, das, was leichtsinnig vertan wurde, wiederzugewinnen! Das jüdische Volk sucht jetzt dasjenige köstliche Gut wieder in seinen Besitz zu bringen, das es vordem weggeworfen hat. Zehn Jahre steht nunmehr die „Welt" im Kampf für die Rückgewinnung unserer geschichtlichen Heimat, unseres Landes, und für die Wiederherstellung unserer nationalen Sprache und des Judentums. Es kommt mir manchesmal vor, als ob es nicht ein Jahrzehnt, sondern ein Jahrhundert wäre — soviele innere und äußere Kämpfe haben wir seitdem auf dem Boden der nationalen Arbeit erlebt. In der zionistischen Bewegung habe ich immer zu der Opposition gehalten, und in der „Welt" selbst unseren Gesinnungsgenossen manche unfreundliche, ja harte Worte zugerufen. Das tat ich, weil ich für unser Volk nicht bloß das Gute, sondern das Beste erreicht sehen möchte. Aber heute ist es ein Festtag, und da reichen wir, alle geistigen Vorkämpfer des Zionismus, uns in Freundschaft und in Übereinstimmung hinsichtlich des gemeinsamen Ziels die Hand. Welche Fülle von Gedanken und Anregungen, um unser Volk glücklich und gesund zu machen, ist in den zehn Jahrgängen der „Welt" niedergelegt! Auch die Blätter, die unseren heftigsten, inneren Kämpfen gewidmet sind, gehören zu den Dokumenten unserer nationalen Geschichte. Möge es uns gelingen, auch in der Zukunft mit Erfolg für unsere teuersten Güter einzutreten: für Land, Sprache und Judentum! E. M. LILIEN BERLIN BETTLER AN DER KLAGEMAUER