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Die Welt · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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12 DIE3|KELT No. 23 No. UNSERE NATIONALE AUFERSTEHUNG Von Dr. SIMON BERNFELD J^£*^y^^ Die Geschichte des jüdischen Volkes, soweit sie unsere innere Entwicklung und unser nationales Leben betrifft, wird durch einen volkspsychologisch merkwürdigen Vorgang gekennzeichnet: ein gedankenloses Wegwerfen der wertvollsten nationalen Güter in den Zeiten des Glückes, um später, wenn das Glück sich gewendet hat, bittere Reue darüber zu empfinden, eine heiße Sehnsucht nach dem vorhin so leichtfertig Weggeworfenen, dessen großer Wert jetzt erkannt wird. Das Teuerste, was ein Volk besitzt, was es mit dem letzten Tropfen seines Blutes zu verteidigen bereit ist, ist der heimatliche Boden, die Scholle, auf der seine Vorfahren viele Jahrhunderte hindurch gesessen haben. Kein Volk verläßt freiwillig sein Land, um es mit einem anderen, mag es um noch so viel besser sein, zu vertauschen; kein Volk gibt den Boden preis, auf dem es seine kulturelle Entwicklung durchgemacht hat. Das jüdische Volk hat zu seinem Lande diese Liebe nicht gehabt, so lange es dieses Land unangefochten besaß. Es ist ein Irrtum, wenn geglaubt wird, die Juden seien gewaltsam von ihrem Boden fortgerissen und in die Fremde geschleudert worden. Dieses harte Los hat nur einen kleinen Bruchteil unseres Volkes getroffen. Hingegen verließen sehr viele freiwillig die Heimat aus einfacher Wanderlust, die uns Juden seit jeher anhaftet. Sehr früh begann die Zerstreuung des jüdischen Volkes, die zwar, vom allgemein kulturgeschichtlichen Standpunkte betrachtet, der Menschheit ein Segen wurde, aber unsere Kräfte zersplitterte und unser Volkstum schwächte. In der Hauptepoche unserer Geschichte, als das jüdische Volk seine geistigen Kräfte zu entfalten begann und seine nationale Eigenart ein festes Gepräge annehmen sollte, finden wir nur eine verhältnismäßig geringe Zahl von Juden auf dem Boden Palästinas, während die überwiegende Mehrheit in der Fremde lebte. Sie war dort glücklich, reich und angesehen, und glaubte wer weiß was Großes getan zu haben, wenn sie das nationale Heiligtum in Jerusalem mit einer frommen Spende bedachte. Erst als den Juden ihre geschichtliche Heimat entrissen wurde, als sie kein tatsächliches Recht mehr hatten, diesen Boden ihr eigen zu nennen, erwachte in ihnen die Liebe zum Lande ihrer Väter Ein heißes Sehnen nach dem Schauplatz ihrer Geschichte, wo einst die Propheten gewandelt, wo ihre Vorfahren die mutigsten und heldenhaftesten Kämpfe geführt haben, erfüllt seitdem unser nationales Schrifttum. Die Liebe zu diesem Lande wurde im Laufe der Jahre ein religiöses Gebot, ein unerschöpfliches Thema für Dichter und Schriftsteller, Palästina der Gegenstand der eingehenden Forschung, in die man sich mit Liebe und Eifer vertiefte. Jede Kleinigkeit, jede Erinnerung, die sich an dieses Land knüpft, gewinnt in unserem Schrifttum große Bedeutung. Die Hoffnung, dereinst in Palästina unser nationales Leben wieder zu beginnen, durchzieht und durchwärmt alles im Judentum. Erst in ganz später Zeit nimmt die Erinnerung an Zion bei einem Teil unseres Volkes die Form der Pietät an, mit der man die Gräber teurer Angehöriger pflegt. Ganz ist die Sehnsucht nach dem Leben in Palästina im jüdischen Volke nie erloschen. All die Bewegungen, welche die oberflächliche Geschichtsschreibung als „messianisch" bezeichnet, bedeuten nichts anderes, als den von Zeit zu Zeit wiedererwachten Willen im jüdischen Volke, in die Heimat zurückzukehren und dort sein eigenes Leben zu leben. Mit derselben Leichtigkeit, oder richtiger Leichtfertigkeit, mit der unser Volk freiwillig seine Heimat aufgegeben hat, riß es sich auch von seiner nationalen Sprache los. Für diese Erscheinung ist nicht einmal die Erklärung vorhanden, daß gewaltsame Einwirkungen von außen dazu geführt hätten. Wir wissen, mit welcher Zähigkeit ein Volk an seiner Sprache hält, auch wenn sie ihm wenig zu bieten hat; welche schwere Opfer es für die Erhaltung der Muttersprache bringt, die ihm seine Seele und sein inneres Leben bedeutet. Unsere Vorfahren haben die hebräische Sprache, in der das schönste Buch der Welt entstanden ist, nicht nur in der Fremde widerstandslos preisgegeben, sondern sogar in Palästina selbst, während sie das nationale Leben noch fortsetzten. Die hebräische Schriftsprache, welche nur die Gelehrten beibehielten, durchsetzten sie mit fremden Elementen, die nicht bloß den verwandten semitischen Idiomen entnommen wurden, sondern auch dem Griechischen, der Sprache ihrer Lästerer, und dem Römischen, der Sprache ihrer Unterdrücker. Das Volk sagte sich von der nationalen Sprache gänzlich los. Um sein schönstes und unvergleichliches Schrifttum zu verstehen, mußte es im eigenen Lande zu einer Obersetzung in eine fremde Sprache greifen! Diese Erscheinung findet ihresgleichen nicht in der Geschichte. Solchen Verrat hat noch niemals ein Stamm an seinem Heiligtum verübt. Die Folgen blieben auch später nicht aus. Seitdem das jüdische Volk seine nationale Sprache aufgegeben hatte, hörte für längere Zeit seine schöpferische Kraft auf. Dem Judentum wurden, wenn ich mich so ausdrücken darf, die geistigen Lebensadern unterbunden. Und als das jüdische Volk in der Fremde bereits das bittere Brot der Knechtschaft und der Rechtlosigkeit essen mußte, als es kein Plätzchen mehr fand, das müde Haupt niederzulegen, als es von Land zu Land wanderte, überall neue Zungen und neue Weisen hörte, da wurde ihm das biblische Schrifttum mit einem Male teuer; es wollte es seitdem nur in der Ursprache lesen und verstehen. Die griechischen, aramäischen, syrischen und äthiopischen Bibelübersetzungen verschwanden aus der Synagoge, in der fürder das Wort der heiligen Lehre und der Propheten nur noch in der Ursprache gehört werden sollte. In Palästina selbst und in dem angrenzenden Syrien scheinen die jüdischen Volksmassen im

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