Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Man weiß, wie vorsichtig, nichtssagend und verschleiert schon die Jahresberichte der größten wirtschaftlichen Unternehmungen, der Großbanken, Schiffahrtsgesellschaften, Bergwerksunternehmungen etc. gehalten sind, und diese sind nicht abhängig von einer zufälligen, durch Schekelwahlen gebildeten Majorität, sondern von der sehr konservativen Verteilung der Aktien unter relativ wenige meist kapitalistische Inhaber. Man kann unmöglich in einem mehr oder minder von geschäftsfremden Leuten gewählten Parlament entscheiden, was für Geschäft man machen soll, um welche Konzessionen man sich bewerben will etc. Wenn es wahr ist, daß der vorige Kongreß beschlossen hat, nur Geschäfte auf demokratischer Basis zu machen, so würde schon dieser Beschluß die Kompetenz einer parlamentarischen Versammlung bezüglich solcher Angelegenheiten ad absurdum führen. Was verlangt werden muß, ist nicht, daß die zionistische Bewegung selbst wirtschaftliche Institutionen leitet, sondern daß sie solche schafft, d. h., daß sie die Anregungen dazu gibt, ihre Gründung vorbereitet, sie in der ersten Zeit und durch Subventionen fördert und ihnen mit Rat und Tat beisteht. Auch ist es durchaus im Sinne der Parteiprinzipien, schwierige wirtschaftliche Probleme, namentlich wenn sie von sozialwirtschaftlicher Bedeutung sind, durch kleinere praktische Versuche selbsttätig zu erproben, und aus diesem Grunde ist weder die Versorgung eines genossenschaftlichen Gutes mit Land und Gebäuden, noch die Subventionierung des Versuches der Ansiedlung ländlicher Arbeiter eine Abweichung vom politischen Programm. Um jedes Mißverständnis von vornherein unmöglich zu machen, wäre es vielleicht am besten, die allgemein zionistischen und die wirtschaftlichen Fonds resp. Institutionen völlig von einander zu trennen. Der Jewish Colonial Trust würde dann immer mehr zu dem werden, was er eigentlich schon ist, nämlich zu einer Verwaltungsstelle des Vermögens sämtlicher zionistischen Fonds und Institutionen. Die Anglo Palestine Co. würde hingegen durch Verkauf ihrer Aktien an das Privatpublikum allmählich der Vormundschaft seitens des Jewish Colonial Trust mehr und mehr entrückt werden, was natürlich nur soweit geschehen dürfte, daß eine gewisse Kontrolle bestehen bleibt. Sollten zionistische Banken in anderen Ländern gegründet werden, so dürften auch sie nur in losem Zusammenhang mit dem Trust stehen, damit letzterer im wesentlichen ungefährdet bleibt, selbst wenn es den wirtschaftlich geleiteten Banken nicht gut gehen sollte. Der Nationalfonds endlich würde dann immer mehr zu einem Nationalschatz werden, von dem nur unbedeutende und später die Zinsen kaum übersteigende Teile in irgend einer gefährdeten Weise angelegt werden dürfen. Anstatt dessen muß dann für die wirtschaftliche Gegenwartsarbeit in Palästina ein besonderer Fonds geschaffen werden, den wir vielleicht am besten Palästinafonds benennen. Selbstverständlich werden manche Gelder, die jetzt dem Nationalfonds zufließen, später anstatt dessen dem Palästinafonds zu gute kommen; das schadet aber nichts, es ist besser, einen langsamer wachsenden Fonds zu haben, bezüglich dessen Verwendung nach keiner Seite Mißtrauen aufkommen kann, als einen schneller wachsenden, der das Streitobjekt für verschiedene Richtungen abgibt. Jeder Spender wird bald wissen, wohin er seine Gaben abführt, ob zum Nationalschatz, der gewiß ein sehr wichtiges Instrument für die Zukunft darstellen wird, oder zu dem unmittelbaren Bedürfnissen in Palästina dienenden Palästinafonds. In der Ölbaumspende haben wir schon die erste Grundlage dieses Fonds, der Agrarfonds, der dem ländlichen Kredit zu Hülfe kommen soll, wird eine zweite sehr wichtige Abteilung des Palästinafonds bilden, weitere Teile desselben werden landwirtschaftlichen, kommerziellen und industriellen Vorarbeiten dienen müssen, der propagandistischen Tätigkeit für Palästina, der Unterhaltung der Informationsbureaus, der Sicherung von Konzessionen für die Zukunft etc., Aufgaben, welche die nach rein geschäftlichen Methoden arbeitende Anglo Palestine Comp, nicht mit eigenen Kapitalien erfüllen kann, will sie nicht durch verringerte Dividenden ihren Kredit schädigen. Ein letzter Teil des Palästinafonds wird kulturellen Zwecken zu dienen haben; aus ihm werden Schulen, Bibliotheken, Museen subventioniert, Kunst und Wissenschaft gefördert, sowie gemeinnützige Bestrebungen in Palästina unterstützt; der Waisenfonds würde hierfür schon eine Grundlage darstellen. Die Verteilung der ohne besondere Zweckbestimmung dem Palästinafonds zufließenden Gelder wird natürlich im einzelnen der diesen Fonds verwaltenden Behörde überlassen bleiben, die weder mit der Verwaltung der Bank noch mit derjenigen des Nationalfonds identisch sein kann, sondern dem Palästina-Ressort des Aktionskomitees unterstehen muß; vermutlich wird aber schon der Kongreß eine allgemeine Richtschnur geben können, etwa durch einen Beschluß, daß die ohne Zweckbestimmung einlaufenden Gelder zu gleichen Teilen den agrarischen Aufgaben, den wirtschaftlichen Vorbereitungsarbeiten und den kulturellen Erfordernissen gewidmet sein sollen. Es ist zu hoffen, daß wenn der Kongreß einen solchen Palästinafonds schaffen wird, ihm nicht nur die meisten Coupons der Bankdividenden zufließen werden, sondern auch zahlreiche Palästinabeiträge, welche die Schekelzahler entweder freiwillig zahlen, oder welche die Ortsgruppen resp. Föderationen von ihren Mitgliedern gleichzeitig mit dem Schekel einziehen. Es ist auch anzunehmen, daß auch manche Zionisten leicht zu Beiträgen zu diesem Palästinafonds bewegt werden können. Auch ließe sich durch Festlichkeiten, Vorträge, Subskriptionen viel leichter hierfür agitieren, als für den Nationalfonds als solchen. Während letzterm vor allem die Erträge des Goldenen Buches, der Büchsen und der Selbstbesteuerung bleiben werden, werden die außergewöhnlichen und nicht periodischen Spenden mehr dem Palästinafonds und somit der Gegenwartsarbeit zugute kommen. Dieser Vorschlag mag noch in vielen Beziehungen verbesserungsnnd entwicklungsfähig sein, das Hauptprinzip aber, der Trennung der politischen von den wirtschaftlichen und kulturellen Fonds wird, wie ich glaube, kaum auf Widerstand stoßen können, jedenfalls aber vielfache innere Reibungen und Mißverständnisse auf einen Schlag beseitigen und somit die von allen Richtungen so heiß erstrebte Einigkeit innerhalb der Bewegung fördern.