Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316266--49372-3344307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
E. M. LILIEN PFLÜGENDER JUDE POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND KULTURELLE PALÄSTINA-ARBEIT Von Prof. O. Warburg Kein aufmerksamer Beobachter der zionistischen Bewegung wird zu leugnen vermögen, daß die zehn ersten Jahre der bewußt zionistischen Bewegung sie nach den verschiedensten Richtungen hin ganz gewaltig gefördert und konsolidiert haben. Naturgemäß schließen sich jeder neuen und hoffnungsreichen Bewegung stets auch Bestrebungen an, welche diese neue Kraft als Sprungbrett zu benutzen versuchen, um ihre eigenen Ziele zu fördern, die sich oft nur teilweise mit den Endzwecken derselben decken. Soweit der Weg ein gemeinsamer ist, kann eine gemeinsame Arbeit auch nichts schaden, vorausgesetzt, daß die Ziele der verschiedenen Richtungen so klar formuliert sind, daß eine Verwirrung nicht stattfinden kann und eine Ablenkung vom Hauptziel von vornherein ausgeschlossen erscheinen muß. War nun auch das Baseler Programm das klar md weithin sichtbare Ziel der zionistischen Bewegung, 50 verdunkelte doch der Kampf um die Wege dorthin Jas Ziel zeitweilig derart, daß die Bewegung fürchten nußte, von der geraden Richtung anderswohin abgehängt zu werden. Diese unglückliche Periode liegt glücklicherweise unter uns, und der durch den Kampf unserer Belegung verloren gegangene Teil ist quantitativ so inbedeutend, daß man wohl sagen darf, die Einigkeit st nicht zu teuer erkauft, auch läßt sich schon jetzt rkennen, daß viele der abgesplitterten Elemente, und gerade die für den Zionismus wertvollsten, nämlich alle liejenigen, die unserer Bewegung selbst dienen wollten ind sich ihr nicht nur deshalb angeschlossen matten, um sie als Vorspann für andere Ziele zu benutzen, wieder in unsere Reihen treten werden. Teilweise sind sie schon jetzt zur Einsicht gelangt, daß ler von ihnen eingeschlagene Weg nicht nur nicht zum Endziel — nämlich zur Erreichung des zionistischen deals — sondern überhaupt nicht zu erheblichen Eroigen führen wird. Selbstverständlich werden Meinungsverschiedenheiten betreffs des einzuschlagenden Weges so lange bestehen bleiben, als der Zionismus überhaupt auf dem Marsche ist, — gibt es doch kürzere und längere, steilere und ebnere Wege — aber die allgemeine Richtung auf das Ziel wird nie mehr verlassen werden. Schon in der grundlegenden Fassung des Baseler Programms sind die hauptsächlichsten Wege in großen Zügen skizziert, aber die örtlichen und zeitlichen Verhältnisse bringen es mit sich, daß über die Bedeutung dieser verschiedenen Wege und den Zeitpunkt, wann auf dem einen, wann auf dem anderen der Vormarsch zu beschleunigen ist, eine Einstimmigkeit der Ansichten sich nicht wird erzielen lassen. Derjenige, der in den Zentren großer Politik und fern von der Not des jüdischen Volkes sitzt, wird naturgemäß den rein politischen Weg bevorzugen, besonders, wenn er durch Neigung oder Beruf politischen Fragen nahe steht; so ist es zu erklären, daß namentlich in Frankreich und bei den alteingesessenen Gesinnungsgenossen in Holland und England gerade die hohe Politik besondiers stark eingeschätzt wird. Derjenige hingegen, der durch die Not des Tages und den Druck des wirtschaftlichen Kampfes oder auch durch das Milieu, den Beruf resp. persönliche Anlagen der ökonomischen Seite des Kampfes ums Dasein am nächsten steht, wird die wirtschaftliche Arbeit in Palästina als das Wichtigste ansehen; daher der Sinn für diese Fragen in Rußland, Rumänien und den Riesenghettos von Amerika, sowie unter den Neueingewanderten in England, Südafrika etc. Wer hinwieder den moralischen Druck im Heimatland am stärksten empfindet, wird den innerpolitischen und kulturellen Bestrebungen den größten Wert beilegen, wie dies beispielsweise in Österreich und auch in Polen in den verschiedensten Formen in Erscheinung tritt. Deutschland wird naturgemäß die Mitte halten, da hier der ökonomische Druck gering ist und ein Einfluß auf die Politik kaum erreichbar erscheint, während der kulturelle Druck, der zum Teile von nicht geringer Stärke ist, schon durch eine Reihe einflußreicher Vereinigungen unabhängig von dem Zionismus bekämpft wird. 3*