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Die Welt · 1907-06-07 · 23 (7.6.1907) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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DIEE^ELT No. 2i Träume brütete er am Nilufer. Mit Feuerzangen ergriff er dich, und er machte dich wild, groß und stark wie die Wüste. r Und einen Geist hämmerte er in dich mit Donnern uijd Blitzen. Und Berge spannte er über deinen Kopf. Willst du dich erkennen, so soll es gut sein! Willst du dich nicht erkennen, so soll hier dein Grab sein! Und dann erst kam die große Stunde des Sich- Erkennens, da das Gottesauge in die Volksseele hiaeinstrahlte. Schmerzen brachte über dich der Prophet. Er zermalmte deine steinernen Gedärme. Er spaltete deinen. Kieselleib, den Geist der Schwere dir auszutreiben. Der prophetische Stab schlug die Felsenwände, bis der gespaltenen Brust ein grauenvoller Wehschrei entquoll. Ein Jammerschrei, der die tote Wüste erbeben machte. Ein Stein bist du gewesen, und du lägest in der Wüste.... * * * Und ein Wunder geschah... Ihr kennt ja die Geschichte, die lichtvoll ist wie der Glanz des Regenbogens. Ein kristallener Strom stürzte wie ein Sturz von Wassern aus dem steinernen Kerker hervor. Ein Fieber, ein heiliges Fieber durchbebte den Felsen. Pulse des Lebens begannen in der harten Brust zu hämmern. Es rauschte, floß und strahlte. Springbrunnen entsprangen den dürren Steinzacken. Aus den gelben Kieselbrocken begannen Frühlingskränze hervorzublühen. Aus finstern Wandspalten sproßten edle Zypressen empor. Aus den scharfen, verbrannten Zähnep der wüsten Felsengrate donnerte ein Hallelujah blühender Palmenwälder. Und die trockene Wüstenbrust bedeckte sich mit feuchtfunkelnden roten Blumen. Flammen, Düfte und Klänge vermählten sich zu einer göttlichen Harmonie, und der Himmel wölbte sich wie ein Myrtenzelt, hell und tief. Ein Wunder geschah! . Alles, was in dir versiegelt und in Granit gebannt war, die Tiefe deiner Seele, der Zweck deines Lebens, deine Kraft und Schönheit, deine Hoffnung und Wollust enthüllten sich und ergossen sich in Fluten. Der Prophet zerschmetterte dich, sein Hammer zerriß deine Sehnen, das Siegel deines knechtischen Stillschweigens, die versteinerte Schmutzkruste deiner Sklaverei riß er mit erbarmungsloser Stenge von deinem Felsennacken, bis er zum Saft deiner Seele drang. Eine grauenvolle Stille war. Das Weltall horchte verhaltenen Atems erwartungsvoll dem Widerhall des Ringens zwischen Licht und Finsternis. Die Sterne blieben stehen in ihrer Bahn. Die Stürme, die Felsen- E. M. LILIEN massen bis unter den Himmel schleudern, legten sich wie, scheue,Schaf lein. Der .mächtige Ozean sehlief ein in Ohnmacht. . Vv. Die Stunde des heiligen Geheimnisses war gekommen, die Schönheit der wunderbaren Schöpfung, da sich ein Volk aus sich selbst herausringt, da es aus den Tiefen seines Geistes die Gestaltung seines Wesens schöpft, da es die Flügel, die bis jetzt gebundenen, ausspannt und in Freiheitspurpur gekleidet seinen Siegesjubel; in Freudenstürmen erbrausen läßt! * * .. ' Und Worte redetest du, du Stein, du knechtische Masse, — flackernde, heilige,-sturmbeflügelte, rein und süß, die wie lichtvolle Welten von Düften fluteten. Mit dem Kranze deiner Freiheit standest du, eine Säüle von tausend Sonnen, — befehlerisch, grausam, zugleich mit offen-freigebiger Hand, die Demanten deines Lichts ausstreuend, vor den Pharao-Balsamierern. Und Quellen erschlössest du, von denen Weltentropfen weise saugen. Auf schwindelnden Höhen von Adlernestern standest du, und Engel, die mit den Sternen schwimmen, jubelten dir: Hedad ... Und wieder bist du ein Stein, eine knechtische Masse, von Bau zu Bau geschleudert. Und wieder quälen sich die Chartumim über dich, wes Wesens du seiest. Und dein Rücken ist wieder krumm geworden. Und die Medusenlocken aller Qualen des Sterbens ringeln ihre Schatten um deine Schläfen. Und wieder schlägt ein Iwri den andern. Und ich lege mein Ohr an deine steinerne Masst und lausche gierig jedem Laut deines inneren Regens Und zuweilen scheint es mir, daß es in deinen: Innern schreit: Noch atme ich. Noch leb' ich, noch bin ich! Daß er doch wiederkomme, der Prophet, des Volks geistes Träger, daß er doch wiederkomme mit seinen; Hammer, auf . daß der Felsen aufschreie vor Schmerz und sich öffne! Und wir selbstsollen den Berg über die sklavische Masse spannen! Willst du dich erkennen, so soll es gir sein. Willst du nicht, so soll hier dein Grab sein! Wir selbst, nicht Fremde, sollen dir die Schmerzenswunden der Befreiung schlagen. Wir selbst werden an dir hämmern, du liebes, vergrabenes Heldenvolk. Wir selbst werden den Sarkophag deiner Sklaverei zerbrechen, weil wir du sind, —; umdu bist dein eigener Prophet und Befreier. Ein Stein bist du gewesen ... EIN STEIN DER ALTEN MAUER

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