Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 23 DIE^ELT EIN STEIN BIST DU GEWESEN Von NAHUM SOKOLOW Ein Stein bist du gewesen, und du lagst in der Wüste. Halb im Sande vergraben, von der Sonne arigeglüht, schlummertest du deinen ewigen Schlummer. Hart wie ein Felsen war deine Brust, und tot wie ein Grabdenkmal. In Granit geschmiedet, in Kiesel gekettet, ein trauriger Block ohne Bewegung und ohne Hoffnung, so lagst du! Zuweilen weinte dein steinernes Antlitz Tautränen, und deine scharfen Ecken flackerten Sonnenfunken. Und man fragte: Ist dies ein ewiger Schlaf oder ein ewiges Leben? Und man grübelte: Was mögen die geheimen Träume dieser Masse sein? Ist ein Empfinden in diesem Kieselberg? Denkt der granitene Kopf? Hört er die Winde, die rings um ihn klagen? Und wenn die Morgensonne ihre goldenen Strahlennetze um seine spitzen Kanten spinnt, ist es ihm ein Ergötzen? Und wenn die Mittagsonne versprüht in ein Meer von Purpurflammen, die über seinen grauen Kopf in wildem Übermut dahinwirbeln, ist er dessen bewußt? Und ist ein Fühlen in ihm des Abends des durchsichtigen Frühlings, wenn die Himmelsharfen das All in einen Weltenschlaf voll Blumenträume einlullen? Und die Nacht, die schwarze, das Reich der Gifte md der Verwesungen, da sich Schlangen um seine Artist winden, — ist ihr Weh in ihm? Weiß er zu scheiden das stillsäuselnde Windchen vom wild wütenden Orkan? Liebt er die Wüstenei, die wilde, ohne Brot? Ist er der großen kinderlosen Öde ein Freund? Ist er ein gefangener Riesengeist, ein gewaltiges beiden in stumm-gleichgültiger Gestalt oder ein verfeinertes Nichts? Du schwiegst. Ein Stein bist du gewesen, und du lägest in der Wüste. Donnerkeulen haben deine Brust geschlagen, du bist tili geblieben, traurig und knechtisch. Der Himmel hing über deinem Kopf wie zerfetzte potengewänder und wie ein Laubgezelt von schwarzen Schlangen. Du redetest nicht, du lägest verstummt, erloschen. Keine Plage und kein Leid, keine Hölle vermochte ias Sarkophagsiegel von deiner Brust zu lösen. Bis dein Prophet erschien! Der dich wie eine Welle n die Wüste hineinschleuderte! Gleichwie der Samum Sandberge aufwirbelt, wandernde Karawanen zu verschütten. Wie ein Riesenadler ist er gekommen, zornentbrannt. Erhaben und mächtig, wild und flackernd wie eine Triumphhymne. Und so fürchterlich war der Schlag, mit dem er deine Brust schlug, daß der Widerhall noch jetzt nachzittert. Ein Stein bist du gewesen, und du lägest in der Wüste. Aber eine Quelle ist dir entsprungen. Eine Sklavenmasse bist du gewesen mit halbrundem Nacken und eingefallener Brust. Eine Herde von Lasttieren. Ein namenloser Mischmasch. Eine winzige Gosen-Ghetto-Sippschaft. Die weisesten Hieroglyphendeuter zerbrachen sich die Köpfe: Ist das ein Volk oder nicht? Vor Hunger verdorrt, vor Armut nackt und blaß, oder von den Gefängnisketten angeschwollen, mit zierlichen Fetzen und Kleinodien zum Prunken und Gleißen behangen, unter der Erde kriechend oder auf der Erde, auf Stelzen einhergehend, auf Stelzen oder auf den Fußspitzen, auf daß die Gestalt höher erscheine. Ein Körper von weichem Menschenlehm, aus dem man allerlei Gestalten zusammenstümpern kann. Mit kleinen, zerbrochenen, müden, zweifelnden Seelchen, die wie der Flaum zerrissener Federn verfliegen und an jedem Stückchen Stoff sich festkleben. Und nur eins verlangten sie: Der Wolf soll satt sein und das Schaf unbehelligt! Eine Menschenmasse, an die Musik der Peitschen gewohnt, die um die Ohren pfeifen, und gewöhnt an die Peitschenhiebe, die auf dem Rücken Striemen flochten. Und ein Armenhaufen der Lehm- und Ziegelarbeiter, welcher sich stark vermehrt, schmierig und verschmutzt, gezwungen, ohne Lehm und ohne Stroh Ziegel zu fertigen. Und die Kinder Israels müssen sich beugen, — also sprachen die Klugen, indem sie den Staub der Sandalen der Katzenanbeter und Pharaobaisami er er schlau-wollüstig leckten. Sie beugten sich und fielen zusammen, Und die Ketten und die Stricke wuchsen in ihren Körper hinein. Eine knechtische Masse bist du einst gewesen . . * * * In deine Augen schaute der Prophet hinein. Sie waren wunderlich groß und wunderlich farblos. Du glichest schier der großen Sphinx. Bewegungslos die Auferstehung, das ewige Leben, den wiederkehrenden Sonnenaufgang unter den Gräbern der Wüste darstellend. Und die klugen Leute waren dessen schon zufrieden: Möge er doch ein Gedanke bleiben! Aber er donnerte: Nein! Genug! Ich mag sie nicht mehr, die stille Majestät der Sphinx. In den Abgrund mit euren Bildern. Die kalte Pracht des Zoan-Granit, — ich mag sie nicht mehr. Hinweg mit den Geheimzeichen der Monolith-Statuen, der Obelisken und Sarkophage. Leben will das Volk! Sich will es leben. Es soll kein unbehelligtes Schaf bleiben. Eines Adlers Kraft ist in diesem Geschöpf. Die Wolken kann es erreichen, und die Blitze seiner Rache können Welten zerstören ... Nicht in Schmeicheltönen lockte der Prophet. Nicht