Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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darin, daß ich mir immer im Vorhinein jene Selbständigkeit in der Abhängigkeit wahren wollte — ohne die ein gedeihliches Zusammenarbeiten unmöglich ist. Diese Darstellung scheint mir notwendig, um Herzls Verhältnis zu seinen Mitarbeitern und ihre Zusammensetzung zu erklären. In dieser Zeit lernte ich aber auch Herzls anerkennende Art, seine enthusiastische Seele kennen. Jeder Artikel seiner Mitarbeiter war ihm ein Meisterwerk — jeder neue Zionist, der schreiben konnte, ein heimliches Qenie. Sogar meine Leistungen, kleine Artikel mit St. oder Y. St. gezeichnet erschienen, ließ er nach und nach gelten. Mit vollem Namen durfte ich nicht hinaus. — Auch Prof. Kellner mußte bald sein Pseudonym „Leo Rafaels" wählen. Denn das Erscheinen der „Welt" hatte einige Wespennester aufgerührt. Man verfolgte uns persönlich, zerstörte unsere gesellschaftlichen Verbindungen und bedrohte unsere Existenz. Die köstlichen Meisterwerke aus Herzls Feder, seine Artikel Protestrabbiner, Mauschel, Börsenelend usw., ferner Nordaus Ein Tempelstreit, sie wirkten einerseits befreiend, anderseits ätzend wie Scheidewasser. Nach zwei Monaten wurde mir vom versammelten Verwaltungsrat nahegelegt — den Druck und Vertrieb der „Welt" aufzugeben, zugleich erhielt ich eine Verwarnung wegen meiner politischen Tätigkeit. Als ich Herzl davon erzählte, übereilte er in verletztem Stolz die Trennung so, daß schon die nächste Nummer, Heft 10, in einer andern Druckerei hergestellt wurde. Am meisten aufgebracht war Herzl über den leitenden Verwaltungsrat, der uns die Erlaubnis erteilt hatte und sich auch als Mitarbeiter in einigen Finanzartikeln betätigte, um uns nun plötzlich fallen zu lassen. Ich erfuhr jedoch später, daß dieser Mann — heimlich getauft war. Einer der Verwaltungsräte war sein Taufpate gewesen. Diesem gegenüber konnte er nicht anders — als rasch nachgeben. Es ist aber auch möglich, daß dieser sonderbare Herr die ganze Komödie in der Sitzung heimlich angestiftet hatte, um das Blatt rasch los zu werden. Wir konnten das aber damals nicht vermuten, denn wir wußten nichts von des Mannes jj verheimlichter Taufe. Später, als ich es erfuhr, löste || sich meine Stellung in argen Kämpfen. Wir hatten gar seltsame Bettgenossen in der „Welt" mitbekommen — nein, nicht wir — sondern Herzl, der angesehene Schriftsteller, der Redakteur der Neuen Freien Presse. Wie viele Männer und Jünglinge — „sympathisierten" doch damals mit demj Zionismus. Sie verliefen sich rasch — diese Maul- ^und Federhelden, als die erste Scholle auf Herzls Qrab gefallen war. Und heute — da zittern sie, wenn man sie „Unter den Linden" grüßt. Nicht nur der einflußreiche Mann lockte die Leute — auch das Qeld, das reichlich ausgegeben wurde. Vergeblich hatte ich meinen Einfluß geltend gemacht, um ein bescheidenes Parteiorgan zu schaffen, ich konnte Herzl nicht überzeugen, daß es Jahre dauern werde, ehe das Unternehmen sich bilanzieren werde, — er zahlte hohe Honorare, bezog, nachdem er uns verlassen hatte, verhältnismäßig teure Räume, sandte das Blatt in alle Welt ohne Zahlung zu verlangen — und ließ sich auch durch den Einspruch seines Vaters nicht hindern, der die Oberaufsicht über die Verwaltung führen sollte. Man macht uns den Vorwurf, daß wir in Verzückung geraten, wenn wir von Herzl sprechen — und jede Distanz verlieren, wenn wir über ihn urteilen. Das mag sein. — Es ist jedoch schwer, ruhig Blut zu bewahren, wenn man sein Wesen neu aufleben läßt und seine Art überdenkt. Ich habe bis heute noch keinen Mann kennen gelernt, dem das Wesen des Eigennutzes so ganz fremd war, von keinem noch so reichen Menschen gehört, der so ruhig — so selbstverständlich, so ganz ohne Wort und Bewegung sein gesamtes Vermögen dem Gemeinwohl widmete. Ich habe auch weder vorher noch nachher einen so ritterlichen Mann kennen gelernt. Denn, was ihm an Opfern selbstverständlich war, wollte er von keinem andern annehmen. Da ich die Verhältnisse besser kannte als viele andere, nahm ich für meine Arbeiten für die „Welt" kein Honorar, — das gab lange Kämpfe, bis ich im dritten Jahrgang endlich ein Honorar zugeschickt bekam. „Sie können das Qeld ja der Bewegung schenken", meinte er auf meinen Vorhalt. — So geschah es denn auch. Seine stete Opferwilligkeit befeuerte die meisten von uns, ihm nachzuahmen.--So schön das nun vom Standpunkte der Moral war, so schädlich wirkte es auf die Entwicklung der Bewegung. Wir scheuten uns, Bezahlung für unsere Arbeiten anzunehmen, und konnten doch, da wir keiner vollständig unabhängig waren, der Partei nicht unsere ganze Zeit widmen. Und jene, die sich zahlen lassen mußten, fühlten sich tief bedrückt — als Parteigenossen zweiter Klasse. Herzl, der sein ganzes Vermögen hergab, seine Stellung aufs Spiel setzte, — er dachte immer wieder daran, seinen Helfern und Mitarbeitern Stellungen zu schaffen, sie bei zionistischen Unternehmungen unterzubringen. Er wollte uns die — im Verhältnis zu den seinen — lächerlich geringen Opfer entgelten und meinte der Sache große Dienste zu leisten. Er überschätzte leicht die Wirkungsmöglichkeit des Einzelmenschen, wie er die Schwierigkeit der Arbeitsdurchführung verkannte. Seine Pläne waren immer richtig, — ich glaube an sie heute nach zehn Jahren, nach herben zehn Jahren der größten Enttäuschungen, mehr denn je, — seine Arbeitsmethoden waren zumeist falsch. Daran krankte auch die „Welt".------- Und wer weiß, vielleicht erkrankte auch sein Körpei an diesem Gebrechen.--Ich glaube fast, Theodor Herzl ist an seiner falschen Arbeitsmethode gestorben. - Wenn wir es hätten ahnen können, — damals abdie „Welt" entstand! . . . Wien, Ende Mai 1907. H. YORK-STEINEK