Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIEIqEELT No. 23 vor und lassen das Unparteiische der objektiven historischen Betrachtung nicht aufkommen. Was — um nur ein Einzelnes herauszugreifen — war uns einst allein dieses Blatt als Organ, als Leistung des Zionismus! Wie ein Sabbatgeschenk erwarteten wir es und empfingen es wie einen liebsten Freund, in dessen frohen oder betrübten Augen gute oder oder schwere Botschaft zu lesen. Aber wir haben schnell gelernt, daß dieses Blatt nur ein Mittler, ein schwacher Mittler ist zu den großen Dingen unseres jüdischen Lebens, — und bald sahen wir, und nicht nur einmal in der Woche, über das Blatt hinweg nach den Dingen, die ihren Gehalt an Gutem oder Bösem auf uns ausstrahlten. Bis wir endlich von den Worten und den Dingen zu dem vorwärtsdrangen, was der Kern jeder Bewegung ist: zum Schaffen. Dem Schaffen sollte die „Welt" dienen. Theodor Herzl hat es im Programme der ersten Nummer der „Welt" mit den Worten gesagt: „Zwischen Erinnerung und Hoffnung steht unsere Tat." Aber die Erinnerung war zerbrochen und zerrissen und oft ganz verschüttet! Und wo sie noch lebte, war sie eingezwängt in die Enge einer lethargischen Gegenwart. Darum war uns zuerst, da wir die Tat suchten, die Hoffnung alles. Überschäumend, überweit greifend, vom heißen Wunsch noch zu helleren Flammen aufgefacht, war unsere Hoffnung. Aber dieses Hoffen brachte uns nicht zur wirklichen Tat. Es zerbrach sich daran, daß wir die Erinnerung nicht hatten, daß wir vor einer traditionslosen Masse standen, die erst zum Bewußtsein des nationalen Zusammenhanges, zur Erfassung des Historischen erzogen werden mußte, ehe sie reif werden konnte für zukünftige Zwecke. Und so ist es uns ergangen, wie es oft im Volksleben und in großen Bewegungen geschieht: daß einem grenzenlosen Optimismus Kritik und Skepsis folgt. Sie sind heilsam: denn aus ihnen wird die Erkenntnis des Realen, Möglichen geboren oder eines Neuen. Oder sie räumen alles Gewesene hinweg, das nicht wert war zu sein, weil es nur Traum und Schaum war .... Die „Welt" war ein getreuer Spiegel dieser Entwicklung in uns und an uns selbst. Der Führer hatte erhofft, so innig, wie er es gewünscht hatte, und wir mit ihm: daß die Erlösungsbotschaft die Massen tief in ihrem Innersten aufrühren werde. Aber die Masse war spröde, und nur Bruchteile lösten sich von ihr ab. Auf die Vermögenden und die Priester hatte man gehofft — und sie standen auf als erbittertste Gegner. Ein rasches Verständnis der Nichtjuden hatte man erwartet, aber sie blieben lau. Und die Hoffnungen auf schnelle Erreichung der letzten Ziele mußten sich immer mehr einschränken . . . Da kam die Kritik: Sie zeigte uns die Trugschlüsse und Fehler der nur optimistischen, nur begeisterten Zeit. Sie lehrte uns, daß wir die räumlich und seelisch geschiedenen Volksteile erst erziehen müssen zur primitiven Einheit. Daß die geistige Macht zu Hilfe gerufen werden müsse, um die Macht des Geschichtlichen wieder aufzuwecken, daß die Bande zwischen Volk und Land fester geknüpft, daß unsere zionistischen Scharen selbst zur Leistung der Arbeit herangezogen werden müssen und nicht an das Abwarten des Erfolges gewöhnt werden dürfen. Sie lehrte uns, daß die Not des Augenblicks, die so blutig schwer auf unserem Volke lastet, uns um des Volkes und seiner Zukunft willen nicht von der Marschrichtung ablenken dürfe, daß strenge Selbstzucht uns Geduld, unbeugsame Geduld aufzwingen müsse. Und sie lehrte uns, wie wir auf dem Weg zum Ziel Stück für Stück erkämpfen müssen, wenn wir das Ganze wollen. Die Kritik war kein Werk der Parteisucht. Sie war ein organischer Prozeß. Und ein gesunder. Zwar wurde bei dem Sturze aus dem Reiche der Sehnsucht in das der Wirklichkeit die Skepsis bei manchen so stark, daß sie verzweifelten und abfielen, bei anderen so tiefgreifend, daß sie, kaum daß ihnen anderswo als in dem von uns erstrebten Lande Aussichten zu winken schienen, das Ziel veränderten. Aber die Hunderttausende unserer Organisation sind aus dem Stahlbade der Selbstkritik und der Widerstände von außen ungleich gekräftigter und zielsicherer hervorgegangen. Dieses ist das Resultat des ersten Jahrzehnts: Wir stehen jetzt auf dem Boden der Realität, auf dem Boden der Tat. Und unsere Tat stützt sich heute nicht nur auf alte, nein, auch auf die eigenen Erinnerungen, auf eine reiche und wertvolle Erfahrung. Unsere Hoffnung aber, tief und heiß wie nur je, ist nicht wirklichkeitsabgekehrte Träumerei. Sie ist Begeisterung und Hingebung, die nicht aufgetürmte Hemmnisse überfliegen will, sondern sich zutraut, sie hinwegzuräumen. Langsam entschleiert sich unseren Blicken das Land unserer Hoffnung. Schon haben wir gesehen und sehen täglich, wie die Ersten des heimwärtsstrebenden Zuges ihren Fuß auf den Boden des Landes setzen. Und still, doch stark, weben sich indessen die Fäden nationaler Treue und Liebe um die Zerstreuten des Volkes allerorts. Immer mehr auch tritt der Zionismus nach außen in die Erscheinung als der allein berufene und erwählte Führer des jüdischen Volkes. Die Machtmittel unserer Organisation wachsen, und noch mehr erstarkt die geistige und sittliche Kraft unserer Bewegung. So gehen wir voll Zuversicht, ernsten Sinnes, doch gehobenen Mutes in das neue Jahrzehnt: Aus der Vergangenheit wollen wir Festigkeit und Einsicht holen, aus dem schönen Bilde der ersehnten Zukunft immer neuen Ansporn und Eifer — der Gegenwart aber gehört unsere Tat. Berthold Feiwel