Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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12 DIEEÄKELT No. 22 stürmischem Beifall aufgenommen. Der Berichterstatter verwies ferner auf die wiederholten Preßfehden, in deren Mittelpunkt die jüdische Turnerschaft gestanden hat und die zur Aufklärung der Öffentlichkeit viel beigetragen haben. Bemerkenswert ist, daß liberale Gemeindeverwaltungen und jüdische Organisationen die Gründung jüdischer Turnvereine in München, Königsberg, Budapest zum Scheitern gebracht haben. Den Kassabericht erstattete Fräulein Berta Eger. (Berlin), den Turnbericht Dr. Blum (Berlin), der besonders die Notwendigkeit einer genauen turnerischen Statistik hervorhob. Den Bericht über die Tätigkeit der Obmannschaft legte Dr. Werner (Wien) vor. Über die Jüdische Turnzeitung referierte Herr Bassfreund. An der Diskussion über die Referate beteiligten sich die Delegierten Hirsch (Berlin), Turnlehrer Pollak (Wien), Meyer (Köln), Dr. J. Auerbach (Berlin), Dr. Königsberger (Posen), Czaczkes (Wien- Fünfhaus), Heilbronn (Berlin)-. Das Hauptreferat der Tagung, das großen Beifall fand und das Thema „Die Verbreitung des Turnens unter den Juden" behandelte, hielt Herr Isidor Wolff (Berlin). Der Referent besprach zuerst die körperliche Beschaffenheit der Juden, ihre Sterblichkeits- und Krankheitsverhältnisse, die Ursachen ihres körperlichen Verfalles und die Mittel zur Abhilfe der physischen Minderwertigkeit. Dann gab er ein Bild der Geschichte der jüdischen Turnerbewegung und ihrer Entwicklung in den einzelnen Ländern. Für die neue Organisation der Turnerschaft, die er vorschlug, und für die Schaffung eines Bureaus, Korrespondenzblattes etc., benötige der Verband größere Mittel, deren Aufbringung nach konkreten Vorschlägen des Redners nicht ausgeschlossen ist. Herr Wolff erzählt, es sei ihm gelungen den Präsidenten der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Isra&ite universelle, Geh. Kommerzienrat Goldberger, für die jüdische Turnsache zu interessieren, welcher unter Versicherung seiner größten Sympatien für diese die Bedeutung der jüdischen Turnvereine anerkannt und sich geäußert habe: „Ich halte das systematische Turnen, wie es in Ihren Turnvereinen gepflegt wird, für das beste Mittel, das Kraftbewußtsein der Juden zu entfalten. Nur dadurch können die Vorurteile, die Juden seien feige, physisch minderwertig etc. eklatant widerlegt werden". Herr Goldberger sagte die moralische und materielle Unterstützung der jüdischen Turnvereine durch die Alliance zu und versprach, sich für die Anregung des H. Wolff entschieden einsetzen zu wollen, derzufolge in den von der Alliance im Oriente erhaltenen Schulen die Einführung des obligatorischen Turnens, die Ausbildung von Turnlehrern, Abhaltung von Turnkursen eingeführt werden soll. Das Versprechen des Herrn Goldberger, daß er im Zentralkomitee in Paris und in der Deutschen Konferenzgemeinschaft für die jüdischen Turnerbestrebungen eifrig tätig sein werde, ist jedenfalls sehr wertvoll. An das Referat knüpfte sich eine sehr lebhafte Debatte. Es sprachen H. Scholem (Berlin), Hermann (Berlin), Saar (Prag), Dr. Werner (Wien), Czaczkes (Wien), Dr. J. Auerbach (Berlin), Dr. Jerusalem (Wien), Heilbronn (Berlin). Prinzipiell sprachen sämtliche Redner ihre Zustimmung zu den Vorschlägen des Referenten aus, nur äußerten sich viele skeptisch über die Durchführbarkeit in nächster Zeit. Auf Antrag Dr. Jerusalems (Wien) wurden die Anträge in folgender Fassung zum Beschlüsse erhoben: Der Verbandstag beschließt, dem Verbandsausschusse folgende Vorschläge zur näheren Beratung und möglichsten Durchführung zu überweisen: 1) Zum Zwecke der besseren Agitation in den einzelnen Ländern Landesausschüsse zu errichten, welche die Aufgabe haben, die unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Landes das jüdische Turnwesen zu organisieren, ohne Rücksicht darauf, ob in den betreffenden Ländern schon Turnvereine existieren oder nicht. 2) a. Der jetzt bestehende Ausschuß der „jüdischen Turnerschaft" ist in einen Zentralausschuß umzuwandeln, dem sämtliche Landesausschüsse unterstehen. b. Es ist ein Kuratorium von angesehenen Persönlichkeiten zu bilden, welches dem Zentralausschuß zur Seite steht und die Repräsentation nach außen übernimmt. 3) Es soll ein Zentralbureau beim Sitz des Zentralausschusses begründet werden, dessen Kosten in Höhe von ca. 1200.— Mk. zu bewilligen sind und folgende Aufgaben hat: " r a. die Korrespondenz mit den Verbandsvereinen und Landesausschüssen pflegen und neue Beziehungen anzuknüpfen hat. \ b. den Verlag und die Expedition der Turnzeitung und des Korrespondenzblattes zu übernehmen. 4) Es ist ein Korrespondenzblatt in jüdisch-deutscher Sprache zu begründen, das sechswöchentlich erscheint und an die jüdischen Zeitungen des In- und Auslandes zu versenden ist. 5) Es soll ein Aufruf an das jüdische Volk erlassen werden, den bekannte Persönlichkeiten aller Länder zeichnen und der zur Gründung jüdischer Turnvereine, Sportsvereine, Jugendwehren etc. auffordert. 6) Es sollen allsemesterlich Rundschreiben an die jüdische Studentenschaft erlassen werden, in denen zur Gründung jüdischer Turn- und ähnlicher Vereine aufgefordert wird. 7) Es soll engere Fühlung mit allen Turn-, Sport- und ähnlichen Vereinen des In- und Auslandes genommen, und womöglich ein Zusammenschluß aller dieser Vereine bewerkstelligt werden. 8) Es soll veranlaßt werden, daß die Turnfrage auf dem nächsten Zionistenkongreß zur Sprache gebracht und derselbe um materielle und moralische Unterstützung gebeten wird. 9) Es soll bei der Alliance, beim Hilfsverein und der Ica materielle Unterstützung beantragt werden. 10) Es soll bei der Alliance, dem Hilfsverein und der Ica angeregt werden, in den von diesen unterhaltenen Schulen auf das Turnen mehr Gewicht zu legen uud eventuell Turnlehrer auszubilden. 11) Es soll zur Stärkung der Mittel des Verbandsfonds eine Jahresumlage von Mk. 1.— pro Mitglied, sowie von den Veranstaltungen der Verbandsvereine eine Vergnügungssteuer erhoben werden." (Der Verbandsausschuß wird beauftragt, zur Beratung dieser Frage den Referenten und andere geeignete Persönlichkeiten zu kooptieren und binnen sechs Monaten an die Obmannschaft zu berichten.) Es folgten noch Referate über „Turnen ohne Hallen" (Referent Dr. Blum), „Einheitlichkeit im Turnen" (Referent Turnlehrer Pollak). Ein Referat über „Der jüdischnationale Gedanke und das Turnen" von Julius Berger (Köln) brachte Dr. Werner zur Verlesung. In den Verbandsausschuß, dessen Sitz Berlin bleibt, wurden gewählt: Dr. Georg Arndt (Obmann der Jüd. Turnerschaft), Dr. Zirker, Dr. Franz Oppenheimer, Ernst Hermann, Dr. Blum. Herr Scholem, der sich durch seine bisherige Tätigkeit einen Ehrenplatz in der Geschichte der jüdischen Turnerbewegung gesichert hat, lehnte aus beruflichen Gründen eine Wiederwahl ab. Der nächste Verbandstag, verbunden mit einem Schauturnen, Wetturnen und dem 10jährigen Stiftungsfest des Turnvereines Bar Kochba, findet im Jahre 1909 in Berlin statt. Am 20. hielt die Obmannschaft ihre Beratungen ab, deren Gegenstand hauptsächlich die Verlegung des Ausschusses nach Wien war. Da die Wiener mit Rücksicht auf die Turnzeitung und auf Personenfragen ablehnten, einigte man sich auf Berlin. Die angeregte Fusionierung der beiden Wiener jüdischen Turnvereine kam nicht zustande. Das Verbandsschauturnen, das Pfingstmontag im Riesensaal des Arbeiterheims stattfand, nahm einen glänzenden Verlauf und war von etwa 1500 Personen besucht. Es beteiligten sich 150 Turner. Glänzende Leistungen bot die Kölner Musterriege unter Leitung des Herrn Meyer, die Eisenstabturnen vorführte, und die gemischte Musterriege am Reck. Eine Wiener Mädchenriege erntete durch einen gelungenen Reigen stürmischen Beifall. Sowohl der Aufmarsch der Turner, als auch die Freiübungen, die Dr. Blum aus Berlin leitete, und die turnerischen Vorführungen von 8 Riegen am Reck, Barren, Pferd boten befriedigende Gesamtleistungen, wenn sich auch der Mangel einer genügenden Vorbereitung und einer einheitlichen Turnweise hie und da bemerkbar machte. Nach dem Schauturnen fand unter dem Vorsitz von Dr. Ludwig Werner, des Obmannes des I.Wiener jüd. Turnvereines, ein Festkommers statt. Die Festrede hielt Ingenieur Emil Fried, dann sprachen die Vertreter der Vereine, der Wiener zionistischen Studentenschaft und namens des i. ö. D. K. Dr. Paul Weis engrün.