Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 22 DIE^ELT .11 weil ein anderes Mitglied des Direktoriums der Schule, Rev. Dr. D. Philipson, sich jüngst dahin geäußert haf, „daß alles Gerede von Lehrfreiheit und Zionismus mit der Sache nichts zu tun habe". Dies alles bringt mich zu der Überzeugung, daß das Direktorium beabsichtigt, die eigentlichen Gründe der Entlassung der beiden Professoren zu verschleiern. Es mag sein, <laß die Herren der Ansicht sind, daß eine solche Politik den Interessen der Anstalt am meisten dient. Ich aber gestatte mir die Bemerkung, daß es das beste wäre, wenn die Herren den Mut ihrer Überzeugung hätten und ehrlich eingeständen, daß der Hauptgrund der Entlassung der war, daß das College den Charakter des Instituts einer bestimmten Sekte angenommen hat und als solches den Zionismus nicht dulden kann. Technisch ist der Ausdruck gerechtfertigt, daß die Demission eine freiwillige war. Aber ich gestatte mir doch ganz ergebenst darauf aufmerksam zu machen, daß es nicht einleuchtend ist, Schutz zu suchen hinter solch technischen Spitzfindigkeiten, um so mehr, wenn das Direktorium aus Leuten zusammengesetzt ist, die immer bereit sind, das zu verurteilen, was sie „den Buchstaben" nennen in ihrer Begeisterung für das, was sie mit „dem Geist" bezeichnen. Jedem der Herren des Direktoriums und auch Ihnen und sonst jedem, der sich mit der Sache und den in der Presse veröffentlichten Mitteilungen von Schülern der Anstalt befaßt hat, ist bekannt, daß die Frage der Lehrfreiheit und des Zionismus wohl „einiges mit der Angelegenheit zu tun hat*'. Das freimütige Eingeständnis des Direktors der Anstalt selbst genügt, um diese Frage außerhalb jeder weiteren Erörterung zu stellen. Deshalb ist es nicht sehr geschickt, wenn Herren, die so gerne über die Unduldsamkeit des „Talmudismus", des „Legalismus", des „Rabbinismus" zetern und die kein Bedenken tragen, sich selbst als Nachfolger der Propheten in ihrer Verteidigung des Rechts und der Rechtmäßigkeit zu bezeichnen, so unaufrichtig sind, die Auffassung vertreten zu wollen, die Demission sei eine freiwillige gewesen." In dem folgenden Teile des Briefes führt Dr. Magnes den Beweis, daß der Gründer des Colleges, Isaac M. Wise, das Seminar 1s eine akademische Anstalt gegründet habe, auf der alle Meinungen ertreten sein dürften, Zum Beleg dafür führt er verschiedene uthentische Äusserungen Wises an, daß „das College nicht die chule einer Sekte sein soll, sondern ein Zentrum der gesamten idischen Wissenschaft". „Wahre Mannhaftigkeit und Überzeuungstreue kann nur gedeihen in einer Atmosphäre von geistiger md moralischer Freiheit." Wenn ein Schüler oder ein Lehrer Prin- •".ipien der Schule glaubt aufgeben zu müssen, um seiner eigenen Meinung nachzuleben, soll niemand ihm dies Recht nehmen dürfen, vielmehr müssen wir Geduld mit ihm haben'* usw. Magnes fährt dann fort: „Aber, es steht fest, der Zionismus hat keine Stätte im Hebrew Union College, weil der Zionismus nicht mit dem Reformjudentum vereinbar ist, für das dieses College eintritt. Wenn das Institut ein akademisches ist, kann eine solche Frage überhaupt nicht erörtert werden. Wenn es aber das Institut einer bestimmten Sekte ist, dann müssen die Grundlehren der Reformjuden-Sekte erst uns dargelegt werden. Bis dahin, bis endgiltig entschieden ist, was denn Reformjudentum bedeutet, ist es absurd, zu behaupten, daß Reformjudentum und Zionismus nicht miteinander vereinbar seien. Der Zionismus ist tatsächlich der Gegner mancher Anschauungen und Lehren der „Reform". Er ist der Gegner der sektenmäßigen Tendenz, die zu den Sekten der Baptisten, Methodisten, Unitarier usw. in diesem Lande eine neue hinzufügen will, „die reforuijüdische Sekte". Der Zionismus ist der Gegner der entnationalisierenden Tendenz und ist als solcher ein lebendiger Protest gegen jene Art der Assimilation, die in letzter Linie den Verdauungsapparat des anderen Mannes als Richter darüber aufstellt, ob wir Juden ihm assimiliert sind oder nicht. Wenn es ein grundlegendes Prinzip des Reformjudentums gibt, wie ich diesen Begriff verstehe, so ist es das Prinzip der Entwicklung. Aber dies ist weder eine Entdeckung noch ein Monopol der Reform. Männer von so verschiedenen Anschauungen wie Rappaport, I. H. Weiß, Frankel, Geiger, Grätz, Achad Haam und Samuel Mohilewer von Bjelostok haben sämtlich diesen Grundsatz anerkannt. Der Zionismus ist weder reformerisch noch orthodox. Diese Ausdrücke haben heute überhaupt ihren Zweck erfüllt und können nur mehr als die Verlegenheitsbezeichnungen einer verflossenen Zeit angesehen werden. Der Zionismus vertritt die Anschauung, daß nichts Jüdisches ihm fremd ist, sei es in religiöser Beziehung, sei es z. B. in literarischer Hinsicht, sei es mit Bezug auf Kunst, Musik, Sprache, oder sei es in Hinsicht auf unsere Hoffnungen oder auf unser Land." Dr. Magnes macht sodann darauf aufmerksam, daß sich die überwältigende Mehrzahl der Schüler gegen die Annahme des Entlassungsgesuches der beiden Professoren ausgesprochen habe und verlangt, daß die Frage einer höheren Instanz vorgelegt werde. Er schließt: „Ich schrieb Ihnen diesen Brief, weil ich hoffe, daß durch ein Eingreifen der Union of American Hebrew Congregrations unser College wieder frei werden wird von dem Stigma des Sektarianismus und der Intoleranz, das es jetzt auf sich geladen hat." DER III. JÜDISCHE TURNTAG IN WIEN (20. und 21. Mai) (Von unserem Korrespondenten) Es ist zwar ein langsames Tempo, in dem die jüdische Turner- •ewegung vorwärtsschreitet, aber sie verfügt über einen festen Irundstoek begeisterter Anhänger!, die am Ausbau der Turnerjrganisation regsten [Anteil nimmt und unverzagt mitarbeitet, .eider ist zu konstatieren, daß trotz jder . eminenten und eit Jahren erkannten; Bedeutung turnerischer und sportlicher Begebungen für die jüdisch-nationale Sache in «weiten Kreisen auch 'er zionistischen Partei eine bedauernswerte und lähmende Interesselosigkeit herrschend daß speziell die Studenten nicht jene aktive urnerische Betätigung zeigen, die man gerade von ihnen erwarten -nd fordern darf. Die jüdische Turnerschaft ist numerisch noch schwach. Das wirkt naturgemäß auf die materielle Situation des Verbandes und gseiner Vereine und]J auch auf die turnerische Leistungsfähigkeit zurück. Immerhin jhat der Verband bisher sehr r)eißiglgearbeitet und unter den gegebenen Verhältnissen auch viel geleistet. Eine feste Basis ist geschaffen, auf der gunter neuer Leitung sich die jüdische Turnsache kräftig und unaufhaltsam fortentwickeln wird. Ihre Ziele, ein Hort des nationalen Gedankens zu sein und ein aufrechtes, gesundes Judengeschlecht heranzubilden, legen den Zionisten den denkbar stärksten moralischen Zwang auf, diese Entwicklung nach Kräften zu fördern. Die Beratungen des III. jüdischen Turntages nahmen folgenden Verlauf: Ins Bureau wurden gewählt die Herren Scholem (Berlin) als Vorsitzender, Dr. Ludwig Werner (Wien) und Fritz Low (Boßnitz) als Stellvertreter, Referendar Heilbronn (Berlin) und Löwenthal (Köln) als Schriftführer. Vertreten waren die jüdischen Turnvereine aus Berlin, Bielitz, Graz, Köln, Mähr.-Ostrau, Posen, Prag, Proßnitz, Stettin, Samter, Wien (1. jüdischer Turnverein und Turnverein Fünfhaus). Den Rechenschaftsbericht des Verbahdsausschusses erstattete dessen Obmann Scholem (Berlin), die Zahl der Verbandsvereine beiief sich am 15. Mai 1907 auf 16 mit 1215 ordentlichen Mitgliedern und ungefähr 1500 Zöglingen gegen 14 Vereine mit 1128 Mitgliedern im Jahre 1905 und 10 Vereine mit 986 Mitgliedern im Jahre 1903. Die finanzielle Lage des Verbandes hat sich wesentlich gebessert und es konnte ein Verbandsfond geschaffen werden, der 1260 Mark beträgt. Hervorzuheben ist aus dem Berichte die Teilnahme des Verbandes an der Brüsseler Konferenz und die tatkräftige Sammlung für die Selbstwehr in Rußland. Die Mitteilung, daß ein Turnverein in Jaffa gegründet würde, und daß der Verband einen Turnlehrer nach Palästina entsende, der ein Jahr dort verbleiben und die Turnerbewegung organisieren werde, wurde mit