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Die Welt · 1907-05-31 · 22 (31.5.1907) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE ELT No. 22 die kompetente Behörde mutigen Ausdruck gegeben haben. Die etwas gemischte Gesellschaft werden die jüdisch-nationalen Abgeordneten Straucher, Mahler, Gabel und — hoffen wir! — Stand, Salz gar oft in arge Verlegenheit bringen! — Des weiteren schreibt unser Korrespondent:! Dr. Birnbaum (Mathias Acher) ist in Buczacz gegen den konservativen Polen Moysa unterlegen. Die Wahl ist ein europäischer Skandal. Freitag abend hatte Birnbaum die Majorität. Die Wahlkommission mußte Zeitgewinnen, um das Wahlglück zu korrigieren: sie vertagte die Wahl auf Samstag. Es wurden in der Nacht Stimmzettel einfach gestohlen, andere in die Urne geschmuggelt. Wie es in diesem Wahlkreise zuging, kann man aus folgenden Zeilen der Wiener „Arbeiterzeitung" ersehen: ,,Man höre folgende Geschichte, die uns durch einen intelligenten und besonnenen Mann, den Genossen Dr. Jarossewytsch, verbürgt ist, der mit seinem Namen dafür einsteht. Jarossewytsch hatte in Buczacz kandidiertund wurde dort durch Wahlschwindel um sein Mandat bestohlen. In der Gemeinde Cygany verkündete der Kommissär das Resultat: Jarossewytsch habe 102Stimmen erhalten. Sofort meldeten sich die Bauern und 206 von ihnen erklärten, beim Kruzifix beschwören zu können, daß sie für Jarossewytsch gestimmt hatten. Der Kommissär erfaßte die bedrohliche Situation und sagte: „Ja ja, ich habe mich geirrt, es sind 206 Stimmen für Jarossewytsch abgegeben". Die Bauern beruhigten sich rasch und verließen das Wahllokal. An die Wahlkommission im Hauptwahlort aber berichtete der Kommissär, daß für Jarossewytsch 102 Stimmen abgegeben worden seien. Diese 104 Stimmen wurden also einfach geraubt. Ähnlich ging es in den anderen Orten. Iii Tlumacz zum Beispiel wurde im Wahllokal eine sogenannte „Bürgergarde" organisiert. Diese nahm bei den eintretenden Wählern Einsicht in die Stimmzettel. Wer gegen den Schlachzizen Moysa stimmte, wurde in ein Nebenzimmer geführt, wo ihn der Bürgermeister Howorka bearbeitete, daß er für den Regierungskandidaten stimme. Wenn das nicht gelang, wurde das der Kommission mitgeteilt, worauf diese unter allerlei Vorwänden den Wähler von der Stimmenabgabe auszuschließen trachtete. So wurden von 400 Wählern, die für Jarossewytsch stimmen wollten, 200 zurückgewiesen, teils unter dem Vorwand, daß ihre Identität nicht nachgewiesen sei, teils weil sie angeblich Armenunterstützung bezogen hätten. In der Stichwahl hat man das System offenen und verhüllten Stimmendiebstahls gegen Dr. Birnbaum mit verbrecherischer Kühnheit in Anwendung gebracht, das Mandat ist wie von Straßenräubern den Juden gestohlen worden. Es ist wenig Aussicht vorhanden, daß das Parlament den Wahlprotesten gegen die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit Folge gibt. Dazu ist der Polenklub zu mächtig, die Regierung zu schwach, das Parlament in Judensachen zu wenig gerecht. „Galizische" Wahlen werden durch rasche Annullierung erst geahndet und korrigiert werden, bis ein unabhängiger Wahlgerichtshof die Wahlproteste erledigt, nicht aber das Abgeordnetenhaus, in dem diese zum Gegenstande des politischen Schachers gemacht werden und jahrelang unbeachtet im Ausschusse liegen. R. N. Eine Parallele zu der obigen Schilderung unseres Korrespondenten über die Wahlrnißbrauche im Birnbaum'schen Wahldistrikt bilden die unerhörten Unregelmäßigkeiten in Brzezany, wo unser Gesinnungsgenosse Dr. Rappaport in Stichwahl steht. Die zionistischen Abgeordneten Dr. Mahler und Dr. Gabel, ferner der Abgeordnete Ernst Breiter haben, obwohl sie wahrscheinlich von vornherein an dem Erfolg dieses Schrittes zweifelten, an den Minister des Innern folgendes Telegramm abgesandt: „Exzellenz Freiherr von Bienerth, Minister des Innern in Wien. Gestatten uns Eurer Exzellenz folgendes mitzuteilen: In Brzezany, Chodorow und Brzozdowce werden oppositionelle Wähler von behördlichen Organen durch Drohungen vor und in dem Wahllokale gezwungen, Zettel mit dem bereits aufgedruckten Namen des Kandidaten Dulemba anzunehmen. In Brzezany hat der Bezirkshauptmann vor Zeugen, welche Exzellenz zur Verfügung stehen, zugegeben, daß achtzig Prozentstimmen jüdischer Wähler für den Kandidaten Rappaport abgegeben wurden. Beim- Skrutinium aber gelangten nur dreißig Prozent zur Verlesung und fünfzig Prozent wurden als für Dulemba abgegeben, verlesen. Dies wurde dadurch ermöglicht, daß den Vertrauensmännern bei Verlesung der Stimmzettel die Einsichtnahme in dieselben mit Berufung auf die Instruktion des Statthalters unbedingt verweigert wurde. In Brzozdowce haben Bürgermeister Korzenna und die Gendarmen mit vorgehaltenen Bajonetten jüdischen Wählern die Stimmzettel mit dem Namen des Kandidaten Rappaport entrissen und die Wähler gezwungen, solche mit Dulemba abzugeben. Die Stimmzettel für die angeordnete Stichwahl wurden bisher nicht ausgefolgt und sollen erst am Wahltage im Wahllokal selbst, auf den Namen Dulemba ausgefüllt, verteilt werden. Der Bezirkshauptmann aus Bobrka sitzt in Chodorow und droht den Juden mit Vernichtung ihrer Existenz. Diese und unzählige andere Wahlmißbräuche, Drohungen und Beeinflussungen der Wähler, für Dulemba zu stimmen, veranlassen uns, an Eure Exzellenz die dringende Bitte zu stellen, sofort Abhilfe zu schaffen und speziell umgehend zu verfügen, daß den Vertrauensmännern des Dr. Rappaport beim Skrutinium Einblick in die Wahlzettel unbedingt gewährt werden müsse und daß die behördlichen Organe und die Gendarmerie sich jeder Einmengung zu enthalten haben. Abgeordneter Dr. Mahl er, Abgeordneter Breiter, Abgeordneter Dr. Gabel." Aus dem Wahlbezirke Buczacz wird gemeldet, daß die Erregung über die dort bei der Stichwahl zwischen dem Kandidaten der konservativen Polen, Moysa, und dem Zionisten Dr. Birnbaum stattgehabten Wahlmißbräuche fortdauert. Es wird das Material gesammelt, um einen Wahlprotest gegen die Wahl Moysas im Abgeordnetenhause einzubringen. Es soll der Beweis erbracht werden, daß eine übergroße Anzahl von ruthenischen und jüdischen Wählern zur Wahlurne nicht zugelassen wurde und vielen anderen, die bei der ersten Wahl gestimmt haben, bei der Sichwahl das Wahlrecht abgesprochen wurde. Amerikanische Analogien zum Fall Cohn Bekanntlich hat der „Fall Cohn'4 einen Vorgänger in Amerika gehabt. Dort sind vor einiger Zeit zwei Lehrer des Hebrew Union College in Cincinnati, die Herren Professoren Dr. Margolis und Dr. Schlössinger, genötigt worden, ihr Lehramt an der Anstalt niederzulegen, weil sie bei Ausübung ihrer Lehrtätigkeit aus ihrer zionistischen Überzeugung kein Hehl machten. Die Entlassung der beiden Herren, die vordem — insbesondere Dr. Margolis — von den liberalen jüdischen Kreisen Amerikas als wissenschaftliche Leuchten hoch gefeiert waren, hat, wie wir seinerzeit berichteten, großes Aufsehen erregt und zu einer öffentlichen Kontroverse Anlaß gegeben, die besonderes Interesse durch das temperamentvolle Auftreten von Dr. J. L. Magnes, Rabbiner des Tempels „Emanu-El", erhielt, der von der Kanzel herab das Vorgehen des Leiters des Cincinnatier Colleges einer scharfen Kritik unterzog. Nunmehr veröffentlicht Dr. Magnes im „Jewish Exponent" einen offenen Brief an den Präsidenten der „Union of Hebrew Congregations", Herrn Louis Goldmann, der eine vernichtende Aburteilung des Verhaltens der Schulgewaltigen darstellt und überaus treffend die Unduldsamkeit jener „liberalen" Herren geißelt, die drüben so gut wie in Berlin Toleranz und Liberalismus nur so lange zu üben geneigt sind, als keine gerade und feste Anschauung die Zirkel ihrer Gesinnungslosigkeit stört. Wir entnehmen dem Briefe des Dr. Magnes folgendes: „Ich schreibe Ihnen diesen offenen Brief, weil ich die Behauptung des Herrn Bettmann, Vorsitzenden des Direktoriums 'des Hebrew Union College, in seinem Briefe an die Studierenden des College nicht unwidersprochen lassen möchte, daß die Demission der Herren Dr. Margolis und Schlössinger „freiwillig" erfolgte. Ich sehe mich um so mehr veranlaßt, Ihnen zu schreiben,

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