Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 22 DIE ELT bungen gehen auseinander, schwächen die Macht der Juden, anstatt sie zu heben. Es ist sicherlich leicht, post factum das Verhalten der Zionismen während der letzten Dumawahlen zu kritisieren. Die Fehler der Taktik der Zionisten waren augenscheinlich. Sie haben — nicht sie allein natürlich — durch die Theorie der „eignen Fahne" zur Zersplitterung der jüdischen Kräfte beigetragen. Gewiß, das „Helsingforser Programm" war kein Muster eines politischen Programms. Wie immer — die Zionisten hatten es nach meiner Meinung nicht nötig, gerade jetzt als eigene innerpolitische Partei aufzutreten, haben auch damit nicht viel erreicht. Aber jetzt ist es zu spät, das Geschehene ungeschehen zu machen. Die österreichischen Zionisten haben viel mehr politische Reife bewiesen, als sie mit den anderen jüdisch-nationalen Parteien Hand in Hand gingen. Die paar jüdischen Abgeordneten, die in den Reichsrat kamen, werden ja für die Geschicke des österreichischen Judentums wohl nicht ausschlaggebend sein, aber erfreulich ist die Tatsache immerhin. Nicht Zersplitterung der nationalen Kräfte, Einigung und Sammlung muß die Aufgabe der Gegenwart sein, die Aufgabe, die uns Zionisten, den Einigern, zufällt. Darin erblicke ich die jneue leitende Idee, die im Judentum entstanden, im Zionismus ihren Ausdruck finden muß. Das muß auch die Devise des nächsten Kongresses sein. Es ist ja wahr, daß dadurch viele alte Gesichtspunkte umgestoßen werden. Aber de facto haben wir sie schon umgestoßen. War nicht die Brüsseler Konferenz eigentlich eine Einlenkung in diese Bahn? Der Versuch mißlang, aber um so schlimmer für die nicht-zionistischen Kreise des Judentums. Unser Standpunkt war doch der richtige. Was die Wirklichkeit in Tat umsetzte, muß der Kongreß in eine Forme! verwandeln. Darin erblicke ich die Hauptaufgabe des kommenden Kongresses. Ein Kongreß ist kein Konzil, das ist richtig. Er kann und darf keine Dogmen aufstellen. Aber allgemeine Gesichtspunkte, Direktiven muß er ausarbeiten, die Richtungslinie muß er angeben. Bevor man aber etwas Neues sagen kann, muß man das Alte überwinden. Und darum muß man die Bilanz des bereits Geschehenen und Erreichten ziehen. Ich will jetzt nicht von den neuen Gesichtspunkten sprechen, die der Kongreß zu bieten hätte. Dazu wird sich wahrscheinlich noch die Gelegenheit ergeben. Aber bei den Rüstungen zum Kongreß müßten die Zionisten sich der Lage des Zionismus bewußt werden, und der Notwendigkeit des Anders-, des Größerwerdens. Der Kongreß muß im Zeichen der Bilanzziehung zusammentreten. P. Almogy. Die Reichsratswahlen in Österreich Die Reichsratswahlen in Österreich sind — Galizien ausgenommen — zu Ende. Die Stichwahlen haben sowohl den reaktionären wie den freiheitlichen Parteien einen dem ersten Ergebnisse entsprechenden Zuwachs gebracht. Die Christlichsozialen sind mit fa°t 100 Mann die stärkste Partei geworden, da die sogenannte Ebenhoch- Gruppe und sonstige Deutsch-Klerikale zu ihnen übergegangen sind. Ihre Verstärkung erfahren sie außerdem in allen gegen die Juden gerichteten Aktionen durch die meisten übrigen deutschen und einen Teil der czechischen Parteien, — ein gewaltiger antisemitischer Block mithin, selbst wenn man von sonstigen Mitläufern absieht. Ihm stehen die nicht allzu zahlreichen Liberalen verschiedener Nationen, 84- Sozialdemokraten und die Abgeordneten jüdischen Stammes entgegen. — Was die jüdischen Abgeordneten betrifft, so herrscht zunächst noch eine betrübende Buntscheckigkeit ihrer nationalen Anschauungen vor. Einige Hausjuden des Polenklubs, sogar einen Allpolen, wird man wieder begrüßen können. Die, denen es nicht mehr glückte, wird man nicht vermissen. Kuranda und Ofner, durchaus von Juden gewählt, segeln unter deutscher Flagge. (Allerdings sind sie* trotz ihrem guten Willen damit in eine recht peinliche Situation gekommen, da man beim Zusammenschluß der deutschen Parteien diese beiden Herren, „weil sie nicht auf Basis des deutsch-nationalen Programms kandidiert hätten", ganz einfach — ausgestoßen hat.) Die jüdischen Sozialdemokraten wechseln in ihrem „Nationale" je nach dem Wahlkreis, wo sie kandidierten. Aufrecht in der Wahrhaftigkeit seines Bekenntnisses steht das kleine Fähnlein der drei jüdisch-nationalen Abgeordneten Dr. Straucher, Dr. Mahler und Dr. Gabel. Ein jüdischer Demokrat, Dr. Groß, dürfte sich ihnen nähern. Was die seit der letzten Woche erfolgten Wahlen betrifft, so haben sie nur noch einem Zionisten zum Mandat verholfen, Dr. Heinrich Gabel, der mit 14 537 gegen 9231 Stimmen des polnischen Nationaldemokraten gewählt wurde. Dagegen ist unser Gesinnungsgenosse Dr. Braude leider mit nur etwa 100 Stimmen gegen den polnischen Demokraten unterlegen — selbstverständlich nur, weil der ungeheure Terrorismus und die Wahlkorrekturen das Endresultat zu seinen Ungunsten entstellten. Sehr bedauerlich ist auch, daß Dr. Birnbaum durch eine ganz ungeheuerliche Wahlmanipulation um das sichere Mandat gebracht wurde. Von unseren Gesinnungsgenossen kommen noch Salz, Stand und Rappaport in Stichwahl. Adolf Stands Wahl gilt als gesichert Auch Dr.'Salz kämpft nicht ganz ohne Aussichten. Dr. Rappaport hingegen dürfte der Konstellation unterliegen, auch wenn nicht die galizische Wahlpraktik gerade in seinem Bezirk ihre Orgien feierte. Weitere Berichte folgen nachstehend. Unser Wiener Korrespondent schreibt uns: Das neue Parlament wird eine verhältnißmäßig stattliche Anzahl jüdischer Abgeordneten haben, die verschiedenen Parteirichtungen und nationalen Gruppen angehören. Die politische Zerrissenheit der österreichischen Juden und die Unnatürlichkeit ihrer bisherigen Politik geht aus dieser Aufstellung deutlich hervor. Es wurden gewählt: Ministerialrat Kamill Kuranda (Wien-Quaiviertel, Deutschfortschrittlich), Dr. Julius Ofner (Wien-Leopoldstadt, Sozialpolitiker), Dr. Lieb er mann (Przemysl, polnischer Sozialdemokrat), Dr. Di am and (Lernberg, polnischer Sozialdemokrat), Dr. Adolf Groß (Krakau, jüdischer Demokrat), Dr. Gold (Zloczow, Allpole!), Dr. Löwenstein (Drohobycz, Polenklub dem okrat), Dr. Kolischer (Kolomea, Polenklub), Dr. Leo Winter (Prag, czechischer Sozialdemokrat), Dr. Wilhelm Ellenbogen (Wien-Brigittenau, deutscher Sozialdemokrat), Leo Freundlich, (Olinütz, deutscher Sozialdemokrat). In Lemberg haben die Zionisten in der Stichwahl den berüchtigten Herrn von Horowitz geworfen. Sie haben das ihnen angebotene Kompromiß, das ihnen anderwärts zwei Mandate gesichert hätte, aus guten Gründen abgelehnt und damit einen Beweis politischer Reife und Charakterstärke gegeben. Dr. Di am and, der ihnen so sein Mandat verdankt, war vor ungefähr 20 Jahren Vorstandsmitglied eines Lemberger „Zionu. An „Getauften", die von vielen jüdischen Blättern oft als Juden gezählt werden, wurden gewählt: Dr. Victor Adler (Wien, Sozialdemokrat), Dr. Adolf Stransky (Mähren, Jungezeche), Prof. Dr. Josef Redlich (Göding, Deutschfortschrittlich), Dr. Stefan Licht (Mähr. Ostrau, Deutschfortschrittlich). Auch der eine oder andere der früher genannten Sozialdemokraten wird wohl der Parteipraxis jüdischer Genossen gefolgt und seiner „Konfessionslosigkeit" auf einer Korrespondenzkarte an 3