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Die Welt · 1907-05-31 · 22 (31.5.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE fiLT No. 22 der kühlste und ruhigste sein. Keiner große« Kämpfe Schauplatz dürfte er werden. Jeder frühere Kongreß hatte eine bestimmte Prägung, eine ihm eigene Aufgabe und Bestimmung. Die ersten waren dem Schaffen und Zusammenschweißen der Organisation gewidmet. Es galt, das Fundament zu legen, um weiter bauen zu können. Eine Fülle von Projekten — und was noch mehr ist, von leitenden Ideen lag vor. Die Einberufer hatten immer eine neue Parole, die Einberufenen eine neue Stimmung mit sich gebracht. Und in diesem Geben und Nehmen war Leben, in dieser innigen Beziehung zwischen dem einzelnen und der ganzen Partei lag ihre Stärke. . . Die zwei letzten Kongresse waren die der inneren Entwicklung. Innere Gegensätze stießen aufeinander, tiefer als sie den meisten zu Bewußtsein kamen, schlössen einander aus. Der Riß zwischen den streng palästinensischen und den territorialen Zionisten hatte mehr als nur parteipolitische Bedeutung. Es war eine Klärung des historischen Prozesses, der sich jetzt innerhalb des Judentums abspielt. Das Endziel ist eines — die Freiwerdung des Judentums, aber die Route ist verschieden. Die einen möchten auf dem gewohnten, liebgewonnenen, breitgetretenen Wege hingelangen, womöglich mit all dem Hausgerät versehen, das ihnen so lange und ehrlich diente und mit ihnen beinahe verwachsen war. Die anderen wollen auf amerikanische Weise reisen. Alles hinter sich, das Alte in die Rumpelkammer — und mit Blitzschnelle fort zum Neuen, auf unbetretenen Bahnen. Und wenn man Berge schneiden, Seen trocknen muß — wohlan. So stehen sie sich jetzt gegenüber — die beiden Parteien der jüdischen Freiheitsbewegung, wenn sie sich auch des inneren schroffen Gegensatzes nicht bewußt sind, ihn über den äußerlichen Reibungen und Zufälligkeiten übersehen. Wir, die für Amerika nicht schwärmen, ziehen den ersteren Weg vor. Er führt uns sicherer zum Ziele. Und mag die Reise auch etwas länger dauern, was wir auf der Strecke sehen werden, was wir auf der Wanderung erleben werden, wird uns Entgelt genug sein. Und nun geht jede Partei ihre Wege. Und der ersteren allein gilt der kommende Kongreß. Aber die Einheitlichkeit bietet auch eine Schwierigkeit. Auch ein regelrechtes Parlament muß immer eine Parole, eine leitende Idee haben. Ein „Arbeitsparlament" ohne ideelles Äquivalent ist nicht das Ideal des Parlaments. Um so mehr, wenn es sich nicht um ein Parlament, sondern um einen Kongreß handelt, der nur auf kurze Zeit zusammentritt, keine positive Arbeit eigentlich zu leisten vermag. Wir sind noch nicht soweit, bloß einen „Arbeitskongreß" haben zu dürfen. Wir müssen noch, indifferenziert wie wir noch sind, im Kongreß die ideelle Leitung sehen, von ihm Parolen und Orientierungen erwarten. Und deshalb ist die Lage der kommenden Kongresse schwieriger denn je. Wenn der innere, prinzipielle Kampf fehlt — wo soll man nun Parolen und Ideen nehmen? Welche neuen Gedanken soll nun der Kongreß in die zionistischen Massen hineinbringen, — die praktischen Kolonisationsfragen allein, die speziellen Vorschläge betreffs Errichtimg gewerblicher und anderer Unternehmungen in Palästina können das Programm eines Kongresses nicht erschöpfen. Der Kongreß kann nur die bereits ausgearbeiteten, von Fachkommissionen unterbreiteten Vorschläge annehmen oder ablehnen, kann nur Anregungen für die fernere Tätigkeit geben. Detailfragen gehören nie vor eine konstituierende Versammlung. Und der Kongreß ist noch immer eine solche, noch immer kein ständiges Parlament Was die Hauptsache ist und bleibt — das sind allgemeine Direktiven. Welche Prinzipien beherrschen jetzt die Partei, welchen folgt die Leitung? Das sind die Fragen, die diskutiert werden müssen, deren Prüfung die Aufgabe des Kongresses sein müßte. In den üblichen Kongreßreden über die Lage der Juden ist mehr auf die äußeren Umstände, auf die Stellung der Juden innerhalb der Gesellschaft, als auf die inneren Verhältnisse und Gestaltungen hingewiesen worden. Die Erfahrimg hat uns jedoch belehrt, daß, je lauter wir reden, um so weniger wir gehört werden. Die Außenwelt beachtet uns wenig, reagiert nicht sehr auf unsere Klagen und Vorwürfe. Nach außen können wir nur geringe Wirkung erzielen, tmr wenig wirksame Wärme ausstrahlen. Aber nach innen, innerhalb unseres eigenen Volkes, können wir eine Wirkung ausüben. Hier könnte unser Wort von metallnem Klang sein — hier können wir den Ton angeben. Das ist die große Eroberung, die der Zionismus für das jüdische Volk gemacht hat — die Möglichkeit, sein Leben auf eine breite, alle Interessen umfassende, selbständige Basis zu stellen. Wir haben es in den letzten Jahren oft selbst vergessen, auf welches Ziel wir hinsteuern, was unser eigentliches Prinzip ist — das jüdische Leben in eine Einheit zusammenzufassen, in eine höhere Synthese zu bringen. Dieser Grundgedanke war ja das Anziehende, das Erobernde am Zionismus. Nicht nur ein bestimmtes, in mehr oder weniger umschriebene Grenzen gebanntes Programm — sondern einen neuen Lebensinhalt wollten wir schaffen. Diese Grundauffassung, groß in ihrem Gedachtsein, fruchtbar in ihrer Anwendung, ist während der letzten Jahre gewissermaßen verflacht worden. Das Prinzip trat hinter dem Detail zurück, das Bedürfnis des Augenblickes vor die auf das Ganze gerichtete Idee. Das sahen wir am besten in den letzten zwei Jahren, die seit dem VII. Kongreß verflossen sind. Sie haben in das jüdische Leben Stürme und Erschütterungen gebracht, die zwar seit langem erwartet, deren Kraft aber nie richtig abgeschätzt wurde. In Rußland kam die längst vorbereitete Krise. Sie hat die Juden vor unerwartete, schwierige Probleme gestellt. Die Lage scheint ja sonst sehr klar zu sein. Konstitution — also Gleichberechtigung, und die Sache ist erledigt. So haben es sich viele, sehr viele Juden, besonders die politisch-extremen und die politisch-gemäßigten, d. h. die Sozialisten und die Kadetten, gedacht. „Gebt uns nur eine Verfassung in Rußland — und es gibt keine Judenfrage mehr." Aber die Verfassung, wenn auch nur eine in Anführungszeichen, kam, und die Judenfrage ist noch sehr entfernt davon, erledigt zu werden. Unerwartete Schwierigkeiten stellten sich in den Weg, hemmend, bremsend. Die erste Duma wurde aufgelöst, ohne daß sie zur Judenfrage Stellung genommen hat. Sie, die über alle Fragen sprach, schob die Judenfrage, die der wunde Punkt Rußlands genannt war, immer weiter hinaus, bis ihre Stunde schlug. Die zweite Duma tagt schon bald drei Monate. Über die Judenfrage wird nicht debattiert. Man sagt, sie werde bald an die Reihe kommen. Und wenn schon? Und wenn auch die Duma die Judenemanzipation dekretieren wird? Gesetz wird sie dadurch noch nicht. Was die Duma gewährt, können und werden die höheren Instanzen verweigern. Und kein Mensch in Rußland — mit Ausnahme der Juden — wird sich allzusehr darüber aufregen. Man glaubte früher, die Judenfrage bilde den Angelpunkt des russischen Lebens. Die Wirklichkeit hat die Illussion zerstört. „Soll die ganze Welt in Frieden leben und nur die Juden nicht?" fragen wir, die Frage des alten Rabbi Chanina ben Dossa variierend. Und eine Stimme antwortet uns: „Warum denn nicht?" Dieses „Warum-denn-nicht" liest man aus den Auslassungen der liberal-kadettischen Blätter Rußlands, hört man aus den Reden der Herren Kadetten und ihrer Freunde heraus. Während man sich nun auf ein Refus gefaßt machen muß, dürfen sich die Juden anderseits nicht auf die bloße Forderung der nackten Gleichberechtigung beschränken, Gleichberechtigung ohne nationale Garantien ist in einem völkisch-heterogenen Staate, wie es Rußland ist, null und nichtig, — folglich Nationalrechte! Aber in welchem Ausmaße? Die Frage ist einfach — insofern sie mit einem Minimum an Kraftverbrauch zu erlangen, ein Maximum an Sicherheit gewähren können. Es sind zahlreiche Theorien geschaffen worden, manche von ihnen haben sogar die Form von konkreten Bewegungen angenommen. Aber all' die verschiedenartigen Bestre-

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