Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ÜBER KAPITALANLAGEN IN PALÄSTINA Von Dr. Leon Die auf praktische Arbeiten in Palästina gerichteten Bestrebungen, die jetzt innerhalb der zionistischen Organisation eine Hauptströmung darstellen, haben im Vergleiche zu den vorhandenen Möglichkeiten der Realisierung, insbesondere was Landerwerb und Beschäftigung der Juden auf landwirtschaftlichem Gebiete betrifft, bis jetzt noch ganz geringe Erfolge aufzuweisen. Die Leichtigkeit, mit der es in der letzten Zeit der Anglo-Palestine Company, der Geulah, einigen Kolonien und Privatpersonen hierzulande gelungen ist, Land zu kaufen und in Benutzung zu nehmen, die Besserung der wirtschaftlichen Situation zahlreicher Kolonisten, von dem Zeitpunkte ab, da sie selbständig geworden sind, die guten Erträgnisse vieler privater und kolonialer Plantagenunternehmungen (wie derjenige von Petach-Tikwah, Wad-Hanin, Rechoboth) haben das alte Vorurteil gegen die Möglichkeit praktischer und zugleich rentabler Arbeit in Palästina so weit erschüttert, daß es nur noch einer geringen Anstrengung bedarf, um es gänzlich zu brechen und jüdische Kapitalisten dafür zu gewinnen, hier im Lande größere Gelder mit Aussicht auf gute Erträgnisse anzulegen und so wirtschaftliche Eroberungen in rascherem Tempo zu machen. Die Beweise für die Rentabilität in Palästina angelegten Kapitals sind bis jetzt nur durch die hierländische Privatinitiative geliefert worden. Nun gibt es aber unter den einheimischen Juden keine Großkapitalisten, und wirklich große Anlagen, die die reichen Aussichten großzügiger Unternehmungen beweisen könnten, müssen von auswärts kommen, — darüber wird in letzter Zeit viel gesprochen und viel geschrieben. Es wird auch viel dafür agitiert, und die Agitation machen selbstverständlich die Zionisten und die zionistischen Führer. Diese Agitation aber hat bis jetzt keine großen Erfolge erzielt. Die Reichen unseres Volkes reagierten bis jetzt sehr wenig auf die schönen Reden und theoretischen Beweisführungen unserer Leute, und ziehen es noch immer vor, ihre Kapitalien wo immer sonst, nur nicht in Palästina, zu verwerten. Es ist die alte Wahrheit: mit schönen Reden macht man keine praktische Agitation. Dazu gehören Taten, Beispiele aus dem Leben, persönliche Beweise. Die Wohlhabenden und Reichen unter den Zionisten haben diese Beweise zu liefern, sie haben mit ihrem Beispiele dem kapitalistischen Teile der Judenheit voranzugehen und ihre Kapitalien für größere landwirtschaftliche, iirtiustrielle und kaufmännische Unternehmungen in Palästina zu verwenden. Aber diese finanziellen Unternehmungen müssen mit großem Ernst und großem persönlichen Interesse geführt werden und nicht den Charakter einer Wohltat, eines der Partei gebrachten Opfers oder gar sozusagen eines Sports tragen. Denn nur dann kann die Unternehmung' einen Erfolg haben, wenn Personen daran voll und ganz, mit ihrem Herzen und Vermögen, interessiert sind. Wenn ein reicher Zionist, der in Europa eine Fabrik besitzt, die einen Millionenbetrieb darstellt, in Palästina mit 10 000 Frs. sich an einer Mühle beteiligt, ohne selbst im Lande gewesen zu sein, oder wenn ein anderer reicher Geschäftsmann sich in einer Kolonie ein paar Hektar Weingarten pflanzen läßt und dann beide Unternehmungen keinen Ertrag liefern oder gar zu Grunde gehen, so wird es doch niemandem beifallen, solche praktische Arbeit anders denn als Liebhaberei oder als „gutes Werk" für Palästina zu betrachten und daraus etwa die Konsequenz zu ziehen, daß man in Palästina finanziell nicht reüssieren könne. Bis nun hat noch kein einziger kapitalkräftiger Zionist mit einem großen Teile seines Vermögens ein größeres Unternehmen versucht, ein Unternehmen, an dem er finanziell ebenso oder zumindest beinahe ebenso starkes Interesse hätte, wie an seinen anderen Geschäften und Unternehmungen in Europa oder Amerika. Denn die paar Anteilscheine, die paar tausend Francs, mit denen der eine Kohan, Jaffa oder andere Großindustrielle oder Kaufmann aus Europa sich an palästinensischen Unternehmungen beteiligt, spielen bei ihm geschäftlich eine so geringe Rolle, sind so minimal im Vergleiche zu seinen Hauptgeschäften, in Europa, „zu Hause", daß er jeden Verlust in Palästina leichten Herzens verschmerzen, daß ihm jedes Mißlingen des palästinensischen Unternehmens höchstens einen zionistischen Seufzer kosten kann. In der Tat kann man doch von niemandem verlangen, daß er seine großen Geschäfte in Europa einem fremden Aufseher, einem Administrator oder einem Geschäftsfreunde überlassen soll, um seine ganz kleinen Interessen, seine aus einer zionistischen Moral heraus geschaffenen Kleinpfennigunternehmungen in Palästina selbst zu beobachten, selbst zu betreiben und zu leiten. Und so erscheint es nur natürlich, daß er sich in Palästina für die Kleinigkeit durch einen Administrator vertreten läst, seine minimalen praktisch-zionistischen Sorgen auf andere überträgt. Das kleine Weingärtchen, die paar Dunams Plantation, die hundert Mandel- oder Olivenbäume kann ja auch wirklich ein benachbarter verläßlicher Kolonist ganz gut bestellen, einen Bauplatz am Karmel die „Anglo" oder die „Geulah" besorgen' ohne daß man gezwungen ist, sich von seinem „Stammhaus" und dessen Geschäften auch nur für ein kurzes loszureißen, um nachzusehen, wie's in Palästina geht. Das Prinzip ist noch immer ein negatives: Viel verlieren kann man ja dabei nicht. Und man hat dabei noch ein Gefühl der Genugtuung, für die „Idee" etwas Gutes geleistet zu haben. . . . Nun kann man noch einen großen Schritt weitergehen und anstatt des einzelnen kleinen Unternehmens ein größeres Kollektivunternehmen versuchen. Es kann doch jeder reiche Zionist durch ein 1000 Mark-Anteil zusammen mit seinen zahlreichen, ebenso reichen Kollegen ein Kapital von 100 000 Mark und noch mehr schaffen, damit eine größere Gesellschaft für Landwirtschaft, Pflanzungen oder Industrie usw. in Palästina gründen, an deren Spitze eine gutbezahlte, ehrliche, sachverständige Administration stellen, die in Palästina wohnen und das ganze Unternehmen verwalten soll. Damii glaubt man, auf die zweckdienlichste Weise ein doppeltes Ziel zu er reichen: Die reichen Zionisten bleiben mit ihrem ganzen Hab und Gin in Europa und vermeinen, daß doch auch für die praktische Arbei: in Palästina das Entscheidende, Große getan sein wird. Das ist der neue Weg, der jetzt betreten werden soll, um Kapital ins Land zu bringen, große Unternehmungen zu schaffen weite Ländereien zu erwerben, sie zu bearbeiten, zu bepflanzen und zu bewirtschaften. Es sind scheinbar alle Bedingungen für einen guten Erfolg gegeben: viel Geld, gegenseitiges Vertrauen aller Kapitalbeteiligter, gute Administration' — selbstverständlich hat man die Absicht, nur die besten Administratoren zu wählen nicht die Baron'schen, nicht die JCA-Leute, sondern Leute mi' zionistischer Vergangenheit und tüchtig in ihrem Fache, eventueli auch mit Landeskenntnissen, — und dennoch kann nach meine Meinung vorausgesagt werden, daß auch diese Art der Palästina erscheinung nicht den erwünschten Erfolg haben, der Bewegung, der praktischen Palästinaarbeit nicht den erhofften Nutzen bringe: und daß auch dieses System als nicht lebensfähig über kur; oder lang versinken wird. Denn die Hauptbedingungen des Er folges, des Gedeihens — das persönliche finanzielle Interesse einer seits und der tiefe zionistische Ernst andererseits — fehlen auch bc: diesem System. Mag die Administration noch so gut unt; ehrlich sein, — ihre Handlungsmöglichkeiten sind und bleiben immer beschränkt, ihre Aktionen immer unsicher und flau, und können beim besten Willen kein Unternehmen zur Blüte bringenwenn der Unternehmer selbst daran kein Interesse hat. Und Interesse an der Sache kann der Unternehmer nur dann haben, wenn