Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIEEaEELT No. 22? eingewickelt und nicht ein verschollener, aus längst vergangenen Zeiten verirrter Klang ist, sondern ein lebendiges, vom Daseinstrieb durchglühtes Wesen, ein Volk, das den mächtigen Drang in sich fühlt, neue Taten zu vollbringen und für sich eine neue Zukunft zu schaffen. Das geeinigte Volk der Juden soll neues Leben in das dürre, verschmähte und verlassene Land, das auch den Christen wert ist, hineintragen, und es für eine neue, saatenreiche Zukunft ausrüsten. So wie der Prophet Elisa sich auf den leblosen Körper des Kindes der Sunamith legte, es mit seinen warmen Odem ins Leben zurückgerufen hat, so sollen die Kinder des Prophetenvolkes sich auf die öden Flächen des verwahrlosten Landes hinwerfen, um es wieder zu beleben und zu befruchten. . . . Im Haag, der Stadt der Friedenskonferenz und der Friedensausstellung, in der Residenz der Völkerverbrüderung, in dieser Burg des nationalen Rechts, soll das Recht eines rechtlosen und jammervoll leidenden Volkes gefordert werden. Die Regierungen, die sich bei der Friedenskonferenz einfinden, — sollten sie nicht auch den Juden den Frieden schenken? Daß unsere Landesgenossen unsere jüdischen Brüder herzlich begrüßen werden, unterliegt keinem Zweifel. Sie wissen, wie gut und schätzbar die nationale und1; politische Freiheit ist. Sie wissen, was für gute Bürger die in Freiheit lebenden Juden sind und welchen Nutzen sie dem Lande, in dem sie wohnen, bringen. Sie'werden es auch begreifen, welche gute und nützliche Bürger die Juden im Judenlande Palästina sein werden. Im Judenlande! Die Geschichte hat es bewiesen, daß/ die Juden, wo immer sie sich befinden, sich nicht jüdisch ausleben können oder gedrückt und verfolgt werden. Sie können nicht länger unter dem Druck und der Verfolgung leben. Deshalb trachten sie das alte Land; wieder als freies Land zu bekommen, wo sie unter Garantie der Großmächte, unter der Souveränität des Sultans eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte finden werden. Dies ist das Programm, unser Programm, einfach und eindeutig: Das unterdrückte jüdische Volk sucht eine freie Existenz in seinem eigenen Lande. In diesem Bestreben, das der ganzen Menschheit zugute kommen kann, rechnen wir auf das Verständnis aller gut Denkenden im Lande. An diesem Verständnis, wir wissen es ganz genau, wird es dem schönen Volke der Niederländer, das seine eigene Freiheit so sehr liebt, nicht mangeln. Zirkular VII des Zentralbureaus der russisch-zionistischen Organisation, den achten Kongreß betreffend Der achte -zionistische Weltkongreß wird dieses Jahr im Haag vom 14.—20. August stattfinden — im Haag, der Hauptstadt jenes Landes, das vor 400 Jahren den verbannten Juden Spaniens großherzig seine Tore geöffnet hat. Die ewigen Wanderer werden sich in der Hauptstadt des gastfreundlichen Holland versammeln, um Rat zu pflegen darüber, wie sie ihrer Heimatlosigkeit ein Ende setzen können. Trotz der tiefen Dankbarkeit, die die Zionisten auch für die gastfreundliche Schweiz hegen, beschlossen sie diesmal den Kongreß nicht in Basel, sondern im Haag, in der Stadt der Friedenskonferenz, abzuhalten, aus der Erwägung heraus, daß es notwendig ist, die zionistische Idee nicht nur den Juden verschiedener Länder vorzuführen, sondern auch verschiedenen Völkern. Denn der Kongreß ist eines unserer stärksten Mittel, alle Nationen mit dem Ideal und den großen Zielen des Zionismus vertraut zu machen. Mit diesem Kongresse schließt ein Jahrzehnt der Geschichte des politischen Zionismus ab, ein Jahrzehnt von ununterbrochener Tätigkeit und gesetzmäßiger Entwicklung. Während dieses Zeitraumes hat der Zionismus vieles durchmachen und miterleben müssen, aber er blieb wie ein Fels unerschütterlich stehen inder Mitte des brausenden Ozeans. Er ist aufrecht geblieben, weil er eine historische Notwendigkeit ist. Eine zehnjährige Evolution hat es dahin gebracht, daß der Zionismus immer klarere Formen und konkretere Umrisse gewonnen hat. Das Endziel ist dasselbe geblieben wie vor zehn Jahren — die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimatstätte für das jüdische Volk in Palästina. Aber die Erfahrung von zehn Jahren hat uns gezwungen, die Taktik zu ändern. Der Zionismus kann sein Endziel nicht auf einmal, sondern nur allmählich verwirklichen, indem er zu jedem Zeitpunkt seine Aufgaben seinen Mitteln und Möglichkeiten anpaßt. . Die vor kurzem in Köln abgehaltene Konferenz der Mitglieder des großen Aktionskomitees hat allen bewiesen, daß int der Auffassung der Aufgaben des Zionismus eine vollständige Übereinstimmung in den leitenden Kreisen unserer Bewegung herrscht. Alle sind damit einverstanden, daß wir unsere reale Arbeit in Palästina kräftiger und besser entwickeln sollen, — eine Arbeit, die zur Zusammenfassung und zur Vermehrung der jüdischen Kräfte im Lande selbst und zur Schaffung von Bedingungen führen soll, die jüdisches Kapital und jüdische Kraft in unser Land ziehen werden. Alle stimmen darin überein, daß wir verschiedene Konzessionen in Palästina zu erwerben suchen müssen, und vor allem sind alle darin einig, daß der Zionismus seinen eminent politischen Charakter bewahren muß. Der achte Kongreß ist kein Kampfkongreß um allgemeine Prinzipien, sondern ein Kongreß praktischer Beschlüsse,- dkzu einer Reorganisation unserer 'Zentralinstitute führen sollen. Indem wir hier die nächsten praktischen Wege aufzeigen wollen, die zur Realisierung unseres Zieles führen, werden wir zweifellos viele Streitpunkte aufdecken, die auf dem nächsten Kongreß ihre Schlichtung finden sollen. Im folgenden weisen wir auf diese strittigen Materien hin und lenken die Aufmerksamkeit aller Zionisten und zionistischen Gruppen darauf, damit sie imstande seien, sie zu untersuchen und nachher ihren Delegierten bestimmte Instruktionen mit auf den Weg zu geben. Alle Delegierten aber mögen nicht außer acht lassen, daß es ein Arbeitskongreß ist, an dem sie Anteil zu nehmen haben. Die Aufgaben des achten Kongresses werden von uns folgendermaßen aufgefaßt: Der Kongreß muß unverzüglich einen Plan für systematische* Arbeit in Palästina ausarbeiten, indem er prinzipiell von der Anerkennung ihrer Notwendigkeit ausgeht. Bis jetzt haben sich zwei Anschauungen über die Methoden der Palästinatätigkeit durchgerungen: 1. Die zionistische Organisation als solche konzentriert all ihre Energie auf die Erwerbung von Konzessionen und beschränkt sich indessen auf die Erweckung der Privatinitiative auf agrikulturellem und industriellem Gebiete. Nach diesem Plane nimmt die zionistische Organisation nur die Errichtung von Informations- Instituten auf sich, die alle Auskünfte für Privatpersonen zu erteilen haben. 2. Die zionistische Organisation tritt sofort mit Hülfe ihrer schon existierenden Finanzinstitute, Bank, Nationalfonds oder die projektierte Agrarbank an eine intensive Tätigkeit in Palästina heran (Landankauf, Stützung der Kolonisation, Anteilnahme an industriellen Unternehmungen) und unternimmt parallel mit dieser Tätigkeit alle geeigneten Schritte zur Erwerbung von Konzessionen. In diesen zwei Auffassungen liegt eine der hauptsächlichsten Meinungsdifferenzen, die eigentlich alle anderen nach sich zieht. Der achte Kongreß muß vollkommen eindeutig beschließen, welcher Tätigkeitsplan der zweckmäßigere ist. Selbstverständlich kann der Kongreß keine detailierten Pläne ausarbeiten, — was ausschließlich einer Kommission von Fachleuten obliegt — sondern er hat nur die Aufgabe, unseren Exekutivorganen bestimmte prinzipielle Direktionen zu geben.