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Die Welt · 1907-05-24 · 21 (24.5.1907) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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angesehener Mann, talmudbeflissen, geistig über alle polnischen Edelleute emporragend. Und nun geht die Hetzjagd los. Der eine beschmiert den weißen, würdigen Bart des Juden mit Schweinefett, der andere schneidet ihm eine Schmachtlocke ab, der dritte bedrängt ihn mit Gewissensfragen, auf die er keine gerade Antwort geben darf. Welche Waffe ist da für den von Hohn und brutaler Schmach überschütteten Juden wirksamer als die seines Witzes? Und er beginnt seine Geschichte ruhigen, gleichgültigen Tones, obwohl Dämonen des Hasses in seiner Brust rasen. „Es war eirmalu . . . Und alle tierischen Instinkte legen sich unwillkürlich vor der Stimme des überlegenen Verstandes, — und sie horchen. Und wenn auch der Sinn des Witzes ein Beleidigung für sie ist, sie übersehen es ob der hinreißenden Kraft der Darstellung. Und was der Jude nicht sagen konnte, sagen durfte, das ergänzte er mit der Bewegung der Augen und der Mundwinkel, mit der leichten, abgemessenen Geberde. Wer einen jüdischen Witz ohne die jüdische Geberde erzählt, verdirbt ihn. Es ist, wie wenn man ein Nocturno auf einem Dudelsack spielen würde. Ja, es gibt eine Reihe von jüdischen Witzen, — und zwar sind es die besten — die nur ein Jude, und sogar ein Ghettojude erzählen kann. Es ist da so viel .Unausgesprochenes nicht zu Wort gekommen, aber darin liegt der ganze Humor, der ganze Saft des Witzes. Humor ist vielleicht nicht das richtige Wort. Denn dieses gutmütige, satte, breit und laut lachende Spiel ist nicht für den Juden, c*er immer Eile hat, der in Unruhe lebt. Wo der Witz ein Mittel, e:ne Waffe ist, dort wird er gepflegt, als geistige Tätigkeit betrachtet. In Deutschland z. B. gibt's vielleicht einen großen Witzling, — ich rede von einem Deutschen, der sich als solcher seinen Landsleuten vorstellte, ich meine Lichtenberg. Bei Juden ist der Witz die Eigenschaft eines jeden geistig hervorragenden Menschen. Die besten und schärfsten Witze werden gerade den großen jüdischen Gelehrten und den hervorragendsten Köpfen zugeschrieben, vielleicht zugedichtet. Und nicht mit Unrecht. Dadurch haben sie oft mehr erreicht als durch Gründe und Argumente. Wo es das Wohl der Juden galt, mußte überlegener Verstand und ungewöhnlicher Scharfsinn angewendet werden, um den starren Haß, die unbeugsamen Vorurteile zu brechen. Gegen die scharfen Pfeile des Witzes waren diese schweren, undurchdringlichen Panzer auch ohnmächtig. Und deshalb schreibt oft das Volk das jeweilige Gelingen seiner Bestrebungen einem überlegenen, klugen, augenblicklichen Einfall zu. So wird z. B. in Galizien folgende Geschichte erzählt: Es war um die Zeit, als die österreichische Regierung sich mit der Frage der Judenemanzipation befaßte. Die Juden taten alles mögliche, um ihrer Sache zum Siege zu verhelfen. Da war aber im kaiserlichen Kabinett ein hoher Rat, der die entscheidende, gewichtigste Stimme hatte; dieser aber war ein eingefleischter Judenhasser. Achilles hatte aber auch eine Stelle, an die man herankommen konnte; eine solche hatte auch der unzugängliche, unerbittliche Herr. Schließlich gelanges den Juden, von ihm wenigstens eine Audienz zu bekommen. Damit war eigentlich die Sache schon gewonnen. Der Vertreter der Juden kam nun zur Audienz. Der hohe Herr empfing ihn mit grimmiger Miene und herrschte ihn an: „Ich will nichts hören! Aber wenn Ihr mir Eure Bitte und was Ihr von mir wollt in einem einzigen Worte vorlegen könnt, so werde ich sie gewähren." Und er sah im Geiste den Juden schon geschlagen. Dieser aber ließ sich trotz der unerwarteten Situation nicht beirren und antwortete: „Schweigen." Der hohe Herr war in seiner eigenen List gefangen, er mußte, seines Versprechens eingedenk, bei den Beratungen über die Judenfrage schweigen, die Sache der Juden war gerettet. Diese geschichtliche Mythenbildung ist charakteristisch für die Wertschätzung des Witzes. Der jüdische Witz-Virtuose ist ein Künstler in seiner Art. Er versteht,die entlegensten Gedankenassoziationen zusammen zu bringen, das Weite nah, das Unbekannte vertraut zu machen. Sehen Sie einmal zu, wie einige witzige Juden sich unterhalten. Der eine sagt was, etwas recht Einfaches, Anspruchsloses. Aber in seinen Augen kauert schon der Witz und sieht sich um und streckt schon ein Bein vor. Ein Augenblick und er steht schon mit beiden Füßen da und lacht Sie an. Aber der andere schweigt nicht. Er greift ein Wort aus der Rede des ersten hervor; das Wort ist für ihn der Ring zu einer neuen, eigenartigen Gedankenkette, der Strich zu einem neuen Bilde. „Sie haben gesagt das und das, da werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen." Das ist der gewöhnliche Refrain, den Sie bei einer Unterhaltung von Juden in jedem Eisenbahncoupe, in jedem jüdischen Hause, in jeder Synagoge hören können. Der eine hält einen Faden des spielenden Gedankens und gibt das zweite Ende dem anderen, der zweite dem dritten, bis da ein buntes tausendfarbiges Witznetz wird, das ein langsameres Hirn nicht entwirren kann. Wenn Sie in eine „christliche" Redaktion kommen, da - Verden Sie oft ein eigenartiges Schauspiel sehen. In einem Kreise - jßtehen Journalisten, darunter einige Christen, und in der Mitte für gewöhnlich ein kleiner, beweglicher — sein näheres Merkzeichen: oft „ein bischen" getauft — Mann und erzählt Witze. Es sind die neuesten „Schlager". Keiner weiß, woher sie gekommen, wo sie entstanden sind, aber das Gepräge der Rasse tragen sie immer an sich. Morgen kommen die Witze in die humoristischen Blätter, auf die Bühne der Varietees, in die Lustspiele von Kadelburg oder Blumental. Und dazu sind es die schlechtesten, ich möchte sagen die „getauften" Witze. Die echtjüdischen sind für Westeuropa erst zu entdecken. Es ist wirklich schade, daß die französischen Juden so assimiliert sind. In Frankreich hätte man für jüdischen „Esprit" mehr Verständnis als z. B. in Rußland, der Brutstätte des jüdischen Witzes. Einer meiner Freunde, ein Virtuose des Witzes, der zu den in weiteren Kreisen bekannten jüdischen Abgeordneten der ersten Duma gehörte, erzählte einmal in den Couloirs der Duma einen viel belachten und kolportierten Witz, den ich an dieser Stelle als Illustration wiedergeben möchte. Es handelte sich um die Frage der Judenemanzipation. Die Abgeordneten der „Arbeits"- und der „Bauernpartei" meinten, die Judenfrage müsse der Agrarfrage hintangesetzt werden. Zuerst seien die Bauern durch die Lösung der Agrarfrage zu gewinnen, dann würden diese zum Entgelt für die Judenrechte stimmen. Daraufhin sagte ihnen der jüdische Abgeordnete: Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen. „Es war einmal ein jüdischer Fuhrmann, der war ein frommer und traditionstreuer Mann. Die ganze Woche war er immer beschäftigt, mußte oft ganze Nächte auf der Fahrt zubringen. Aber Freitagabends und am Samstag, da war er ganz der Ruhe ergeben. Aber was macht ein einfacher und nicht verwöhnter Mann während der langen Winternächte? Also jeden Freitagabend schlief er bis 2 Uhr nachts, dann erwachte er und las die Psalmen. Einmal ging ihm aber die Lampe aus; er blieb im Dunkeln und konnte nicht weiter lesen. Was tun? Da verfiel er auf folgenden Gedanken: Da er seinem Gehilfen, dem Bauern Juchym, doch nicht befehlen durfte, die Lampe anzuzünden, — das ist nach dem talmudischen Gesetze verboten — so mußte er diesen dazu bewegen, aus eigenen Stücken Licht zu machen. Gedacht, getan. Der Fuhrmann "tappte sich im Dunkeln bis ans Lager von Juchym, der da selig schnarchte, heran, weckte und fragte ihn: „Juchym, willst du einen Schnaps?" Das magische Wort übte seine gewünschte Wirkung aus. Juchym sprang sofort auf und sagte freudevoll: „Aber natürlich, Meister!" „Es ist aber finster", erwiderte ihm dieser. „Da mache ich Licht", sagte Juchym, und zündete die Lampe an. Der Meister ging mit ihm zum Schranke, schenkte ihm ein Schnäpslein ein und wartete mit Ungeduld, daß Juchym die Lampe auf den Tisch stellen und sich entfernen werde. Juchym nahm das Schnapsglas, schnalzte mit der Zunge im Vorgeschmack des köstlichen Trankes; trank's mit einem Zuge aus, dankte bewegten Gemütes dem Meister und — löschte das Lieht aus. Der Meister stand, wie ein „Ochs am Berge". Es ist die tragische Geschichte des jüdischen Volkes, die hier erzählt ist. Das ist eine echte jothum-Parabel, ein Witz, der zur Kunst geworden ist, ein echt jüdischer Witz. Hätte ihn ein Franzose im französischen Parlament erzählt, er wäre ein Held des Tages geworden. Und Disraelis Ruhm war auch oft aus viel schwächeren Witzen zusammengestickt. Ist es nun nicht merkwürdig, daß in einem Volke, das so viel Witz besitzt, nie eine Komödie geschaffen wurde? Die vollständig witzlosen Russen haben die geniale Komödie von Gogol „Revisor", die Deutschen so viele prachtvolle Lustspiele, die Juden haben keine! Ist es nicht ein Paradoxon? Oder hat das Sprichwort Recht, das sagt, daß „die Schneider in Lumpen und die Schuster barfuß herumlaufen?" Oder teilen die Juden vielleicht das Geschick aller Virtuosen, daß sie nicht schöpferisch sind? Paganini war kein großer Komponist. Die Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung liegt wahrscheinlich in dem Umstände, daß der Ausgangspunkt der Komödie nicht der Witz, sondern der Humor ist, der den Juden in mancher Hinsicht abgeht. Aber das ist eine Frage, die mit dem gegebenen Thema nur indirekt verbunden ist. Die Welt^ kann als tragisches Problem, aber auch als ein ewiges Spiel, ein launiger Einfall, als ein unermeßlicher Witz aufgefaßt werden. Und oft treffen die beiden Vorstellungen in einer Auffassung zusammen, schneiden sich in einem Punkte. Der Virtuose des Geistes, für den sich alles im Witze auflöst, ist auf der anderen Seite der größte Pathetiker. Pathos und Ironie — die Mutter des Witzes — sind verschwistert. Und beide sehen wir in der Seele des Juden vereinigt. A. Cor.

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