Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 21 DIEME LT L5 den Zigarren abgeschnitten werden, das alles wurde gesammelt, an eine Zentralstelle gesandt und dort verkauft. In den ersten 1 \? Jahren sind dafür über 400 Mk. erzielt worden. Im laufenden Jahre dürfte ein viel höherer Betrag herausschauen, da die Preise für Zinn und Stanniol zurzeit recht hohe sind. Es liegt aber kein Grund vor, daß diese Sammlungen nur auf Deutschland beschränkt bleiben. Die Gegenstände dieser Sammlungen werden überall gebraucht, und es dürfte den Landeszentralen ein leichtes sein, überall reelle Händler ausfindig zu machen, die gute Preise dafür zahlen. Zinn und Stanniol sind zudem Artikel, die an den Metallbörsen gehandelt werden und über deren Preise man sich jederzeit aus den großen Tageszeitungen orientieren kann. Mühelos kann so dem Nationalfonds eine neue Einnahmequelle erschlossen werden. Auch Nichtzionisten werden sich gern an diesen Sammlungen beteiligen. Es bedarf nur der Anregung. Die zu geben wird insbesondere Sache unserer weiblichen Mitstreiter sein, unsere Zionistinnen finden dabei ein gutes Feld der Betätigung. Und für unsere Kinder wird es von nicht zu unterschätzendem erzieherischem Wert sein, wenn man auch sie anhält, von der Schokolade, die sie geschenkt erhalten, das „Silberpapier" nicht fortzuwerfen, sondern aufzuheben und zu sammeln für den Jüdischen Nationalfonds. Die Landeszentralen werden gebeten, diese Anregung den Ortsgruppen weiter zu geben, — die zionistischen Zeitungen, sie von Zeit zu Zeit in ihren Spalten zu wiederholen. Deutsches Bureau des Jüdischen Nationalfonds (Propaganda- Abteilung). Schachtel. Breslau, Schewuoth 5667. Ausschreiben des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa Zum Zwecke der Eröffnung der III. Klasse des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa suchen wir für das Schuljahr 5668 noch zwei tüchtige, akademisch gebildete Lehrer, nämlich einen für die realen Fächer: Mathematik und Naturwissenschaften, den andern für die klassischen Sprachen. Bevorzugt werden Bewerber, die auch Turn-, Gesangs- und Zeichenunterricht erteilen können. Unterrichtssprache selbstverständlich Hebräisch. Näheres durch den Aufsichtsrat des Hebräischen Gymnasiums. Gleichzeitig beehren wir uns mitzuteilen, daß für das Schuljahr 5668 Schüler und Schülerinnen für die I., II. und III. Klasse und für die drei Vorbereitungsklassen aufgenommen werden. Wegen der Aufnahmebedingungen wolle man sich an die Direktion wenden. Die Neuauflage des Unterrichtsplanes ist in Vorbereitung und wird in den nächsten Tagen allen Interessenten auf Wunsch zugeschickt Für den Aufsichtsrat: M. Scheinkin, Dr. L. Kohan. Die Direktion: Dr. J. L. Matman, Dr. Ch. Begratschoff. Silhouetten in Ein Witz-Virtuose Wenn ich die Formel für den jüdischen Witz finden müßte, so würde ich vielleicht folgende Definition wählen: Der jüdische Witz ist eine Abart der Parabel. Also morgenländische Kunst, wie so viele anderen Künste des Orients, die in der europäischen Kultur zwar eingeordnet, aber nicht restlos aufgegangen sind. Die Parabel ist nicht eine Legende, nicht ein Bild —' es ist ein Gleichnis, d. h. die Ersetzung eines Gedankengebildes durch ein anderes. Anstatt aus der gegebenen Sache selbst zu beweisen, zog die orientalische Denkweise einen anderen Weg vor, den des Analogieschlusses. Der Indogermane, der mehr analytisch veranlagt ist als der Semit, operierte mehr mit logischen Begriffen; er grub und ackerte so lange an einem Begriffe herum, bis er seine letzten und tiefsten Wurzeln aufzudecken glaubte. Und auch da hielt er nicht. Es trieb ihn eine Sehnsucht, tiefer zu dringen, in ein Reich, wo es keine Wurzeln mehr gibt Deshalb finden wir bei den alten Hindus eine so verzwickte, bis zum höchsten Gipfel der Feinheit und Dünne einporgeschraubte logische Sprache, eine so haarscharfe Dialektik. Wenn ein Grieche etwas beweisen wollte, so verfuhr er auch analytisch. Er bewies aus der Sache selbst das zu Beweisende. Das war die ganze Kraft des Griechen, daß er ein so gewaltiger Begriffsbildner und deshalb -gliederer war. Demosthenes, der seine Hörer bezwingen, Sokrates, der seine Schüler belehren wollte, waren Riesen der Logik. Anders war die jüdische Denkart gestaltet. Jotham war der erste jüdische politische Redner — und wie bewies er seine These? Als Jotham, der Sohn von Jcribaal, erfuhr, daß die Völker von Sichern und Beth-Milo Abimelech zum König gesalbt hatten, da stieg er hinauf auf den Berg Gerisim, erhob seine Stimme, rief und sagte: „Horchet auf mich/ ihr Männer von Sichern, damit Gott auf euch höre. Es gingen einst die Bäume daran, einen König zu salben. Und sie sagten zur Olive, sei Königin über uns" usw. Nachdem Jotham die Fabel zu Ende erzählt hat, endet er: „Und so, wenn ihr in Wahrheit und Offenherzigkeit gehandelt und Abimelech zum König gesetzt habt" usw. Der erste politische Redner war zugleich der erste Formbildner der jüdischen Beweisführung. Es ist die Beweisführung per analogiam, oder auf ein weiteres Gebiet übertragen, vermittels des Gleichnisses, der Parabel. Es gab den berühmten attischen Scharfsinn, attisches Salz, es gab nie echten attischen Witz. Aber jüdischen gab es seit den ältesten Zeiten. Der Talmud und die Midraschim sind voll von witzigsten Vergleichen, launigsten Einfällen. Und die Form bleibt fast immer dieselbe. Wenn der Midraschist etwas illustrieren will, so beginnt er immer: „Womit könnte man diese Sache vergleichen? Es war einmal usw." Es sind Fundgruben des Witzes, besonders aber des politischen. Ich glaube, Carlyle sagte es einmal, die politische Zensur sei für den Geist der Schriftsteller von großem Nutzen, sie zwinge sie, die Kunst des Klügerseins zu lernen. Hinter einem leichtgefiederten Witz, hinter einer bunten, schillernden Parabel eine politische Bosheit, eine vernichtende Kritik zu verbergen, ist viel schwieriger, als mit einfachen, derben Worten auf die Sache selbst loszuhauen. Natürlich übten, die Reden eines Demosthenes gegen Philipp einen nachhaltigeren Einfluß aus, als die Parabeln der Hagadisten und, um ein moderneres Beispiel zu wählen, waren die offenen, derben, scharfsehnigen Briefe eines Junius für die Entwicklung des politischen Bewußtseins in England von unvergleichlich größerer Bedeutung als die Parabel von MandevilJe, ja zum Teil auch von Swift. Weil dort Leidenschaft, hier Verstand sprach. Dort war es die Seele, die sich preisgab, hier Kunst. Und auch die jüdischen großen politischen Wahrheitsverkünder, Jesaias und Jeremias, legten in den Momenten der höchsten Begeisterung das Flitterkleid des kunstgerechten Vergleiches ab — und griffen zum ehernen, donnernden, unauslöschlischen Worte. Aber in der Regel wählte der jüdische Gedanke den für ihn gangbarsten Weg, den der Parabel, des Witzes. Wenn ich „Witz" sage, so meine ich nicht nur etwa den lachenerregenden, komischen Einfall. Auch in diesem Genre haben sich die Juden seit jeher ausgezeichnet. Aber noch stärker waren sie in der echt orientalischen Erzählungsweise. Arabische Märchen beginnen gewöhnlich so: Es war einmal ein Khalif oder ein Kadi und dergl., der hatte eine Sorge. Um sie zu verscheuchen, die auf ihm schwerlastende Frage zu lösen, entbot er zu sich die Weisen des Reiches und frug sie um Rat. Da erhob sich Jussuf ibn Abdalla, oder so ungefähr, und begann: O Herr, es war einmal usw. Und durch dieses Gleichnis löste er die Schwierigkeit, befreite er den Gedanken aus den Fesseln des Zweifeis. Auf diesem Wege schritten auch die jüdischen Scharfsinner. Man denke sich, welchen verblüffenden Eindruck diese merkwürdige Form auf den Verstand eines Westländischen Mannes machen mußte. Eine talmundische Legende erzählt, Nero habe sich durch eine solche Erzählung zum Judentum bekehren lassen und dann verborgen in Palästina gelebt. Der Witz in dieser Form ist eine Schutz- und Trutzwaffe in der Hand der Juden geworden. Wo sie sozial am niedrigsten standen, wo sie von ihrer Umgebung verachtet und verspottet waren, dort war der Witz am ausgebildetsten. Es war die einzige Rache, die ihnen vergönnt war. Aus diesem Grundeist wohl das gewesene Königreich Polen das Königreich des jüdischen Witzes geworden. Wodurch konnte ein armer, mißhandelter Jude sich an seinem Bedränger rächen, als durch den unsichtbaren, zielsicheren Pfeil des Witzes, gegen den die brutale Kraft des Feindes ganz wehrlos war. Stellen Sie sich einmal vor: Ein polnischer Edelhof im XVII.—XVIII.Jahrhundert. Weithin hörbar das Kläffen der Jagdhunde, weithin sichtbar das hellerleuchtete Schloß. Es wird getanzt und gejubelt und-gepraßt. Schwere Schlachzizenstiefel stampfen den Boden, lange, gezwirbelte Schnurrbarte schlängeln sich in der Luft, die Mazurka wird gespielt, schwerer Met und alter Tokayer gießt sich in Strömen. Schöne Frauenaugen blinzeln, leichte Füße trippeln, und .die „Panowie" in der stolzen, schönen Pelztracht sind in der übermütigsten Laune. Da fällt einem „Pan" ein, den Juden, den „Zydek", der eine Art von Hausgerät der polnischen Edelhöfe war, herzuholen und sich an ihm zu ergötzen. Der „Jude", Jeek oder Jankel oder Moszko, wird herbeigeholt. Ein alter, würdiger Jude, der sein Amt aus Not versieht, in der Mitte seiner Brüder ein