Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 21 DIE^ELT 13 geschaffen wird, die in wenigen Stunden zusammentreten kann, die» in fortwährender Diskussion alle Parteiangelegenheiten erörtert und vor allem die Arbeit unter ihre Mitglieder derart verteilt, daß jedes' Mitglied für sein Ressort die Verantwortung trägt. > Die Schwierigkeiten mehren sich, wenn man die Frage erörtert, wo der Sitz des A. C. sein soll. Das Referat spricht von einem zionistischen Zentrum. Und in der Tat ist es ein großer Fehler, daß unsere jetzige Leitung sozusagen auf einer wüsten Insel sitzt. In Köln gibt es kein zionistisches Leben. Der einzige Ort auf der ganzen Welt, wo nach der gegenwärtigen Situation des Judentums das A.C. hingehört, ist Berlin. Und in Berlin ist die so nötige Beziehung zum jüdischen Leben, zu den großen jüdischen Hilfsorganisationen, und last not least zu den jüdischen Akademikern möglich, von denen viele der Partei freiwillige Dienste leisten würden. Wie ist demnach die Leitung zusammenzusetzen, um all jenen Forderungen zu genügen? Als Antwort darauf möchte ich einige Vorschläge machen, die gleichzeitig eine Verteilung der Arbeit betreffen: 1) Das engere A.C. besteht aus fünf Mitgliedern, von denen mindestens drei in Deutschland (am besten in Berlin) wohnen. Um den Wünschen der übrigen Landsmannschaften, insbesondere der russischen, zu entsprechen, dürfen die beiden anderen Mitglieder außerhalb Deutschlands wohnen, müssen sich aber verpflichten, zu den wichtigsten Sitzungen zu erscheinen. 2) Das engere A.C. ist beschlußfähig, wenn drei seiner Mitglieder anwesend sind. 3) Der Sitz des A. C. ist Berlin. 4) Es werden folgende Ressorts geschaffen: a) Politisches Ressort, b) Palästina-Ressort, c) Innere Verwaltung. Dem A.C. wird ein Bureau unterstellt, das die laufenden Parteiangelegenheiten zu erledigen hat. Das Bureau soll — nach Dr. Hantkes Vorschlag — aus besoldeten und unbesoldeten Beamten bestehen. Innerhalb des Bureaus werden folgende Abteilungen geschaffen: Abteilung für Presse und Agitation, (die nicht nur die Mitteilungen des A. C. redigiert, sondern vor allem versuchen muß, auf die Presse der gesamten Welt einzuwirken), Abteilung für Organisation (die den Verkehr mit den Landsmannschaften und sonstigen Parteiinstitutionen erledigt etc.) und Abteilung für Finanzen. Die Leiter dieser Abteilungen müssen im Range koordiniert und nach Bildung und Fähigkeiten imstande sein, vollkommen selbständig zu arbeiten. Um jeden von ihnen kann sich noch eine Anzahl (freiwilliger) Hilfsarbeiter, Schreiber etc. gruppieren. Sämtliche Abteilungen sind dem Chef der inneren Verwaltung unterstellt. Diesem ist regelmäßiger Bericht zu erstatten; er gibt die Direktiven und ist im engeren Aktionskomitee verantwortlicher Vertreter der Organisation und Verwaltung. Der Vorteil dieses Systems liegt auf der Hand. Man ist so Imstande, in Berlin eine für die Dauer berechnete arbeitende Behörde zu schaffen. Gleichzeitig wird die Arbeitskraft des A. C. für die großen Unternehmungen, vor allem für die politische Arbeit, frei gemacht. Der Chef der inneren Abteilung muß natürlich in Berlin wohnen. Für die Chefs der anderen Ressorts ist dies zwar höchst wünschenswert, jedoch nicht unbedingt erforderlich, da sie für ihre Tätigkeit nicht das große Bureau, sondern nur einen Sekretär nebst Schreibmaschine benötigen. Auf diese Weise sind alle Wünsche und Forderungen nach Möglichkeit berücksichtigt. Das Berliner Bureau verbürgt Ordnung und Stetigkeit der Arbeit. Das engere A. C. wird entlastet, kann sich mehr als bisher den großen Fragen und Aufgaben des Zionismus widmen und verträgt in seiner Zusammensetzung gewisse Verschiedenheiten nach Ländern und Wohnorten seiner Mitglieder. Eine weitere, sehr wichtige Frage, auf die wir hier nicht eingehen können, betrifft die Regelung der Kompetenzen des engeren A. C, vor allem in seinem Verhältnis zu den Landsmannschaften. Der VIII. Kongreß muß uns endlich eine arbeitsfähige, einheitliche, mit Machtbefugnissen ausgestattete Leitung schaffen. Richard Licht heim, Berlin. Gegen das Undemokratische im Hantke'schen Organisationsentwurf Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich habe nicht die Absicht, auf die Einzelheiten des vielfach vortrefflichen Hantke'schen Organisationsentwurfs einzugehen. Ich möchte lediglich einige allgemeine Punkte herausgreifen, die für Herrn Dr. Hantke bei der Aufstellung des Entwurfs offenbar maßgebend waren und auf deren Gefährlichkeit hinzuweisen deshalb um so mehr angebracht ist, als mir scheint, daß diese Grundsätze des Dr. Hantke auch sonst in unserer Bewegung überhand nehmen. Zunächst etwas Prinzipielles: Ist es nicht merkwürdig, daß man jetzt in unserer Bewegung so viel vom Gelde oder vielmehr von dem Gelde spricht, „das sie noch nicht hat?" Natürlich, es handelt sich um den nervus reruni, und auch der Zionismus ist ohne Geld nicht möglich. Oder vielleicht der Zionismus erst recht nicht. Aber — ich irre mich vielleicht — mir scheint so, daß man allmählich dazu gekommen ist, im Schekel das Wesen aller Dinge zu suchen. Über die Hälfte des Entwurfs des Herrn Dr. Hantke behandelt den Schekel, noch nicht ein Sechstel die Frage der Verwaltung, der Exekutive, der Parteileitung. Gewiß wird die beste Leitung wehrlos sein, wenn ihr die Mittel fehlen, aber die größten Mittel werden eine mangelhafte Leitung nicht in den Stand setzen, die Bewegung groß zu machen; und vielleicht ist es das Merkmal einer guten Leitung, daß sie eben die Mittel hat. Jedenfalls das beste Organisationsstatut wird niemals allein oder nicht einmal zum Hauptteile die Mittel für unsere Bewegung schaffen. Man zahlt den Schekel nicht wegen des Organisationsstatuts. Ich fürchte, wir machen jetzt zuviel in Bureaukratie-Paragraphen; jahrelang wird über Statuten beraten, der Nationalfonds wird legalisiert, die Bankstatuten werden gesetzlich festgelegt, das Organisationsstatut wird geändert, jede Sitzung des A. C. meldet uns von dergleichen Dingen — ja, haben wir denn gar nichts anderes mehr zu tun? Es macht nach außen den Eindruck, als ob unser Interesse und unsere Tätigkeit sich viel zu viel in diesen Dingen ausgäben, die gewiß auch getan sein müssen, die aber doch in die Kommissionen gehören und jedenfalls nur dann den Raum in unserer Bewegung einnehmen dürfen, den man ihnen jetzt zugewiesen hat, wenn neben ihnen größer, viel größer und gewaltiger noch andere Realitäten der zionistischen Organisation stehen, als das Nationalfondsstatut und der Organisationsentwurf. Also ich meine, man soll diesen Statutereien nicht die Bedeutung zulegen, wie man es in den letzten beiden Jahren getan hat. Man soll die Zionisten nicht daran gewöhnen, im Zionismus nur mehr die Paragraphen zu sehen und die Diskussionen auszufüllen mit Streitigkeiten darüber, ob etwas „Limited" oder „Limited by guarantee" sein soll. Überlassen wir dieses unsern Herrn Rechtsanwälten, die gewiß zufrieden sein werden, wenn sie ihre juristischen Kenntnisse auch einmal für den Zionismus verwerten dürfen, und legen wir ihnen lediglich einige allgemeine Gesichtspunkte auf ihren grünen Tisch, die für sie bei Abfassung ihrer Entwürfe maßgebend sein sollen. Freilich, diese Gesichtspunkte müssen ganz andere sein, als die, von denen Herr Dr. Hantke sich hat leiten lassen. Was wir von unsern Statuten verlangen, ist neben ihrer Gebrauchsmöglichkeit und ihrer möglichst großen Einfachheit — und das Hantkesche Elaborat hat in dieser Hinsicht große Vorzüge —, daß sie nicht von einem kleinlichen Polizeigeiste eingegeben sind, daß sie in ihrer Anlage sowohl als in ihrer Ausführung den großen und erhabenen Tendenzen entsprechen, aus denen unsere Bewegung geboren worden ist. Dies aber ist bei dem Dr. Hantkeschen Entwürfe mehrfach in beklagenswertem Maße — nicht der Fall. Ungefähr ebensoviel Raum wie für die Frage der Leitung verwendet Herr Dr. Hantke dazu, uns klar zu machen, daß es notwendig ist, das Wahlrecht der Jugend einzuschränken und die Kontrolle zu verbessern. Es ist tatsächlich ganz unglaublich! Als die Bewegung begann, da haben wir von ihr mit Stolz und mit freudiger Genugtuung gesagt, daß sie eine Bewegung der Jugend ist, daß zwar die alten „verrotteten" Geschlechter von ihr nichts wissen wollen, daß aber „die Jugend der Bewegung gehört, — und der Jugend gehört die Zukunft!" Und erst jüngst hat Dr. Nordau als seine Meinung von der Zukunft des Zionismus ausgedrückt, daß er sich vor allem bestreben müsse, das heranwachsende Geschlecht zu gewinnen, die Jugend zu nationalisieren. Und kaum ist diese Jugend von gestern das Alter von heute geworden, da hat sie nichts Eiligeres zu tun, als im Interesse unserer Finanzverwaltung, — risum teneatis amici — „mit Rücksicht auf die demokratische Grundlage" der zionistischen Bewegung sich ein Monopol zuzuschanzen und die Jugend zu entrechten, ohne die doch weder unsere Finanzinstitutionen noch unsere Demokratie da wäre. Ja, hat sich denn in den Jahren der Leitung Dr. Herzls, da die Jugend das aktive und passive Wahlrecht in weitestem Umfange hatte, gezeigt, daß unsere Bewegung undemokratisch war, daß unsere Gelder schlecht verwaltet wurden? Hat Herzl jemals gewünscht, die Jugend zwangsweise von der Verwaltung der Bewegung, vom Raten und Taten ferne zu halten? Und Herr Dr. Hantke, Sie verzeihen die Frage, wie lange haben Sie denn die Schwelle überschritten, die Sie von dem Ihrer Meinung nach nicht wahlberechtigten" Mitgliede der Bewegung zu dem „erfahrenen Manne" machte, der in der Lage ist, die wunderbarsten Organisationsentwürfe auszuarbeiten? Und haben Sie nicht in jener glücklichen Zeit, da Sie noch der Jugend angehörten und stolz darauf waren und da Sie entrüstet sich gegen jeden gewandt hätten, der Ihnen die aktive Tätigkeit innerhalb der Organisation hätte verbieten