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Die Welt · 1907-05-24 · 21 (24.5.1907) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Diesen lähmenden Zweifel dürfen wir nicht aufkommen lassen, wohl aber müssen wir uns recht klar über unser Ziel und über unsere Wege sein. Der achte Kongreß wird sich vor allem mit Organisationsfragen zu beschäftigen haben. Daß die jetzige Organisation den Charakter des Provisoriums an sich trägt, darüber sind wir uns alle einig, ebenso, daß eine Reform nötig sei. Indessen möchte ich mich zu diesem Punkt nicht äußern, weil die Organisationsfragen bedauerlicherweise mit Personenfragen aufs engste verknüpft sind. Das ist in keiner politischen Bewegung anders möglich, und ich glaube davon absehen zu können, weil ich mir sage, daß eine gesunde und ^lebensvolle Bewegung diese Schwierigkeiten überwinden muß. £\Vas aber viel wichtiger ist, das ist die klare Abgrenzung unseres Programms, die wieder herzustellende Einigkeit in unserer Mitte. Dabei bin ich nicht engherzig, um alles auf ein Dogma zu stellen. Man kann den einzelnen Richtungen im Zionismus so weit als möglich Bewegungsfreiheit einräumen. Aber die Sache darf nicht so weit getrieben werden, daß schließlich niemand weiß, was der Zionismus sei und was er anstrebe."j In der letzten Zeit sind in der jüdischen Welt zwei überaus wichtige Ereignisse vorgekommen, oder richtiger gesagt, in zwei Staaten, in denen die Juden zahlreich sind, haben außergewöhnliche politische Vorgänge unser Volk in Mitleidenschaft gezogen. In Rußland die Freiheitsbewegung, die Revolution, und in Österreich das allgemeine Wahlrecht. Meine Stellung als Jude und als Politiker zu der russischen Revolution ist den Lesern dieses Blattes bekannt. Die Sache ist vorläufig abgetan, da sich wohl die ganze russische Judenheit, vielleicht mit alleiniger Ausnahme des prinzipienfesten Proletariats, bereits darüber klar geworden ist, was sie von der Volksfreiheit in Rußland zu erwarten habe. Im nationalen Sinne wohl das wenigste. Im besten Falle können die russischen Juden darauf rechnen, daß sie um den Preis einer papierenen Emanzipation früher oder später dem assimilatorischen Auflösungsprozeß verfallen werden, durch den die westeuropäische Judenheit seit etwa hundert Jahren nahezu auf den Gefrierpunkt des Nationalbewußtseins gelangt ist. Nichtsdestoweniger sind viele Zionisten in Rußland der Meinung, daß auch die national gesinnten Juden diesen weltgeschichtlichen Vorgängen gegenüber nicht als unbeteiligte Zuschauer bleiben können. Was ist dagegen zu tun? Mit Argumenten der Logik und der geschichtlichen Erfahrung kann man in. solchen Dingen niemand überzeugen. Würde man einen Mehrheitsbeschluß fassen, der diese Arbeit, weil nicht zionistisch oder gar dem Zionismus schädigend, zurückweist, so entstände dadurch eine neue Spaltung, und wir verlören wiederum einen Teil unserer Kräfte. Das beste wäre demnach doch nur, eine Klärung herbeizuführen und eine Abgrenzung zwischen der örtlichen Arbeit des Zionismus und der der gemeinsamen Aufgaben, vorzunehmen. Wie das geschehen soll, und daß es geschehen muß, ist für mich ohne Zweifel, kann ich augenblicklich nicht genau sagen. Die Frage müßte noch in unserer Presse und vielleicht in besonderen Broschüren eifrig erörtert werden. Erforderlich ist es allerdings, daß bis zum Zusammentritt des achten Kongresses eine Verständigung herbeigeführt wird. Sonst haben wir diesesmal eine wahrhaft babylonische Sprachenverwirrung, daß einer den andern nicht verstehen wird. Ähnlich liegen auch die Verhältnisse in Österreich. Solange der Wahlkampf dort tobte, habe ich es mit Vorbedacht vermieden, mich über die Beteiligung der Zionisten an diesem Kampfe zu äußern. Was ich auch davon hielt, ich wollte doch nicht störend eingreifen. Jetzt darf ich wohl ehrlich sagen, daß ich von der Sache nicht viel Gutes für die jüdische Bevölkerung in Österreich erwarte. Aber lassen wir^dies alles dahingestellt bleiben. Die Frage ist jedoch berechtigt: 'Wenn die nationalgesinnten Juden in Rußland ihre Kräfte im Freiheitskampfe aufreiben und die in Österreich sich in den politischen Kampf werfen, was wird aus dem zionistischen Programm? Sagen wir, daß unsere Aufgabe darin besteht, den Juden überall eine erträgliche politische und wirtschaftliche Lage zu schaffen, was unterscheidet uns dann von den andern jüdischen Organisationen, deren gute Absichten wir doch alle anerkennen? Ich hätte nichts dagegen, wenn das Baseler Programm in irgend einem Punkte eine Änderung erfährt. Aber bei diesem planlosen Treiben laufen wir Gefahr, daß wir vom Zionismus nur noch den Namen behalten. Jedenfalls, wenn wir in diesem Sinne politische Gegenwartsarbeit verrichten, verliert der Zionismus jede Bedeutung für die Juden außerhalb Rußlands, Österreichs und Rumäniens. Also auch da muß eine Abgrenzung zwischen den örtlichen Bestrebungen des Zionismus und den allgemeinen stattfinden. Das Programm muß festgehalten werden, wir bedürfen keiner neuen Parole, wohl aber mehr Glauben an unsere Sache und mehr Leben. Ich bedaure sehr, daß der Zionismus in der letzten Zeit sich zu viel mit formalen Einzelheiten abgegeben und dadurch beinahe einen bureaukratischen Charakter angenommen hat. Zwei Dinge müssen feststehen. Der Zionismus umfaßt die ganze Judenheit, im letzten Ziel ohne Rücksicht auf die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in den einzelnen Ländern. Der Zionismus erfordert auch Gegenwartsarbeit, aber nur nach der Richtung, daß sie für die Zukunft vorbereitet. Ich greife einen der wichtigsten Punkte der zionistischen Gegenwartsarbeit heraus. Wir freuen uns alle über die Arbeiten in Palästina. Denken wir aber dabei, daß momentan einigen Hundert Juden in ihrer materiellen Not geholfen wird? Wenn dies die Ailiance oder der Hilfsverein tun, so handeln sie folgerichtig nach den Aufgaben, die sie sich gestellt haben. Für die Zionisten hat aber diese Arbeit in Palästina nur dann Bedeutung, wenn sie der Zukunft, unserm letzten Ziel, gewidmet ist. Mit dieser kolonisatorischen Tätigkeit allein erreichen wir aber sehr wenig, wenn nicht gleichzeitig auch politisch gearbeitet wird. Augenblickserfolge können uns wenig nützen, weil wir erstens doch nur Minimales erlangen können, und weil wir zweitens nicht wissen, was daraus schon in der nächsten Zeit werden wird. Für jeden, der nur einigermaßen politisch denkfähig ist, unterliegt es keinem Zweifel, daß sich im Orient sehr ernste Dinge vorbereiten, von denen arn meisten die Zukunft Palästinas und Syriens abhängt. Man muß geradezu blind sein, um das nicht zu sehen, und sehr naiv, um zu glauben, daß wir mit der Errichtung einer kleinen Werkstätte in Palästina oder mit dem Ankauf einiger Hektar Bodens unsere Interessen dort gehörig wahrnehmen. Man wird mir sagen, daß wir da nichts mehr tun, weil wir nichts mehr tun können. Das ist durchaus richtig. Aber dann sollen wir doch wenigstens weder uns noch anderen einreden wollen, daß alles auf dem besten Wege sei. Wem wollen wir . mit dieser Selbsttäuschung nützen? Unserer nationalen Zukunft doch am allerwenigsten. Es ergibt sich daraus, daß der Zionismus seine nächste Aufgabe darin zu erblicken hat, die ganze Judenheit zu nationalisieren, und er würde unzweifelhaft diesem Ziel immer näher kommen, wenn er mitunter etwas weniger „praktisch" und mehr ideologisch sein wollte. Im politischen Leben, namentlich wenn es sich um eine große Volksbewegung handelt, ist das Unpraktische oft am praktischsten. Von Anbeginn unserer Bewegung ist ein großer Fehler begangen worden, daß man die geistige Arbeit vernachlässigt ja mißachtet hat. Man sagte damals, das jüdische Volk habe sich so lange mit geistiger Arbeit beschäftigt, bis ihm das Verständnis für die reale Welt abhanden gekommen sei. Diese Parole war geradezu ein Verhängnis für unsere Bewegung. Das jüdische Volk hat in Wirklichkeit niemals das richtige Verständnis für die reale Welt verloren, dazu war diese allzu hart, als daß sie bei uns Juden in Vergessenheit hätte geraten können. Aber das jüdische Volk war klug und glücklich genug, sich in den schlimmen Zeiten, wo ihm das normale Leben zur Unmöglichkeit gemacht worden ist, die Welt der Idee zu erhalten. An vielen Ideen ist noch kein Volk zugrunde gegangen, wohl aber an Geistesarmut. Wenn wir Zionisten unser Volk selbst für unser Ziel gewinnen wollen, so können wir die Idee, die Beweiskraft unserer national-jüdischen Kultur unter unserer geschichtlichen Bedeutung nicht entbehren. Mit dem ewigen Notgeschrei über unsere politische Lage erreichen wir nichts, weil die anderen Organisationen viel mehr helfen können. Für uns muß der Standpunkt bleiben, daß das jüdische Volk sich in Gefahr befindet, selbst wenn überall die materielle Lage die denkbar beste ist. — Dann ist die Gefahr sogar am größten. Und wir wollen nicht nur den Juden helfen, sondern auch, und das hauptsächlich, das jüdische Volk in seiner Eigenheit erhalten, was nur durch den Zionismus erreicht werden kann. Ohne intensive Kulturarbeit werden wir das zionistische Programm nicht weiter verbreiten können. Mit der Einseitigkeit der praktischen Arbeit in Palästina kommen wir nicht weit; dafür gewinnen wir nicht alle intellektuellen Kräfte in der Judenheit. Auch darüber müßte Klarheit geschaffen werden vor dem achten Kongreß, der nicht trennend, sondern vereinigend wirken soll. _ Zur Abänderung des Organisationsstatuts Im Anschlüsse an das Referat Dr. Hantkes seien einige Bemerkungen über den wichtigsten der von ihm erörterten Punkte gestattet, über die Organisation der Parteileitung: Das Referat fordert mit Recht die Schaffung einer wirklich arbeitsfähigen Leitung, d. h. einer Exekutivbehörde, deren Mitglieder nicht über alle Länder Europas zerstreut wohnen, sondern nach Möglichkeit in einer Stadt, oder, falls dies unmöglich sein sollte, in nicht zu weiter Entfernung von einander leben. Zweifellos setzt diese Forderung die Überwindung mancher Schwierigkeiten voraus. Es ist begreiflich, daß jede Landsmannschaft durch ihre Vetreter einen gewissen Einfluß auf die Leitung der Partei zu gewinnen sucht. Wird aber das engere A. C. aus den Bewohnern einer Stadt oder eines Landes gewählt, so ist damit in der Tat die Führung an eine Landsmannschaft abgegeben. Und doch muß man darauf bestehen, daß eine Leitung

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