Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mo. 21 DIE^ELT 11 Leitung vorhanden sind. Dem aufmerksamen Beobachter ist es nicht entgangen, daß zionistische Arbeit in Wien in den letzten zwei .Jahren zeitweilig ganz ausgezeichnet geleistet wurde. Ich meine rein-zionistische Arbeit, nicht etwa politische Aktionen. Und da man in der Provinz allmählich dazu gekommen war, den Wiener Zionismus mit tiefgegründetem Mißtrauen zu betrachten, hatte diese von dem neubegründeten Zionistischen Zentralverein ausgehende : roßzügig angelegte und vorzüglich geleitete tüchtige Tätigkeit optimistische Hoffnungen geweckt. Freilich stagniert diese Arbeit wieder seit Ende 1906. Und da sie im ganzen höchstens 1—1V* iahre gedauert, ist es begreiflich, wenn sich auch hinsichtlich der nitiatoren dieser Aktion die Skepsis von neuem regt. Vorläufig st das, was diese Männer geleistet, eher ein Versprechen, allerdings :in verheißungsvolles, als eine Erfüllung zu nennen. Und die Erahrung lehrt, daß der Wiener Boden kein gesunder und kein der Entwicklung förderlicher ist, und daß hier schon manche ausgezeichnete Kraft sich verbraucht hat. Trotzdem möchte ich der Überzeugung Ausdruck verleihen, daß die zur Leitung des Zentralbureaus geeigneten Persönlichkeiten, wenn überhaupt, hier unter den führenden Persönlichkeiten des Zionistischen Zentralvereins in Wien zu finden sind, und daß gerade lie ihnen zugedachte, abseits vom lauten Straßenlärm Wiens liegende, iLif die einzelnen Kronländer sich erstreckende, streng sachliche Tätigkeit geeignet ist, diese ihre Eigung zu erhalten und zu steigern. Eine andere Frage ist, ob diese Persönlichkeiten auch jene Sicherheiten bieten, die ich vom Standpunkt des böhmischen Distriktes als unerläßlich bezeichnet. Eine präzise, bestimmte Antwort ist hierauf nicht möglich, edenfalls keine unbedingt günstige. Von den in Frage kommenden Personen hat keine jemals längere Zeit zionistische Arbeit anderswo ils in Wien geleistet. Die Verhältnisse der kleineren Stadt, auf lenen der böhmische Zionismus beruht, sind ihnen unbekannt, und s fehlt ihnen jegliche Erfahrung auf diesem schwierigen Gebiet. Eine notwendige Folge dessen wird sein, daß sie der Kleinstadt uich keine besondere Beachtung, keine Wichtigkeit beimessen und;hr Hauptinteresse auf diejenigen Orte konzentrieren werden, wo wie in Wien, jüdische Massen vorhanden sind. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie gelegentlich das Iueresse eines Distrikts zugunsten desjenigen der anderen beiseite setzen werden. Aus meinen Äußerungen spricht ein gewisses Mißtrauen — ich ■)in mir dessen vollkommen bewußt. Es hat keine persönliche Spitze und bedeutet keinen Vorwurf; es bedeutet nur die Anerkennung von Tatsachen, und die Vorgänge der letzten zwei Jahre berechtigen mich dazu. Ist es schon sehr schwer, Maßregeln, die etwa einmal von leitenden Personen im eigenen Distrikte gegen dessen Willen und mteresse unternommen werden, rechtzeitig zu begegnen, ehe sie Schaden angerichtet, so wären wir solchen Maßregeln einer in Wien befindlichen Zentralstelle gegenüber so gut wie machtlos. Wir oionisten Böhmens haben im Laufe der letzten zwei Jahre wiederholt unsere beste Kraft daran wenden müssen, Schaden zu verhüten 'der gut zu machen, der uns aus solchen Vorgängen erwachsen, ind mit Rücksichtnahme auf unsere Verhältnisse, auch nur soweit ils es ein Erfordernis der Loyalität wäre, sind wir von . außer-!^öhmischer Seite nicht gerade verwöhnt worden. Wenn nun trotzdem gerade wir mit einem Vorschlag hervortreten, der doch wieder einer zentralen nicht böhmischen Stelle die Möglichkeit einer Einflußnahme auf unsere Organisation gibt, dann tun wir es nur unter der Voraussetzung, daß uns solche Erfahrungen erspart bleiben müssen. Denn wir wollen ja von der neuen Institution Nutzen für den Zionismus haben, und nicht etwa unsere ganze Tätigkeit darauf verwenden, ihre Wirkung paralysieren zu müssen. Wir wollen uns ja zu positiver Arbeit vereinigen. Hier genügt das Vertrauen zu den Personen allein nicht. Die notwendigen Kautelen müssen, vorläufig wenigstens, auch in der Organisation ihren Ausdruck finden. Diese Absicht scheint mir am besten dadurch erreicht, daß wir der neuen Einrichtung einen provisorischen und nicht .offiziellen Charakter geben. Auch die Rücksicht auf die bevorstehende Änderung der Kongreßorganisation spricht dafür. Verwirklicht denke ich mir das derart, daß die Zentralbureaus nicht vom Parteitag errichtet werden, sondern von den betreffenden Distrikten auf dem Wege freiwilliger Verständigung und Vereinbarung. Ein Organ, das seine Kompetenz nicht vom Parteitag sondern von einem Vertrage der Beteiligten herleitet, wird auf die Wünsche und Bedürfnisse aller Vertragsseiten ganz andere Rücksicht nehmen müssen. Hier ist es ausgeschlossen, daß etwas geschehen kann, das unseren Interessen zuwiderläuft. Dazu mangelt dem Zentralbureau die offizielle Autorität. Das ist für uns die Grenze. Darüber hinaus gibt es kein Entgegenkommen, sondern nur den schärfsten und schroffsten Widerstand. Mein Vorschlag hat selbstverständlich nicht zu bedeuten, daß das Zentralbureau in vollkommener Abhängigkeit von allen beteiligten Distrikten stehen soll, und daß es etwa bei jedem Schritt fortwährend kontrolliert oder gerüffelt wird. Eine gewisse Unabhängigkeit des Zentralbureaus ist natürlich und auch trotzdem sehr gut "möglich. Hier die Grenze zu finden, ist Sache der praktischen Ausführung und wird bei einigermaßen ernstem Willen leicht gelingen. Das Zentralbureau wird das Organ der vereinigten Distrikte sein. Und es wird soviel Autorität haben, als es sich durch seine Arbeit zu erringen verstehen wird. Von Seiten der böhmischen Distriktsorganisation wird es stets gefördert werden. Wird sich diese neue Institution bewähren, dann kann, wenn nötig, ein anderer Parteitag offizielle Organe daraus schaffen. Bewährt es sich nicht, haben es die beteiligten Distrikte immer in der Hand, Änderungen vorzunehmen, ohne die ganze Organisation dadurch zu erschüttern. Der Parteitag aber sollte sich jetzt, nach Kreierung des Zentralkomitees begnügen auszusprechen, es erscheine ihm notwendig, daß die einzelnen Distrikte sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen, und auf dem Wege der Übereinkunft als Organe dieser gemeinsamen Arbeit unter Berücksichtigung der divergierenden Verhältnisse des Ostens und Westens Zentraibueaus schaffen. Dies sind die Vorschläge, die ich bezüglich der Reorganisation der österr. Landsmannschaft zu machen habe und hiermit der zion. Öffentlichkeit unterbreite, bevor ich sie als Anträge des böhmischen Distriktes dem V. österr. zionistischen Parteitag unterbreiten werde. Auf dem letzten böhmischen Distriktstage in Prag am 14. April 1907 habe ich zur Frage der österr. Organisation Anträge eingebracht, die vom Distriktstag angenommen wurden und als dessen Anträge an den Parteitag kommen werden. Diese meine Anträge decken sich prinzipiell mit dem Inhalt dieses Artikels. Nur beschränke ich mich dort absichtlich auf das Prinzipielle, nämlich Schaffung eines Zentralkomitees und eines westösterr. Zentralbureaus, ohne bezüglich der Details bestimmte Vorschläge zu machen. Zweck meiner heutigen Ausführungen ist, diese meine in Prag gestellten Anträge bzw. die Anträge, die der böhmische Distrikt an den Parteitag stellt, nunmehr zu motivieren, zu erläutern und im Detail erklärend zu präzisieren. Trautenau, im Mai "1907. Emil Margulies.!□ □ □1 KONGRESSFRAGEN □ □ D --,--—-„-.------«-,-- (In dieser Rubrik wollen wir der Diskussion über Fragen, die voraussichtlich den nächsten Kongreß beschäftigen werden, freien Raum geben) Unser Ziel und unsere Wege Von Dr. Simon Bernfeld In wenigen Monaten tritt der achte Zionistenkongreß zusammen, von dessen Beschlüssen so viel für die Zukunft unserer Bewegung abliängt. Die Zeit der Sensationen ist vorüber, und kein Mensch wird jetzt mit der Erwartung nach Haag gehen, daß dort dieses mal die gewünschte Losung der Judenfrage erfolgen oder auch nur als für die nächste Zeit in Aussicht stehend erklärt werden wird. Oer vor uns liegende Weg, auf dem wir zum Ziel gelangen können, ist weit und schwierig, und die Hauptschwierigkeit erblicke ich darin, daß nur ein ganz kleiner Bruchteil unseres Volkes für unsere Bestrebungen gewonnen ist Die Selbstbefreiung des jüdischen Volkes kann nur dann verwirklicht werden, wenn in all dessen „Gliedern das Gefühl der Zusammengehörigkeit wieder erwacht. TvVir müssen uns leider gestehen, daß nach dieser Richtung in der letzten Zeit nicht nur kein Fortschritt gemacht worden, sondern auch eine Absplitterung und eine Riickstauung zu verzeichnen ist. Es kommt uns manchmal vor, als ob der Zionismus seine Werbekraft eingebüßt habe.; 2*