Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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die weniger nach dem lauten Ruhm für sich als nach dem stillen und nachhaltigen Erfolg der Sache streben, könnte sich hier ein außerordentlich weites und fruchtbares Tätigkeitsfeld eröffnen, und die Hoffnung, daß von hier aus einmal Einheitlichkeit, System und Großzügigkeit in unsere oft dilettantische, in Kleinlichkeiten sich erschöpfende Agitation kommen könnte, scheint mir nicht zu optimistisch. Diese Zentralarbeitsstelle denke ich mir nach dem "Muster des deutschen Zentralbureaus eingerichtet, u. z. unter der Leitung 2—3 organisatorisch hervorragend befähigter, als nüchterne, sachliche Arbeiter bewährter Gesinnungsgenossen und mit einer besoldeten intelligenten Kraft. Diese Anstellung eines besoldeten Parteisekretärs, der seine ganze Zeit und seine ganze Kraft in den Dienst der Bewegung stellen muß, scheint mir das wichtigste an dem Projekt. Selbstverständlich muß bei der Wahl der Persönlichkeit mit außerordentlicher Strenge vorgegangen werden und auf keinerlei glänzenden Namen oder sonstige protegierende Faktoren Rücksicht genommen werden. Wir brauchen an dieser Stelle eine schon als systematischen, energischen und unermüdlichen Arbeiter bewährte Kraft, jemanden, der sich zur Arbeit drängt und gerne im Dunkeln bleibt, wenn die Arbeit nur ins helle Licht kommt. Im gleichen oder erhöhten Maße gilt das von den Personen, welchen die Leitung dieses Zentralbureaus übertragen werden soll. Leute, die nicht auf die Akustik der Versammlungssäle eingedrillt sind, ruhige, zähe, großzügige Arbeiter. Wir müssen uns gegenwärtig halten, daß die Idee des Zentralbureaus, so unanfechtbar sie theoretisch ist, vollkommen wertlos, ja vielleicht schädlich wirkt, wenn diese Institution in unrechte Hände kommt. Das Zentralbureau der deutschen Landsmannschaft genießt überall außerordenliches Ansehen und verdiente Anerkennung. Auch ich selbst habe als Mitglied einer anderen Landsmannschaft oft Gelegenheit gehabt, mit ihm in Berührung zu kommen, seine Dienste, u. a. auch für den böhmischen Distrikt in Anspruch zu nehmen, und kann die außerordentlich prompte und sachgemäße Art der Erledigung auch hier nur rühmend als vorbildlich nennen. Aber wir können auch die Personen mit Namen nennen, die das geschaffen. Wenn wir daher in Österreich darangehen, eine ähnliche Institution ins Leben zu rufen, müssen auch wir nach allen theoretisch noch so tiefen und prinzipiell richtigen Auseinandersetzungen uns die Frage vorlegen, ob wir die Personen haben, welche uns die Gewähr für eine solche sachgemäße Entwicklung des Bureaus bieten; und wir müssen in weiterer Folge nach einer Möglichkeit suchen, der neuen Institution eine Gestalt zu geben, die es gestattet,-etwaige Enttäuschungen oder Mißerfolge, alle auch unerwarteten Erfahrungen, korrigierend verwerten zu können, ohne etwa gleich nach V* oder 1 Jahre die oben geschaffene Organisation darum wieder von Grund aus umbauen zu müssen. Wir müssen verhüten, daß eine so gute und hier aus der Notwendigkeit begründete Idee durch mangelhafte Ausführung seitens der hierzu gewählten Personen für immer kompromitiert werde. Bevor ich in die Erörterung der Personenfrage eintrete, halte ich die Besprechung eines Moments für notwendig. Ich glaube nicht, daß es anginge, für ganz Österreich ein Zentralbureau zu schaffen. Die Verhältnisse zwischen Osten und Westen sind bei allem Solidaritätsempfinden so verschiedenartige, daß durch ein gewaltsames Vereinheitlichen — durch ein schablonenhaftes Zentraliseren -— das wohl in niemandes Interesse liegen kann, der Zusammenhang dieser beiden Teile nicht gefestigt, sondern nur gelockert würde. Soll unsere Arbeit von nachhaltigem Erfolg begleitet sein, so muß sie stets die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse der betreffenden Länder und der Judenheit daselbst berücksichtigen. Diese Verhältnisse aber, und was von großer Bedeutung ist, auch die sprachlichen Verhältnisse, differieren in Galizien und Bukowina von denen der westlichen Ländern in so hohem Maße, daß an eine gemeinsame Arbeitsstelle für alle nicht gedacht werden kann. Sie schiene nur zwecklos und unnütz, schwerfällig und untauglich, von vornherein den Keim des Zerfalls in sich tragend. Ich glaube, daß die organische Einheit der Organisation durch das gemeinsame Zentralkomitee, in dem ich sehr gerne auch die Vertreter der Poale Zion sehen würde, und durch den Parteitag vollkommen ausreichend gewahrt ist. Für jene Arbeit aber, die für mehrere Distrikte an einer Stelle geleistet werden kann und soll, wären dann zwei Zentralbureaus — eines für den Westen und eines für den Osten zu errichten. Für die weitere Betrachtung will ich mich nun auf die drei westösterreichischen Distrikte beschränken, und zunächst ausgehen von den mir persönlichen genau, bekannten Verhältnissen Böhmens, dessen Interessen innerhalb des großen Rahmens der österreichischen Landsmannschaft mir am nächsten liegen. Es ist selbstverständlich, daß eine Einigung, wie die von mir vorgeschlagene, nur möglich ist ohne Schädigung der Interessen der einzelnen Distrikte. Um.] wenn der böhmische Distrikt, der gerade mit der Autonome günstige Erfahrungen gemacht, die Initiative ergriffen hat zu eine; derartigen Neuorganisation, dann geschah das unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß eine solche nur erfolgen kann untei Berücksichtigung der Interessen der einzelnen Distrikte; daß ein Majorisierung eines Distriktes hier prinzipiell ausgeschlossen, und daß das Werk nur auf dem Wege einer freiwilligen Vereinbarung möglich ist. Ich halte es für meine Aufgabe, zu prüfen, welche Forderunge vom Standpunkte des böhmischen Distriktes bei dieser Frage zi stellen sind, was notwendig vorgekehrt werden muß, damit die nein. Institution nicht statt Förderung nur Schädigung des Zionismus ii unserem Distrikt bewirke. Auch innerhalb der drei westösterreichischen Distrikte differieren die Verhältnisse wesentlich von einander. In Wien, der Großstadt mit gegen 160 000 Juden, worunter noch ein großer Prozentsat/, östlicher Juden ist, hat der Zionismus ganz andere Voraussetzungen und erfordert eine ganz andere Art der Agitation als etwa in dep böhmischen Städten, wo die Juden nirgends in Massen beisammen sind Die mährischen Verhältnisse kenne ich nicht; soviel ich aben weiß, wird die ganze Arbeit fast ausschließlich von Studenten geleistet; die meisten Organisationen sind studentische. Und da dies Studenten vielfach in Wien studieren und dort einen nicht .unbedeutenden Einfluß auf die Gestaltung der zionistischen Tätigkeit üben, ist eine Verständigung zwischen Wien und Mähren — so lang in dem letzteren nicht die jüdische Bürgerschaft aktiv Anteil mmnn am Zionismus — ziemlich leicht zu finden und kann daher voraus gesetzt werden. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Böhmen. Auch wir haben zwei Studentenverbindungen, die heute ganz ausgezeichne arbeiten. Aber diese haben in weiser Selbstbeschränkung ihr Tätigkeit auf die studierende Jugend gerichtet. Im übrigen aber wurzelt der Zionismus so gut wie ausschließlich in dem jüdischen Bürgertum; und zwar sowohl im deutschen wie im tschechische: Sprachgebiete. Infolgedessen haben sich im Laufe der letzten Jahre auch zwischen den westösterreichischen Distrikten Nuancen bemerkbar gemacht, die zeitweilig den Charakter tiefgehender Differenzen an nahmen. Eine prinzipielle Einigung ist hier nicht möglich. Solche Bestrebungen halte ich für aussichtslos. Sie könnten nur weitmaschige Resolutionen zum Resultat haben, innerhalb deren die Differenzen in gleicher Schärfe weiter beständen. Daß die eine oder die andere Seite ihren Standpunkt den andern zuliebe aufgebe, ist ebenfalls ausgeschlossen. Denn diese divergierenden Anschauungen sind das Resultat divergierender Voraus Setzungen wirtschaftlicher und sozialer Natur, die nicht auszustreichen sind. Unsere Stärke soll ja in der Ausnutzung dieser Voraus Setzungen, nicht in ihrer ohnmächtigen Bekämpfung liegen. Soll also eine organisatorische Einigung der westöster reichischen Distrikte nach dem von mir oben entwickelten Plan ermöglicht werden, dann kann dies nur auf folgende Weise geschehen : Erstens muß die Tätigkeit gemeinsamer Institutionen auf jene Gebiete eingeschränkt werden, in denen eine prinzipielle Überein Stimmung besteht: d. i. auf die Gebiete rein-zionistischer Tätigkeit Ein Versuch, auch Bestrebungen hier einzubeziehen, über dere; Verhältnis zum Zionismus heute zum mindesten noch sehr wei auseinandergehende Anschauungen vorhanden sind, würde die ganz^ geplante Neuorganisation unmöglich machen. Das gilt nicht nu vom Zentralbureau sondern von allen gemeinsamen Institutionen, wenn z. B. die Wünsche auf Schaffung eines Journals als offiziellen Organs der zionistischen Organisation später sich einmal sollte; realisieren lassen. Eine nicht rein-zionistische Zeitung könnte voi uns niemals als offizielles Parteiblatt anerkannt und unterstütz werden. Zweitens müssen wir mit der Leitung des Zentralbureaus Per sonen betrauen, die wir nicht nur als organisatorisch befähigte tüchtige und energische Arbeiter kennen sondern zu denen wir auch das Vertrauen haben können, daß sie die Besonderheiten jede Distriktes respektieren, in ihrer Tätigkeit hierauf Rücksicht nehmen und nicht den wirklichen oder scheinbaren Interessen des einen Distriktes zuliebe die des anderen vernachlässigen oder schädigen Denn ein rühriges Zentralbureau — und die Schaffung eine solchen ist ja der Zweck, den wir damit erstreben, wird trotz de Autonomie der Distrikte genügend Gelegenheit haben, durch seine Aktionen direkt oder indirekt auf deren Verhältnisse Einfluß zu nehmen. Meiner Ansicht nach kann das Zentralbureau für den Westen an keinem anderen Ort errichtet werden, als in Wien. Ich glaube auch, daß heute dort die geeigneten Persönlichkeiten zu dessen