Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kollegen, daß sie das Verhalten der drei Lehrer, die sich über Dr. Cohn beschwert haben, in jeder Weise mißbilligen. (Lebhafter Beifall.) Von den deutschen Rabbinern wurde verlangt, daß sie jetzt den Fall Cohn zum Anlaß nehmen, sich mit dem Entlassenen solidarisch zu erklären. Falls die von der Versammlung eingeleitete Massenprotestbewegimg nicht zur Wiedereinsetzung des Dr. Cohn führt soll für ihn eine private Synagoge geschaffen werden, in der er seine Tätigkeit weiter ausüben kann. Köln. In einer von der zionistischen Vereinigung einberufenen jüdischen Volksversammlung referierte am verflossenen Donnerstag Herr Rechtsanwalt Dr. Epstein, Duisburg, über die Suspendierung des Rabbiners Dr. Cohn, Berlin. Der Redner führte an Hand der veröffentlichten Belege, der Broschüre des Herrn Dr. Cohn und des Berichts über die Verhandlung der Repräsentanz der Berliner Gemeinde den Nachweis, daß Herr Dr. Cohn entlassen worden sei 1. weil er als Religionslehrer am Palkegymnasium einen dort angestellten Oberlehrer wegen antisemitischer Äußerungen direkt;zur Rede gesteilt habe, anstatt „den Instanzenweg einzuhalten," wie es der Mannesinut der Berliner Repräsetanz verlangt, 2. weil er genau wie sein Amtskollege Dr. Eschelbacher, der aber dieserhalb nicht gemaßregelt wurde, auf den verstorbenen Zionistenfijhrer Theodor Herzl eine Gedenkrede gehalten hat und 3. weil er als Rabbiner der Berliner Jüdischen Gemeinde der Ansicht eines christlichen Direktors, daß es das Beste für das Judentum sei, wenn es vollständig, insbesondere durch die Taufe, im Christentum aufgehe, entgegengetreten sei. Nach einer ausführlichen Diskussion faßte die Versammlung gegen eine Stimme folgende Resolution: Die am Donnerstag, den 16. Mai in Köln tagende stark besuchte jüdische Volksversammlung protestiert auf das Schärfste . gegen die Handlungsweise des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde im Falle Dr. Cohn. Sie sieht in der Entlassung des Rabbiners Dr. Cohn einen Beweis schärfster Reaktion und krassester Intoleranz. ZUM V. OSTERREICHISCHEN ZIONISTENTAG Die letzte zionistische Landeskonferenz hat beschlossen, für Ende Mai einen ordentlichen Parteitag nach Bielitz einzuberufen. Obwohl seitens des Landeskomitees bisher noch nichts offiziell veriautbart wurde, dürfen wir doch annehmen, daß dieser Auftrag der Landeskonferenz — wenn auch vielleicht erst im Monate Juni - zur Ausführung kommen wird. Seit 2 Jahren wird dies der erste Parteitag sein, der sich mit zionistischen Problemen beschäftigen wird. Manche Frage ist in dieser Zeit akut geworden, vieles harrt der Klärung und Erledigung. Ich möchte heute eines dieser Probleme, das Problem der österreichischen Organisation, aus dem Komplex herausheben und untersuchen, wie wir es zu behandeln, wie zu beantworten haben werden. Sollte sich an diese meine Ausführungen eine sachliche Debatte knüpfen, so würde das in durchaus erwünschter Weise zur Klärung der Anschauungen und zur Vorbereitung der Verhandlungen des Parteitages beitragen. Der Prager Parteitag im Juni 1905 hatte sich ebenfalls, und zwar in hervorragender Weise, mit den Organisationsfragen in unserer Landsmannschaft zu beschäftigen. Die damals gefaßten Beschlüsse bedeuteten eine weitgehende Umwälzung des Status quo. In einem Rahmengesetz, dessen Ausführungsbestimmungen von der Landeskonferenz im Herbste 1905 beschlossen werden sollten, auch tatsächlich beschlossen, aber vom Landeskomitee aus unbekannten Gründen niemals veröffentlicht wurden — dieser Umstand wird zu der Anomalie führen, daß die Wahlen auf Grund eines Statuts vorgenommen werden müssen, das keine Gesetzeskraft hat, weil es nicht veröffentlicht worden — ist prinzipiell die Autonomie der Distrikte in allen eigenen Angelegenheiten festgelegt worden. Das Landeskomitee, dem die Laudeskonferenz zur Entscheidung in prinzipiellen Fragen an die Seite trat, verblieb als oberste Instanz und als Exekutive und autoritative Zentralbehörde in allen die österreichische Gesanitpartei berührenden Angelegenheiten. Es läßt sich nun nicht leugnen, daß in unserer Landesmannschaft das Drängen nach Organisationsänderungeii auch nach diesem letzten Parteitag nicht zum Stillstand gekommen ist, sondern sich auch heute noch mit einer Stärke geltend macht, die zu neuerlicher Erörterung dieses Problems zwingt und manche Umwälzung notwendig machen wird. Das Bewußtsein, daß der jetzige Zustand kein definitiver sein kann, ist allgemein. Es wird nun zu untersuchen sein, welcher Art die vorhandenen Tendenzen sind und nach welcher Richtung sie führen; und es wird ihre Berechtigung geprüft werden müssen. — Dem oberflächlichen Blick scheinen, wenn auch in unklarer Formulierung, zwei entgegengesetzte Tendenzen erkennbar. Eine, die in Konsequenz des vom IV. Parteitag begonnenen Werkes nach völliger Freiheit der Distrikte, nach Auflösung der Landsmannschaft in ihre Teile drängt, und eine, welche die Zersplitterung der Kräfte beklagt und eine starke Zentralgewalt verlangt: ein dezentralistische und eine zentralistische. Seit Bestehen der österreichischen Federatiom hat diese unter dem konstant wirkenden Einfluß dieser beiden entgegengesetzten Kräfte gestanden. Zuerst herrschte der zentralistische Gedanke, verkörpert in einer Verfassung, in der ein Landeskomitee Macht und Autorität und Arbeit an einer Stelle konzentriert hatte. Unter dem unausweichlichen Druck der Verhältnisse bröckelte hiervon allmählich immer mehr ab, bis im Juni 1905 der Prager Parteitag dem föderalistischen Prinzip zum Durchbruch, — wenn auch noch nicht zur konsequenten Durchführung verhalf. Und schon sind wiedei Kräfte bemerkbar die sich scheinbar im entgegengesetzten Sinne geltend machen. Darin teilt unsere österreichische zionistische Partei das Schicksal der österreichischen politischen Verhältnisse überhaupt. Auch hier liegen zentralistische und föderalistische Tendenzen in stetem Kampfe miteinander. Diese Erkenntnis von dem Zusammen hang unserer Parteiverhältnisse mit den allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen ist nicht bloß von theoretischem In tcresse. Wir können aus ihr lernen. Ober eine Tatsache, dir durch die allgemeinen staatlichen Verhältnisse, bezw. die hier herrschenden Gesetze bedingt ist, dürfen wir uns weder besonders beunruhigen noch beklagen; und wir dürfen auch nicht glauben, solche Tatsachen durch besonders schlau stilisierte Paragraphen unserer Statuten unigehen zu können. Unser Ziel muß vielmehr sein, diese Kräfte in ihrem Ursprung, in ihrer allgemeinen und in ihrer spezifisch österreichischen sozio logischen Bedingtheit zu erkennen, und sie unter Wahrung de-- vollen Freiheit ihrer Entfaltung, gleichzeitig nebeneinander und einander ergänzenden den Dienst unsererldee und unserer Organisation zu stellen. Gegenüber den auf Zentralisierung gehenden Bestrebungen müssen wir uns die Frage vorlegen: Sind diese Tendenzen lediglich der Ausdruck der Kritik an einzelnen etwa mißlungenen oder unvoll ständigen Bestimmungen unserer Verfassung, der Ausdruck des Wunsches nach einer Verbesserung und Ergänzung? Oder be deuten sie die Erkenntnis, daß der Weg, den wir vor 2 Jahren, eingeschlagen haben, prinzipiell ein falscher gewesen, daß es notwendig sei, ihn zu verlassen, zur früheren Ordnung umzukehren und das begonnene Werk umzustürzen? Und kann mit Berechtigung behauptet werden, daß sich die neue Verfassung, weiche das Schicksal der Distrikte in deren Hand gelegt hat, nicht bewähr! habe, und daß es empfehlenswert sei, dem Landeskomitee die den Distrikten wieder abzunehmenden Befugnisse neuerlich zu über tragen, diese Behörde zu stärken und mit autoritären Rechten auszustatten? Ich möchte alle diese Fragen mit einem entschiedenen Nein beantworten. Die zionistische Tätigkeit in den letzten 2 Jahren bietet einer Kritik sicherlich viele Angriffspunkte. Und auch in der Organisation hat sich vieles als mangelhaft erwiesen. Die auf vollkommene Dezentralisation gerichteten Tendenzen gehen* ja auch von einer Kritik des Bestehenden aus. Aber gleichzeitig müssen wir konstatieren, es wurde in unserer Landsmannschaft gearbeitet, zum Teil wirklich intensiv und mit Erfolg. Und alle Arbeit wurde von den Distrikten geleistet; nach unserer geltenden Verfassung sind zwar dein Landeskomitee noch viele Arbeitsmöglichkeiten geblieben, -— aber es ist niemals vorgekommen, daß das Landeskomitee in übergroßem Arbeitsdrang in die Arbeitssphäre der Distriktsorgane übergegriffen hätte. Auf dem Gebiete zionistischer Tätigkeit hatten die letzteren an ihm keinen Rivalen. Gegenüber dem früheren Zustand ist die jetzige Ordnung ein großer Fortschritt, dessen Nutzen am deutlichsten wird, wenn man sich vorzustellen sucht, wohin wir in den letzten zwei Jahren mit dem Zionismus gekommen wären, wenn das in dieser Zeit im Amt befindliche L.-K. wie in früheren Jahren alle Macht, alle Mittel und allen Einfluß konzentriert hätte, wenn es an ihm gelegen wäre, ob und wie gearbeitet würde. Sicherlich ist der Gedanke der Teilung der Arbeit nur nach lokalen Grenzen ein solcher, welcher eine Verbesserung und Ergänzung im Sinne einer Arbeitsteilung