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Die Welt · 1907-05-24 · 21 (24.5.1907) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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gemeinde in Berlin nicht, welche die Mischehe offiziell gutheißt oder dulden würde, daß eine solche <. von ihrem Geistlichen vollzogen werde. Darin liegt doch tatsächlich das bewußte oder unbewußte Bestreben, die Juden in ihrer geschichtlichen Eigenart zu erhalten und das Stammesbewußtsein in ihnen nicht verwischen zu lassen. Warum also die Entrüstung, wenn davon deutlich gesprochen wird? Daß das jüdische Stammesbewußtsein nicht mit der Vaterlandsliebe kollidiert, ist oft genug nachdrücklichst betont worden und auch durch Tatsachen bewiesen. Wenn Christen aus Unverstand oder aus Böswilligkeit daran zweifeln, so brauchen wir Juden ihnen nicht nachzusprechen. Wer gehässig oder ungerecht liegen uns sein will, wird immer Gründe dafür finden. Und am Ende hat Ludwig Börne durchaus recht, wenn er den Judenfeinden zuruft: Ihr haßt nicht die Juden, weil sie es verdienen, sondern weil sie verdienen. Ich möchte durchaus nicht zu dem konkreten Fall Stellung nehmen, der jetzt so viel besprochen wird. Es wäre aber im allgemeinen von großem Nutzen, wenn die deutschen Juden, denen die Erhaltung des Judentums keine leere Phrase ist, sich darüber klar würden, was sie darunter verstehen. Die Zahl der konservativen Juden in Deutschland, die im rituellen Zeremoniell Jas Wesen des Judentums erblicken, ist eine kleine. Die große Mehrheit denkt darüber viel freier, und das Judentum ist ihnen eine kulturelle Erscheinung, das Produkt einer dreitausendjährigen leschichte, das nicht aufgegeben werden soll. Der religiöse Inhalt ■ les Judentums allein reicht für den modernen Juden nicht aus, um hn dafür mit aller Kraft eintreten zu lassen. Immer wirkt das geschichtliche Bewußtsein mit. Es ist aber eine große Täuschung, .venn man annimmt, daß die Geschichte einer Religion oder einer dee eine Gemeinschaft zusammen halten kann; für solche abstrakte Erscheinungen begeistert sich kein Mensch. Es ist also doch nur das Stammesbewußtsein, das auch den nichtnationalen, oder sagen vir den nichtzionistischen Juden, an das Judentum knüpft. Ohne ins durch das Übelwollen oder das mangelnde Verständnis von mderer Seite daran irre machen zu lassen, wäre es viel richtiger, iesem Bewußtsein gebührenden Ausdruck zu geben. Das ist nicht de Aufgabe des Zionismus, sondern des Judentums, und zwar in rster Reihe des liberalen Judentums, das sonst keinen Boden unter den Füßen hat. Wenn gebildete Menschen christlichen Glaubens :ber unsere volkliche Existenz schlaflose Nächte verbringen, so ollen wir sie deshalb aufrichtig bedauern, aber ändern können vir es nicht, brauchen es nicht und werden es auch nicht. Den ationalen Chauvinismus unserer Zeit, dem wir eigentlich den Fortbestand des Judentums opfern sollten, wird unser Volk ebenso iberleben, wie es den religiösen Fanatismus überlebt hat. Der hilosoph Schelling sagte einst, jede Epoche habe ihre Schwärmerei. >ie moderne Zettschwärmerei ist die nationale Unduldsamkeit. Sie ird aber an der Festigkeit des Judentums abprallen. Amittai. Weiteres zum „Fall Cohn' Herr Dr. Cohn hat auf die Erklärungen des Syndikus Lilienthal ne zweite Broschüre erscheinen lassen, die sich betitelt: „Mein! arnpf ums Recht". Die Broschüre entkräftet in gründlicher" /eise alle Vorwürfe und Einwände der Repräsentanz. Nachstehend ringen wir einiges aus dem Schlüsse dieser Schrift: „Ich sollte kündigen, rieten Sie mir. Ich, der ich ein Recht üte, klar wie das Licht des Tages, eine Wahrheit, die mir nicht nmal ein so gewiegter Advokat, wie Herr Lilienthal einer ist, er- -hüttern konnte, ich sollte kündigen? Wo ist die Milde?, Aber man die, was mir sonst vorgeschlagen wurde: Ein Repräsentant, ein ieheirnrat, riet mir, ich sollte mir von meinem Arzte ein Attest geben issen, daß ich schwer nervös sei und einer Kaltwasserkur dringend edürfe. Ich sollte dann in eine Anstalt gehen und nach einem salben Jahre wiederkommen. Dann würde man meine Äußeungen dem Direktor gegenüber auf eine vorübergehende geistige Störung schieben. Und dieses mich so tief erniedrigenden Rates tut sich der betreffende Herr noch dritten gegenüber etwas zugute. ... Doch genug davon. Es widerstrebt mir, all die Entstellungen zu buchen, die sich Herr Syndikus Lilienthal erlaubt hat, oder gar ein Wort zu verlieren über die unerhörte Verdächtigung zwischen den Zeilen, ich hätte die ganze Angelegenheit in die Redaktion der Staatsbürgerzeitung gebracht, während doch die Staatsbürgerzeitung ganz deutlich erklärt, wie sie zur Kenntnis über den Fall gelangte. Nur eines Mannes muß ich noch Erwähnung tun. Ich tue es widerwillig. Er ist ein Greis von über 80 Jahren. Aber er hat mich Lügen gestraft: Julius Jacoby, erster Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er hat durch Herrn Syndikus Lilienthal öffentlich erklären lassen: Daß er bei der Verhandlung am 31. Januar die ihm von Herrn Dr. Cohn in den Mund gelegten Worte nicht gebraucht habe: „Sie sind bei uns, in Lohn und Brot, Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten." Übrigens das einzige, was an den objektiven Dingen aus meiner Darstellung bestritten wurde. Ich gebe hiermit im Hinblick auf die Makellosigkeit meiner Vergangenheit im vollen Bewußtsein der Verantwortlichkeit, die ich auf mich lade, ... die Erklärung ab, daß ich jederzeit bereit bin, eidlich zu erhärten: Herr Julius Jaboby hat den Ausdruck gebraucht.so, wie ich ihn zitiert habe. Jetzt leugnet ihn Herr Jacoby. Was aber schließlich den Vorstand anbetrifft, der jetzt durch Herrn Lilienthal erklären läßt, er wisse sich von Anschauungen frei, die solchen Worten entsprächen, so ist ihm das einfach nicht zu glauben. Im Angesichte der Öffentlichkeit erkläre ich hier: Ein Vorstand, der seine Rabbiner durch den Hilfsarbeiter des Bureaudirektors auf das Gemeindebureau zitieren läßt, um ihm von diesem Herrn Vorhaltungen machen zu lassen, wie es mir am 11. Juni 1906 passiert ist; ein Vorstand, der seine Rabbiner auf das Bureau ruft, um sich Rüffel abzuholen; ein Vorstand, der seine Rabbiner mitten im Schuljahr von einer Schule an die andere schickt, ohne sie erst zu fragen; der den Rabbinern, welche gleichzeitig Schuldirigenten sind, zwangsweise Lehrer aufoktroyiert; ein Vorstand, der es gewagt hat, einem der angesehensten und beliebtesten Rabbiner im November 1906 einfach die Stellung aufzukündigen, nachdem er durch sechs Jahre seine besten Kräfte im Dienste der Gemeinde aufopfernd verschwendet hat; ein Vorstand schließlich, der in dem Maße am Judentume gefrevelt hat, daß er im Jahre 1905 die ehrwürdige, historisch gewordene, durch Gewohnheitsrecht bestehende und durch eine tausendjährige Entwickelung geheiligte Institution des rabbinischen Kollegiums gewaltsam aufgelöst hat: Ein solcher Vorstand steht nicht bloß auf dem Lohn- und Brotstandpunkt, sondern ich spreche ihm auch die Fähigkeit ab, zu Gericht zu sitzen über mich; die Fähigkeit, ein Urteil abzugeben, ob ein Mann von meiner Qualität, dem sein Judentum das Höchste und Heiligste ist, was er hat, und der ^'ch tief und innig bewußt ist, seine Pflicht getan zu haben, wie sie ein Rabbiner nur tun kann, ob ein solcher Mann als Schädling des Judentums ausgerottet werden muß oder nicht. Ich bin am Schluß: Es ist eine heilige und gute Sache, die ich führe. Das weiß ich! Und wenn ich ganz allein stünde mit meinem Kampf, ich müßte doch auftreten und sprechen: Es geschieht Unrecht auf dem Bureau der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. . . . Ein Massenprotest gegen die Entlassung des Rabbiners Dr. Cohn ist von einer von ca. 1500 Personen besuchten Versammlung am Mittwoch abend in der Viktoria-Brauerei beschlossen worden. Das Vorgehen des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wurde [von dem Referenten Dr. Biram und den nachfolgenden Diskussionsrednern einer scharfen Kritik unterzogen. Die Frage des Referenten, ob ein Mann, der so energisch für seine Religion eintritt, als Schädling des Judentums beseitigt werden müßte, wurde mit einem tausendstimmigen „Nein" beantwortet. Als der Redner erklärte, es sei das stärkste Stück, das hier geleistet wurde, aus zehn Sätzen, die das Ergebnis einer dreieinhalbstündigen Unterredung darstellen, diesem Mann einen Strick zu drehen, erschollen Rufe wie Pfui! Gemeinheit! Vielen Beifall fand auch der Vergleich des Falles Cohn mit dem Fall Dreyfuß. Redner schloß mit der Erklärung: „Die Wahrheit ist auf dem Marsche." (Stürmischer Beifall.) Die Herren Dr. Zwirn, Klausner und Dr. Klee sprachen im gleichen Sinne. Von Prof. Baginsky, der Mitglied der Repräsentantenversammlung ist, wurde eine Erklärung verlesen, die sich für den Rabbiner Dr. Cohn ausspricht. Eine große Reihe von Mitgliedern des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung, so wurde behauptet, seien mit der Entlassung des Rabbiners nicht einverstanden. Oberlehrer Joel erklärte im Namen seine»-

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