Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316264--49323-3344256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE^E LT ■'No. 21 JUDENMISSION IM NEBENAMT (Zum Fall Cohn.) In der viel besprochenen Affäre des Dr. Emil Cohn, des nunmehr entlassenen Predigers der jüdischen Gemeinde zu Berlin, wurde in der Hitze des Gefechts von allen Parteien gerade der Hauptsache nicht die genügende Aufmerksamkeit gewidmet. Herr Dr. Przygode, dessen Name auf seine polnische Abstammung hindeutet, hat in seinem Gespräch mit dem jüdischen Prediger, das wenigstens er nicht für ein ^privates hielt, seiner Meinung Ausdruck gegeben, daß die Hetze gegen die Juden zu mißbilligen sei, das wahre Heil aber für uns Juden in der völligen Assimilation durch Taufe und Mischehe gesucht werden müsse. Es sei ihm bereits gelungen, jüdische Eltern von seine Anstalt besuchenden Schülern zu veranlassen, ihre Kinder an dem christlichen Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Daß Herr Dr. Przygode die antisemitische Hetze mißbilligt, ist von seiner Seite äußerst liebenswürdig und kann von unserer Seite nicht mit genug Dank anerkannt werden. Seine Meinung, der beste Weg für die Juden sei, durch Mischehe und Taufe als Volk an sich den Harakiri zu vollziehen und so vom Schauplatz der Geschichte zu verschwinden, dürfen wir ihm nicht verübeln, da jeder Mensch das Recht hat, über kulturelle und politische Probleme seine Meinung zu haben und zu äußern. Daß er aber in seiner Eigenschaft als Direktor einer aus städtischen Mitteln unterhaltenen Schule sich für berechtigt hält, im Nebenamt Judenmission zu betreiben und jüdische Kinder zu veranlassen, durch Teilnahme an dem christlichen Religionsunterricht sich für die Taufe vorzubereiten, das ist eine öffentliche Angelegenheit, die man nicht mit Stillschweigen übergehen kann. An der Unterhaltung des Charlottenburger Reformgymnasiums, dem Herr Dr. Przygode seine ausgezeichneten pädagogischen Fähigkeiten widmet, sind jüdische und christliche Steuerzahler gleichmäßig beteiligt. Soviel mir bekannt ist, leben wir in einem Rechtsstaat, in dem verfassungsgemäß alle Bürger gleichberechtigt sind. Die Frage ist nun so zu stellen: wenn an einer öffentlichen Schule von Amts wegen gesorgt wird, daß jüdische Kinder die Vorzüge des christlichen Glaubens zu erfahren Gelegenheit erhalten, um sodanirden väterlichen Glauben aufzugeben und sich zum Christentum zu bekehren, so müßte doch billigerweise auch dafür gesorgt werden, daß christliche Kinder Gelegenheit erhalten, sich von der Vorzüglichkeit und der Wahrheit des Judentums zu überzeugen. An sich ist die Anschauung des Herrn Dr. Przygode nicht neu. Wir haben sie in den letzten Jahrzehnten von vielen hervorragenden „wohlwollenden" Christen gehört. Zu diesen gehört beispielsweise der große Forscher Mommsen, dessen Namen die Herrn Dr. Przygode unterstellte Unterrichtsanstalt trägt. Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren äußerte sich der ausgezeichnete Gelehrte in seiner Polemik gegen Treitschke, daß der Judenhaß durchaus zu verwerfen sei, die Juden aber im eigenen Interesse gut daran täten, das Christentum anzunehmen. Diese Freundlichkeit, die völlige Assimilation als das höchste Ideal zu bezeichnen und dessen Erreichung nur durch die Judentaufen als möglich hinzustellen, erinnert mich an die liebevollen Worte eines Gatten zu seiner Frau: Wenn einer von uns beiden stirbt, so gehe ich nach Italien. Wir Juden sind der Meinung, daß eine so weitgehende Assimilation weder nötig noch nützlich ist. Es ist durchaus nicht kulturfördernd, daß alle Menschen, wie Moses Mendelssohn sich ausdrückt, eine Herde werden und in einer Hürde wohnen. Für den Zweck der kulturellen Entwicklung der Menschheit ist es im Gegenteil sehr schädlich, daß alle Menschen äußerlich und innerlich uniformiert werden. Die Erhaltimg der Juden in ihrer geschichtlichen Eigenart, die liebevolle Pflege ihres Stammesbewußtseins, könnten in Deutschland nur dann eine politische Frage werden, wenn die Juden sich feindlich dem deutschen Vaterland gegenüber stellen wollten, wenn sie dessen territoriale Integrität gefährdeten. Das hält doch wohl jeder nicht absichtlich böswilligt Mensch für ausgeschlossen. Warum also überhaupt in das Her, des Juden dringen wollen? Nehmen wir aber doch an, der religiöse Unterschied mache sich im bürgerlichen Leben störend bemerkbar, so daß unumgänglich eine Nivellisierung herbeigeführt werden müßte, warum nicht den andern Weg versuchen, nämlich den Christen das Judentum plausibel zu machen? Die Erklärung für diese ein seitige Bevorzugung des Christentums liegt eben darin, daß aucl wohlwollende Christen sich von ihrem Vorurteil nicht lossagen können und das Judentum als kulturell minderwertig betrachten Wir.wollen sie deswegen nicht allzu streng verurteilen; man mul tolerant sein nicht nur gegen den Glauben, sondern auch gegen den Aberglauben der Leute. Was aber nicht zu verstehen ist und worüber keine Toleranz hinweghelfen kann, das ist die Gleichgiltig keit, mit der sonst gute Juden über die Herabsetzung des Juden tums, die in solchen Bekehrungsversuchen liegt, ruhig hinweggehen Wenn wir hören, daß ein Direktor einer öffentlichen Schule es fm erlaubt hält, in seiner Anstalt Judenmission zu betreiben, so müssen wir dies als eine Beleidigung des Judentums, als eine Gefahr für unsere Kinder und als eine Beeinträchtigung unserer bürgerliche!; Gleichberechtigung betrachten, gegen die wir nicht entschiede!' genug Protest einlegen können. Wenn das, was Herr Dr. Przygod: als seine erzieherische Aufgabe bezeichnet, in allen öffentliehen Schulen üblich wird, so müßten wir mit-Heine sagen: „Geh nicht nach Aly's Schloß. Pest-Örtern gleich „Flieh jenes Haus, wo neuer Glaube keimet. „Dort zieht man dir mit süßen Zungentönen „Aus tiefster Brust hervor das alte Herz. „Und legt dir eine Schlang' dafür hinein..... „Dort vertauscht man dir den alten Namen „Und gibt dir einen neuen, damit dein Engel, „Wenn er dich warnend ruft beim alten Namen, „Vergeblich rufe!" Man denke sich die Möglichkeit, ein protestantischer Gymnasial direktor würde sich derartiges gegen die katholische Glaubens gemeinschaft erlauben, oder ein katholischer gegen die protestan tische, ließe die angegriffene Partei die Sache auf sich beruhen i Wohl wissen wir ganz gut, daß die Juden, weil sie eine schwach Minderheit bilden, sich manches gefallen lassen müssen, was man Protestanten und Katholiken nicht zu bieten wagen würde. Ich gehe sogar weiter und setze voraus, daß eine Beschwerde gegen die auf den Schulen betriebene Judenmission keine Wirkung haben, würde. Aber selbst diese Erwägung enthebt die berufenen jüdischen Organisationen nicht der Pflicht, dagegen entschieden und feierliche Protest einzulegen. Im übrigen möchte ich, rein historisch betrachtet, auf eine mer! würdige Erscheinung in unserm geistigen Leben hinweisen. Es ie gar keine Frage, daß in der deutschen Judenheit seit Jahren das ernste Bestreben zu beobachten ist, das Judentum zu erhalten un;! der feigen Fahnenflucht aus unserer Mitte nach Möglichkeit entgegenzutreten. Daß wir die Taufe, weil sie niemals aus Überzeugung angenommen wird, aufs strengste verurteilen, darüber lassen wir niemanden im Zweifel. Auch die Mischehe weisen wir zurück, weil sie, vom modernen Standpunkt an sich weniger anfechtbar, doch zur Auflösung des Judentums in der nächsten Generation führt. Das ist eine Tatsache, deren Wahrheit wir nicht erst zu beweisen haben. Mactien sich aber die deutschen Juden einen klaren Gedanken darüber, warum sie die Mischehe verwerfen? Die religiöse Überzeugung allein gibt keine ausreichende Erklärung dafür, wenigstens nicht für die liberalen Juden, welche die Mehrheit bilden- Es gibt keine jüdische Gemeinde in Deutschland, selbst die Reform-