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Die Welt · 1907-05-24 · 21 (24.5.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Von den Reichsratswahlen in Österreich Die Wahlen in Wien-Leopoldstadt (Von unserem Korrespondenten) Die Zionisten haben in der Leopoldstadt, in der der Obmann des L. K. Dr. Schallt kandidierte, eine Niederlage erlitlen und eine Stimmenzahlaufgebracht, die deutlich beweist, daßdieWiener Juden für ine jüdische nationale Kandidatur noch nicht reif sind. Es war auch ( in gewagtes Unternehmen, einen Bezirk, in dem ernste politische Vrbeit für die jüdisch-nationale Idee niemals geleistet worden ist, im ersten Sturmlauf erobern zu wollen. Es war einigermaßen naiv, iir eine Wahl eine politische Partei zu improvisieren und von einer politisch ungeschulten, national-vernachlässigten Wählermasse eine adikale politische Umkehr zu erwarten. Aber die Arbeit, die trotz illedem getan werden mußte, war nicht ganz wertlos. DieWiener /Jonisten haben vor allem agitieren gelernt und auf jedem Gebiete ier Wahltechnik Erfahrungen gesammelt. Sie haben sich die Gevißheit verschafft, daß sie über eine Schar opferwilliger, verläßlicher und tüchtiger Agitatoren verfügen. Sie haben dem Wahlkampfe in der Leopoldstadt den jüdischen Stempel aufgedrückt und ier Organisationsarbeit, die dort ihrer harrt, gründlich vorgearbeitet. Daß sie unterlagen, war keine Überraschung. Diese kann sich üLir auf die geringe Stimmenzahl erstrecken, die zur überaus regen Agitationsarbeit, zu den optimistischen Erwartungen der Zionisten mkI selbst zahlreicher Gegner im Mißverhältnis steht. Wir konnten ach den Erklärungen der Wähler, nach dem glänzenden Verlauf ist aller Wählerversammlungen auf 1400—1600 Stimmen nachweisbar zählen. Es kam anders, weil ganze Wählergruppen ihr .egebenes Versprechen nicht hielten und an der Urne umkippten, is würde zu weit führen, die Wahlmanöver gehässigster und per- "»nlichster Art, die da mitspielten, zu erörtern. So anständig und .ichlich die Zionisten den Wahlkampf führten, so illoyal und peronlich hat man sie bekämpft, oft nach Roßtäuschermanier gefoppt. \ls junge politische Partei, angewiesen auf die Begeisterung und 1 >pferfreude ihrer freiwilligen Agitatoren, haben sie den ersten Verlieh gewagt. Solche Versuche können ja mißlingen, haben besser 'fganisierten, stärkeren Parteien schon herbere Enttäuschungen und ehwerere Wahlniederlagen gebracht. Die Zionisten tragen in sich He felsenfeste Überzeugung und haben einen großen unverlierbaren Trost: Sie werden, weil die Zukunft und Entwicklung ihnen gehört, i'iiher oder später siegen. Und sie haben in der Leopoldstadt einen Leidensgefährten, der unter unvergleichlich günstigeren Verhältnissen nid mit verzehnfachten Machtmitteln auf den Plan trat und trotzdem eine viel empfindlichere, blamablere Schlappe erlitten hat. Die Jonisten haben nur ein Vorgefecht verloren; die Kultusgemeinde, iie der deutschen Fortschrittspartei Vorspanndienste leisten zu missen glaubte, eine Schlacht. Dr. Kohn, der nur 1200 Stimmen i rhalten hat, ist Vizepräsident der Kultusgemeinde, Landesschulnit var offizieller Kandidat des fortschrittlichen Zentralwahlkomitees, •enoß die ausgiebigste Unterstützung der liberalen Tagespresse imd Matte den Beanitenapperat der kultusgemeinde zur Verfügung. Eine ^roße Zahl jüdischer Wähler ist direktoder indirekt von der Kultus- Gemeinde abhängig; jüdisch-nationale Überläufer waren seine eifrigsten Wahlmacher; es wurden Stimmen gekauft und Unterstützungen von der Kultusgemeinde zugesagt — es war alles vergebens: Dr. Kohn ist schmählicher als der Zionist unterlegen. Es ist vielleicht bedauerlich, daß gerade er die Blamage auf sich genommen hat. Der Kultusgemeinde und der Assimilantenklique, die ihn vorgeschoben iat, ist sie von Herzen zu gönnen. Dr. Ofner, der nun Abgeordneter eines effektiv jüdischen Wahlkreises wird und der infolge -einer reichen parlamentarischen Erfahrung, infolge seiner großen Beliebtheit im Bezirk und seiner hervorragenden Eigenschaften als Mensch und Jurist der gefährlichste Gegenkandidat war, wird aus 'lern Wahlkampfe vielleicht doch die Lehre gezogen haben, daß ^eine jüdischen Wähler eine energische Vertretung jüdischer Interessen von ihm verlangen dürfen und fordern werden. Die jüdische \Tationalpartei hat für die Stichwahl durch Parteibeschluß ihren Wählern empfohlen, in der engeren Wahl für Dr. Ofner zu stimmen. Wenn man von seinen deutschtümelnden und kulturkämpferischen Allüren absieht, kann man mit den Abgeordnetenqualitäten Dr. Omers hu allgemeinen zufrieden sein. Im übrigen hat jeder Wahlkreis den Abgeordneten, den er will und den er verdient. Es bleibe dahingestellt, ob die Majorität galizischer Juden, die in der Leopoldstadt wohnt, national und politisch gerade Herrn Ofner nahe steht. Die ^Urabstimmung, die im Bezirke seit Monaten für ihn künstlich erzeugt wurde, hat auch die galizischen Wähler ergriffen und beeinflußt. Es war mehr ein persönlicher Erfolg, kein Sieg des assimilatorischen Gedankens. Den Zionisten, die im Wahlkampf gewissen Ausstreuungen zum Trotz von ihrem rein zionistischen Programm kein i-Tüpfelchen aufgegeben haben, obliegt nun die nicht leichte Aufgabe, die Wähler der Leopoldstadt durch rastlose und möglichst systematische politische Arbeit für konsequente jüdisch-nationale Politik zu erziehen. Dann kann es in den nächsten Wahlen an positiven Erfolgen nicht fehlen. Die jüdische Nationalpartei wird zu beweisen haben, daß sie auch in Westösterreich Existenzberechtigung und ein weites Feld fruchtbarer nationaler Arbeit hat. Die Wiener Zionisten sind unseren schadenfreudig höhnenden „Freunden" und Gegnern sei es gesagt — durch ihren Mißerfolg, der aus der ganzen Situation logisch herauswuchs, absolut nicht entmutigt. Sie werden jetzt erst recht an die Arbeit gehen und in frisch-fröhlichem Kampfe für die jüdisch-nationale Sache ihre Kräfte vervielfachen. Bei den nächsten Wahlen sehen wir uns wieder! Ein besonderes Wortdes Dankes wollen wir noch unserem unterlegenen Kandidaten Dr. Schaiit widmen, dessen außerordentlich gewandter, unermüdlicher Tätigkeit in parlamentarischen und Regierungskreisen vor allem die Schaffung von Wahlbezirken mit jüdischer Majorität zu danken ist und der an der Begründung der Jüdischen Nationalpartei und au der nachfolgenden Wahlagitation einen ganz hervorragenden Anteil genommen hat. Die Wahlen in Qalizien und Bukowina (Von unserem Korrespondenten.) 20. Mai 1907. Die bisherigen Wahlen in Galizien und Buckowina haben der jüdischen Nationalpartei glänzende Erfolge gebracht: 1 Mandat und 5 Stichwahlen, von denen 4 fast gewiß sind! Bis zum heutigen Tage sind für die jüdisch-nationalen Kandidaten mehr als 20 000 Stimmen abgegeben worden, wobei zu bemerken ist, daß die Wahlen in vielen galizischen Städten, in denen Zionisten mit größter Aussicht auf Erfolg kandidieren, noch nicht stattgefunden haben. Außer Dr. Neumann-Wender, der in Czernowitz in aussichtsvoller Stichwahl steht, gelangen in die Stichwahl: Dr. Braude-Stanislau, Dr. Mahier-Trembo\vla,::) Dr. Natan Birnbaum-Buczacz (Stadt), Dr. Gabel-Buczacz (Land). Alle Zionisten, die in die Stichwahl kommen, müssen gewählt werden, wenn die Ruthenen und Sozialdemokraten gegen die Kandidaten des Potenklubs stimmen. Dr. Zipper ist in Drohobycz gegen Dr. Löwen stein mit 1331 Stimmen unterlegen. Diese Stimmenzahl erscheint um so wertvoller, wenn man bedenkt, daß in diesem Wahlkreise Galiziens berüchtigtster Wahlmacher, Kultusvorstand Feuerstein, die Wahl des offiziellen Kandidaten mit unerhörten Wahlmißbräuchen und maßlosem Terrorismus erzwungen hat. Im Lemberger Wahlkreise III werden 900 zionistische Stimmen, die auf Dr. Brande entfallen sind, die engere Wahl /.wischen dem Handelskamuierpräsidenten v. Horowitz und dem Sozialistenführer Dr. Diamant entscheiden. '■>■) Imh's.sei! ixaw ä- Ii lt. 22. Mii 1007. Unser Berichterstatter telegraphiert uns: Alle oppositionellen Parteien haben für die Stichwahlen einen Block gegen den polnischen Bund abgeschlossen. Dadurch haben die Zionisten in 3-4 Kreisen, wo sie in Stichwahl stehen (siehe oben), große Aussicht, ihre Kandidaten durchzubringen. Drei von diesen Stichwahlen finden am 24. Mai statt. Die noch ausstehenden Haupt wählen, bei denen einige unserer hervorragendsten galizischen Gesinnungsgenossen (u. a. Dr. Malz, Dr. Thon, Dr. Salz und Adolf Stand), kandidieren, erfolgen morgen, den 23. Mai. Dr. Mahler in den Reichsrat gewählt Czortkow, 21. Mai. (Telegr.) Bei der heute vorgenommenen Stichwahl wurde der zionistische Kandidat Dr. Mahler, Dozent der Archäologie an der Prager Universität, zum Reichs ratsabgeordneten des Wahlkreises Czortkow-Trembowla gegen den polnischen Kandidaten gewählt. Dr. Mahler, der bei der Hauptwahl zirka 2000 Stimmen erhielt, wurde von den Ruthenen bei der heutigen Stichwahl unterstützt. Dr. Mahl er nahm in seiner neuen Eigenschaft bereits Veranlassung, beim Minister des Innern über den von den galizischen Behörden an den oppositionellen Parteien geübten Terrorismus Beschwerde zu führen.

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