Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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dem, was jetzt pro und contra gesagt und geschrieben wird, ist damals nicht gedacht und zum Ausdruck gebracht worden. Der erste österreichische Zionistentag, auf dem der Schreiber dieser Zeilen das Referat über die Gegen wartsarbeit erstattete, hat den theoretischen Meinungsverschiedenheiten für eine Zeit lang durch eine praktische Formel ein Ende gesetzt: Wir erkannten, daß die politische Arbeit ein Minimum bewußten nationalen Willens und nationaler Kraft in der Masse voraussetze. Und da dieses Minimum uns damals noch nicht vorhanden zu sein schien, wurde die politische Aktion „auf bessere Zeiten" verschoben. Der Standpunkt war, wie man nachträglich feststellen kann, durchaus richtig:" Will man heute einen Beweis dafür, so kann man ihn in dem Wahlergebnis des Bezirkes Wien-Leopoldstadt finden, wo aller Enthusiasmus und alle Agitationsarbeit an die in nationalem Sinne unpräparierte Masse eitel verschwendet war. In Galizien ist heute das Minimum, ja sogar weit mehr als das notwendige Minimum an nationaler Spannkraft vorhanden — damit war die praktische Voraussetzung für die politische Arbeit gegeben. Aber auch die prinzipielle, daß sie durch die Zionisten zu erfolgen habe? Wie man sieht, ich kehre mich gar nicht daran, daß eine Jüdische Nationalpartei gegründet worden, in die sich die Zionisten als Nationaljuden einreihten. Vielleicht kann dieser (gewiß grundsätzlich bedeutsame) Unterschied später einmal in Österreich (und Rußland) aktuell werden, — heute, wo die „Jüdische Nationalpartei" tatsächlich zum allergrößten Teile nichts anderes darstellt als die Zusammenfassung Tausender zionistischer Individuen, wo es fast keine Nationaljuden in Österreich gibt, die nicht zugleich Zionisten sind, ist die Unterscheidung nach außen und innen bedeutungslos. Kann man nun die zionistische „innerpolitische" Betätigung approbieren? Ich möchte meinen Standpunkt iti etwas paradoxer Form ausdrücken: In der Theorie haben die Gegner der zionistisch-politischen Gegenwartsarbeit Recht, in der Praxis deren Anhänger. Es ist z. B. unbestreitbar, daß die erhöhte Beschäftigung mit innerpolitischen Fragen Kräfte und Interessen vom Zentrum, dessen intensive Stärkung uns obliegt, nach der Peripherie drängt, wie es unbestreitbar ist, daß der Zionismus als territoriale Bewegung eigentlich die trügerischen Fäden, die uns mit dem Golus verbinden, zu lösen, statt /u verdichten hat. Und wahr ist ferner, wie jüngst Freund Sokolow treffend bemerkte, daß die „Gegenwartsarbeit" oft ein schwierigeres Stück Arbeit darstellt als die direkt-zionistische. Sicher ist auch, daß die politische Betätigung gewisse Gefahren, die aus nationalen Reibungen entstehen, in sich birgt. Und endlich — um von vielem anderem abzusehen — gewiß ist: soll schon Gegenwartsarbeit getrieben werden, dann ist es die kulturelle, die auch prinzipiell den Vorzug verdient, weil von ihr tatsächlich und unmittelbar Brücken zu unserem palästinensischen Gemeinwesen hinüberführen. Und doch hatten die Praktiker Recht, wenn sie, all diesen Erwägungen zum Trotz, in Rußland und Österreich sich für die zionistisch-innerpolitische Aktion entschlossen. (Ich will dabei nicht auf die besondere Frage eingehen, ob in Rußland die Aufrollung der „eigenen Flagge", die Exklusivität der Zionisten, berechtigt war, .....- es scheint mir, daß sie damals geboten war, wenngleich Rücksichten auf Veränderungen in der Zukunft eine weniger exklusive Haltung hätten angezeigt erscheinen lassen.) Und die Praktiker hatten nach meiner Meinung Recht, weil sie das Leben drängte. Wir bewegen uns oft in einem verhängnisvollen Zirkel: Wir sprechen von zionistischer Propaganda, einer zionistischen Volksbewegung usw., und übersehen, daß das Gebot des Baseler Programms, „Zusammenfassung und nationale Gliederung der Juden" in der Diaspora, daran scheitert, daß uns die jüdischen Individuen durch Assimilation (aktive oder passive) oder nationale Indifferenz auf wirtschaftlichem, kulturellem und gesellschaftlichem Gebiete entwunden sind. Der Weg zu den jüdischen Massen, zu eben den Massen, die wir suchen, ist noch vielfach verlegt, — man bekommt ihn nicht frei oder nur zum geringsten Teile frei durch Wort und { Schrift. Die Hindernisse, die im Wege liegen, sind ja auch nicht nur Widerstände der Anschauungen oder Neigungen, — es sind vom Leben, vom Golusleben aufgetürmte Barrikaden, die gestürmt werden müssen Man spricht von „Nationalisierung": Ein von so ungeheurer Übermacht polnischen Einflusses, polnisch-assimilatorischer Herrschsuch: gedrücktes Judentum ist noch kein Judentum, das der Nationalisierung fähig ist. Erst vom fremden Nationalismus, seinen Schrecken um! Verlockungen befreit, sind diese Juden fähig, nationalisiert zu werden. Und in Rußland gilt ähnliches bei anderen Voraussetzungen für dk dort waltenden Widerstände. Und — seien wir ehrlich — das gilt manchmal sogar in noch höherem Grade von den Juden der West länder, die von einer leider sehr dichten Atmosphäre des Fremden, besonders Fremdkulturellen, umhüllt sind. Also das Leben, die zionistische Notwendigkeit, drängt die Zionisten, die gewaltigen Hindernisse für die Nationalisierung um! Zionisierung wegzuräumen, —- wenn sie nicht auf eine Massen-, eine Volksbewegung verzichten wollen. Und da nun einmal alles öffentliche Leben so sehr von Politik abhängig und von ihr durch setzt ist, so müssen die Zionisten die Landespolitik gebrauchen, um sie im letzten Ende ihrer zionistischen Politik nutzbar zu machen. sie laufen sonst Gefahr, daß ihre Passivität nicht nur ihr zionistisches Vorwärtsdringen erschwert, sondern daß die Politik von anderen gegen den nationalen Geist mißbraucht wird. Und die Zionisten müssen es tun, — weil es noch an einer genügenden Menge nationaler Juden fehlt, die diese Aufgabe übelnehmen könnten. Und daraus folgt der zweite Satz, daß einmal die po litische Tätigkeit von zionistischer Seite überflüssig werden kann, dam; nämlich, wenn die Massen bereits genügend national geschult sind, wenn insbesondere die durch Politik zum Nationalismus erzogem Judenheit durch andere Werte, vor allem kulturelle für unsen höchsten und letzten Ziele wach und bereit gehalten werden kann. Das mögen doch auch die Freunde jüdischer Kultlirtätigkeit und ich zähle mich zu ihren eifrigsten — bedenken, die so schar! gegen die Politik ins Zeug gehen. Auch die kulturelle Tätigkeil in der Diaspora bedarf eines gereinigten Nährbodens — die Schlacken werden vor allem die politischen Organisatoren der Masse wegräumen müssen. Und wenn man nun den Ausgleich zwischen „Theorie contra' — und „Praxis pro" schaffen will, so kann er nur im Kompromiß wege erfolgen: Der Zionismus ist oder soll eine heroische Be wegung sein, und so muß er den Mut haben, die großen Mühen und großen Gefahren, die die innerpolitische Betätigung in sich schließt, auf sich zu nehmen. Und Vorsicht und eine stete Kräftigung unseres Zentralen, vor allem des Palästinensischen, muß allem verschuldeten und unverschuldeten Übereifer de „Gegenwartsarbeit" die Spitzen abbrechen und einen Kräfte-Aus gleich herzustellen suchen. Der Mut, der frische, frohe Mut, mit dem die österreichischei Zionisten sich der politischen Arbeit ergeben haben, ist es, den \vi: ihnen in dieser Stunde, wo ihre erste Arbeit beendet ist, am meiste!; danken. Sie waren sich — das wissen wir aus eigener Erfahrung - des Ernstes, der Unvermeidlichkeit ihrer Arbeit voll bewußt, bewußt auch der Gefahren. Und dort drohte noch besondere Gefahr: de: Zorn der beleidigten Schlachta, der sich vielleicht auch ökonomisch äußern wird. Aber dieser Zorn und seine Folgen waren unabwendbar. Die Polen haben einst den Juden in schlimmen Tagen Gastfreundschaft gewährt. Sie forderten dafür nicht nur Dankbar keit, sondern demütige Unterwürfigkeit, noch mehr: sie forderte] die Seele der Juden. Es wird ihnen nicht leicht sein, jetzt umzulernen, und sie werden es zuerst mit Flüchen und Prügeln tun. Aber sie werden es lernen, daß die höchste Dankbarkeit, die die Juden ihnen zu geben haben, nicht die Knechtseligkeit demütiger Heloten, sondern die Freundschaft freier Männer ist. B. F.