Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 24. Mai 1907 p-nnb r6nn"c< ]VD V No. 21. DIE REICHSRATSWAHLEN Gute Nachricht kommt aus Österreich. Der jüdische Volksmund bezeichnet in einer tiefcharakteristischen Resignation, die etwas Galgenhumoristisches an sich hat, als Glück das kleinere von zwei Übeln. Oder: Jüdisches Glück ist, wenn das gewohnheitsmäßig erwartete Unglück einmal ausbleibt. Und so haben die schwer leidenden österreichischen Juden diesmal mit den nichtjüdischen Volksvertretern, die jetzt ins Parlament entsandt werden, Glück: Die als fast unabwendbar betrachtete, mit Furcht und Bangen erwartete Alleinherrschaft einer klerikal-reaktionären Masse ist nicht Ereignis geworden. Zwar, es bedeutete eine törichte Selbsttäuschung, wollte man nicht zugeben, daß der christliche Sozialismus sich noch in ungeheurer Kraftfülle gezeigt, ja daß er, über sein ursprüngliches Gebiet hinaus, weit ins Land seine Fangarme ausgestreckt hat. Aber diese Kraft wird sich im Parlamente brechen müssen an'der neuen, mächtigen Phalanx der Sozialdemokratie. Zudem sind die Ultranationalen, die mit den primitiven Instinkten der Masse fanatische Demagogie trieben und nur zu oft den bis zur Siedehitze entflammten Leidenschaften die Juden als Opfer hinwarfen, in den Wahlen zermürbt worden, und die reinere, klarere Anschauung und Behandlung der nationalen Probleme, die man jetzt in Österreich zu erwarten hat, wird den Juden ebenso zugute kommen, wie sie der demokratische Block wenigstens vor den grausamsten Aspirationen und den gröbsten Ausschreitungen der Antisemiten bewahren wird. Aber es kommt noch weit bessere Nachricht — und diesmal meinen wir das nicht in dem bescheidenen Sinne des jüdischen Golus-Fatalismus: Eine neue Zeit — die neue Zeit, die wir heranbrechen sahen, aber so schnell nicht erwarteten — ist für die Ostjuden Österreichs gekommen. Mit einem bewundernswerten Mut, in einer prächtigen Äußerung des langzurückgehaltenen und nun machtvoll vordringenden Selbstgefühls haben große Massen der jüdischen Wähler Galiziens das schmähliche Joch des politischen Helotentums abgeworfen und zerbrochen. Ob es auch noch nicht alle Juden Galiziens umfangen mag — noch fehlt uns die Möglichkeit einer ganzen Übersicht — wir fühlen uns schon jetzt, tief aufatmend, erlöst von einer Schmach, die wie ein furchtbarer Alp auf jedes freien Juden Brust lag. Wie haben wir österreichischen Zionisten unter dem „Schimpf Halbasiens" gelitten! Nicht der böse, verschlagene Judenhaß, der im Westen.des Reiches an dem jüdischen Mark saugte, nicht der Rowdy-Antisemitismus tief unter dem Durchschnitt der jüdische« Masse stehender nationaler Hetzbrüder, nicht der tiefschmerzliche Anblick gesinnungsschwacher schwarzrot-goldener Vertreter unseres Stammes und Verräter unserer Interessen hat uns je so aufgerührt, so empört, so das Blut in Wallung gebracht, wie die aus kalter Verachtung, aus Herrenübermut und Herrenübermacht erwachsene Brutalität der Schlachzizen, die mit der Selbstverständlichkeit der Sklavenhalter unsere Massen ihrem Willen gefügig machten, ohne Dank, ja mit der Peitsche in der Hand, stets darüber wachend, daß die Parias auch nicht für die kleinste Regung ihres jüdischen Ich eine Entfaltungsmöglichkeit fänden. Und die jüdischen „Erwählten" erst, die „Hausjuden des Polenklubs'4, für deren Wahl Selbstentmannung, völlige Subordination unter polnischen Sinn und polnischen Willen erste Voraussetzung war, die vor aller Öffentlichkeit „in parlamentarischen Formen" die Moszko-Rolle spielen mußten und spielten, die den hunderttausende!! armen Handelsjuden im Landein den niederträchtiggroben Formen des polnischen Alltags aufgebürdet wurde! Diese Schmach haben die galizischen Juden unter der Führung der Zionisten in einer durch Elan und Zielbewustheit gleich ausgezeichneten Wahlkampagne ein jähes Ende bereitet. Und nicht nur das: Die galizische Judenheit hat nicht nur die würdelose Gefolgschaft verweigert, sie hat sich auch in kühner Entschlossenheit zu einer selbständigen jüdischen Politik aufgerafft und — trotz der (wir können es mit keinem andern Worte kennzeichnen) „galizischen" Gewalttätigkeiten im polnischen und jüdisch-assimilatorischen Lager — auch hier überraschend gute Erfolge erzielt. Auch wenn man von dem weitaus wichtigeren moralischen Gewinn absieht, bleibt wahrscheinlich noch ein bemerkenswerter realer Gewinn — eine kleine Zahl jüdischer, national-jüdischer Vertreter im österreichischen Parlament. Diesen Erfolg hat die galizische Judenheit den Zionisten zu danken. Und da taucht denn von selbst wieder die Frage auf, ob die Zionisten, indem sie der jüdischen Sache nützten, auch dem Zionismus genützt haben. Die Frage scheint auf den ersten Blick grotesk. Wenn man aber schon an nichts anderes denkt, als an die zionistische Grundthese, daß eine wirkliche Lösung der Judenfrage nur in unserem heimatlichen Gemeinwesen möglich sei und daß daher der Zionismus die Illusion von nationalen Entfaltungsmöglichkeiten in den Golusländern perhorreszieren müsse, -- wird man verstehen, daß die Erwägung, ob die Zionisten sich zu Trägern und Förderern der jüdischen Politik im Golus machen dürfen, tiefe Berechtigung hat. Ein Produkt der letzten, oder wie manche gar meinen, der allerletzten Zeit nun ist das Problem nicht. * Es ist nur wieder einmal aktuell geworden. Aber wir in Österreich haben uns schon vor langen Jahren darüber die Köpfe zerbrochen, und nichts von . l*