Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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18 Die ..fünf Juden der Salome" DIE 3ä&E LT No. 20 Der Erstaufführung der Wilde-Straußschen „Salome" in Paris widmet Max Nordau in der N. Fr. Pr. ein Feuilleton, worin er auch auf die Episode der „fünf Juden" zu sprechen kommt. Er sagt: Das einzige, worüber man lachte, war die Gruppe der fünf Juden. Diese Episode ist aber auch eine Glanzleistung, hauptsächlich der Regie, aber nicht der Regie allein, sondern auch des Tondichters. Ehe die Juden auftreten, kündigt ein Gepolter und ein Geschnatter sie an, jener besondere hochtönige, schreiende Lärm, den man sprichwörtlich einer Judenschule zuschreibt und den man in der Stunde des regsten Geschäftes an der Börse hört. Dann stürzen die fünf Gestalten gleichzeitig wie losgeschossen heraus und singen eine näselnde, meckernde Weise, die etwas vom Singsang eines polnischen Synagogenvorbeters und vom alten Straßenruf eines Altkleiderhändlers an sich hat. Das hat Richard Strauß gut gemacht, so gut, daß Graf Pückler-Klein-Tschirne ihn an sein Herz drücken würde, wenn er ihm in den Wurf käme. Er hat das Judentum in der Musik tonmalend darstellen wollen, und es ist ihm trefflich gelungen, wie alles, was ein begabter Mann mit ganzem Herzen unternimmt. Die Regie hat dann das weitere im Sinne der Straußschen Musik besorgt. Die fünf Juden haben krumme Nasen und dünne Zweispitzbärte. Sie gehen krummbeinig und plattfüßig. Sie wackeln und wiegen den Kopf, und ziehen die Schultern hoch, und fuchteln mit den Armen und gabeln mit den Fingern und klumpen sich zusammen und runzeln die Stirn und wölben die Lippen und mauscheln mit jeder Faser ihres Leibes, ihres Gesichtes ihrer Kleidung. Denn sie tragen, damit die Wahrheit vollständig sei, die lächerliche hohe Mütze des Eunuchen der „Entführung aus dem Serail" und den schlumpenden, flatternden Kaftan der ehemaligen Salzgrieslungerer. Mit einem Worte : Herrenfeld-Theater im Tragödienrahmen. „Heymann Levy auf der Alm" zwischen Herodes und dem Täufer. Habe ich erwähnt, daß die feinen Jüdinnen, wie in Berlin, so in Paris, von der „Salome" bis zur Bewußtlosigkeit begeistert waren? Wie auch nicht, nach der Fünf- Juden-Episode! So schön sie ist, habe ich doch einige Bedenken gegen sie. Wenn ich Josephus Flavius glauben darf, waren die Juden des herodischen Zeitalters keine karikaturalen Possenfiguren, sondern furchtbare Krieger, die den ersten Soldaten der Welt schwüle Stunden bereiteten. Titus lachte nicht über sie. Er kannte eben St. Houston Chamberlain noch nicht. Modern gebildete Männer wissen es besser. Und Richard Strauß, sein Regisseur, seine Judenquintettdarsteller sind modern gebildete Männer. NACHRICHTEN Das Märchen der entführten Generalstochter Aus Sophia wird berichtet: Mehrere Tagesblätter veröffentlichen die Geschichte der angeblichen Entführung eines Mädchens durch Juden, um während der griechischen Passionswoche Stimmung gegen die Juden zu machen. Diesem neu aufgewärmten Blutmärchen zufolge war zwei Tage vorher das zehnjährige Töchterchen eines Generals des Kriegsministeriums vom Elternhause, vor dem es mit einem Nachbarskinde Verstecken gespielt hatte, „verschwunden". Das Mädchen war aber nach einigen Stunden selbst zurückgekehrt und erzählte hierauf folgende Räubergeschichte: Als sie beim Spiele gerade verbundene Augen hatte, hätten sie zwei jüdische Trödler fortgeschleppt und durch verschiedene entlegene Gassen geführt. Vor einem verfallenen Hause seien aber die Trödler von zwei uniformierten Männern angehalten worden. Die Trödler seien fortgelaufen. Die „uniformierten Männer — ob es Schutzleute oder Soldaten waren, kann das zehnjährige Mädchen, obwohl es ein Generalstöchterchen ist, nicht angeben — übergaben hierauf das „entführte" Kind einem Passanten, der es wieder einige Straßen vor dem Elternhause verlassen haben soll. Im Elternhause eingetroffen, erzählte das Kind diese sinnlose Geschichte, welcher der Vater, der gleichzeitig General ist, Glauben schenkte. Er brachte das Märchen in die Zeitungen und allarmierte die Polizei, die zwar bis heute die mysteriösen Uniformierten und den mysteriöseren Passanten nicht eruieren konnte, aber unter zwanzig zu stände gebrachten jüdischen Trödlern einen verhaftete, weil das phantasievolle Generalstöchterchen beim Polizeikommissariat diesen als einen der Entführer bezeichnete. So wurde die Stimmung gegen die Juden gemacht, und die Polizei unternimmt nichts, um die Gemüter zu beruhigen. Die Judenfrage in der russischen Duma Auf Grund der Nachricht, daß die „Dumakommission für Angelegenheiten der Religionsfreiheit" beschlossen habe, der Duma ein Projekt der Abschaffung aller die Juden betreffenden Gesetzesbeschränkungen vorzulegen, ging aus Regierungskreisen der K.-D.-Partei die Mitteilung zu, daß die Aufrollung der Judenfrage zur Auflösung der Duma führen könne. Trotzdem haben die Kadetten beschlossen, die Judenfrage gleich nach der Ferienwoche auf die Tagesordnung zu bringen. Die Polnische Demokratische Partei und die Judenfrage In den Kreisen der Polnischen Demokratischen Partei befaßt man sich gegenwärtig sehr eingehend mit der Judenfrage. Die Hauptprinzipien sind bereits ausgearbeitet worden, doch haben sich die Ansichten noch nicht genügend kristallisiert. Man brachte eine ganze Reihe von Referaten, welche die Ansichten verschiedener Gruppen oder hervorragender Persönlichkeiten widerspiegeln und stellte sie zur Diskussion. Als erstes Referat publiziert nun das Zeitungsorgan der „Progressiven Demokratie" die „Nowa Gazeta", das der progressiven Kreise der Stadt Radom. In diesem Referate wird folgendes gesagt: Wir gehen vom folgenden Standpunkte aus: „Die Juden in Polen bilden zweifellos eine besondere Nationalität, die nur kein eigenes historisches Territorium besitzt. Als Nationalität sind sie ein historisches und soziales Produkt der speziellen Bedingungen, unter welchen sie seit Jahrhunderten in Polen gelebt haben. Die Europäischmachung der Juden durch ein zwangloses Polonisieren bildet eine unumgängliche Notwendigkeit, weil die Pflege der jüdischen Besonderheiten und ihres nationalen Bewußtseins, durch die Sicherung der Gesamtheit ihrer nationalen Eigenschaften, den Prinzipien des Evolutionsgedankens widerspricht, welcher die Voraussetzung aller progressiven Programme bildet. Das endgültige Ziel der jüdischen Entwicklung im polnischen Milieu bildet ihre Assimilation. Wir meinen, daß den Juden nicht nur die Gleichberechtigung, sondern auch die Anerkennung der Rechte der nationalen Minderheiten zuerteilt werden müssen, und zwar auf dem Gebiete der Elementarbildung. In den für Juden begründeten Schulen muß der Unterricht im Einverständnis mit der Gemeinde in jüdischer Sprache erteilt werden, doch unter der Bedingung, daß 1. der Unterricht in der polnischen Sprache und in der Geschichte und Geographie Polens obligatorisch und 2. die Sprache der Gerichte und der Administration die polnische sei. Es muß aber ein Dolmetscherdienst für diejenigen Juden eingerichtet werden, die die polnische Sprache nicht beherrschen. Nur die Erziehung der neuen jüdischen Geschlechter im Geiste . der Gleichberechtigung kann zum allmählichen Verschwinden der jüdischen Besonderheiten und zur Solidarität mit der polnischen Bevölkerung führen." Zur Wahl in Wien=Leopoldstadt Es wird uns berichtet: Die beiden „offiziellen" Kandidaten Dr. Ofner und der Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Kohn haben nebst einem Sozialdemokraten ihre Kandidatur aufrechterhalten. Damit sind, obwohl die Kandidatur Dr. Schalits mit großer Sympathie aufgenommen wurde, seine Chancen sehr verringert worden, da die allgemeine Stimmung angesichts der Gefahr, daß eine große Stimmenzersplitterung dem christlich-sozialen Bewerber zugute kommen könnte, immer mehr dafür war, daß eine Konzentrierung auf eine Kandidatur stattfinde. Da Dr. Ofner von deutsch-fortschrittlicher Seite am kräftigsten unterstützt wird und seine langjährige parlamentarische Erfahrung ein die Wähler bestechendes Argument ist, dürfte er gewählt werden, zumindest in die sichere Stichwahl mit dem Christlichsozialen kommen. Dessenungeachtet wird, zumal der Verlust des Mandats an die Christlichsozialen jetzt ganz ausgeschlossen erscheint, die Kandidatur Dr. Schalits als Zählkandidatur aufrechterhalten werden. Wie uns vor Schluß des Blattes telegraphiert wird, kommt Dr. Ofner in Stichwahl mit dem Christlichsozialen. Seine endgiltige Wahl ist vollständig gesichert. Auf Dr. Schalit wurden ca. 550 Stimmen abgegeben.