Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE SEE LT Genf. Der Zionistenverein Th. Herzl in Genf hat ein Theaterstück „Der jüdische Magnat" im Cercle Israelite, zugunsten der Opfer in Rumänien aufgeführt. Das materielle Resultat war nicht so glänzend, wie wir in Anbetracht der großen Anstrengung der Aufführer erwarteten, denen wir unsern besten Dank ausdrücken. Reinnutzen waren Fr. 160, welcher Betrag Herrn Großrabbiner Wertheimer zur Versendung an die Alliance Israelite übergeben wurde. England Im Gegensatze zu den Gerüchten, die über den Niedergang des Zionismus in Leeds ausgesprengt worden sind, ist festzustellen, daß die Bewegung dort niemals stärker war als jetzt, wo drei Vereine, Zionistischer Frauenverein, Agudas Hazionim und B'nei Zion, mit Eifer und Anstrengung für unsere Sache tätig sind. Schon Ende April waren mehr Schekel verkauft als im Vorjahre, und der Vertrieb wird insbesondere von dem Frauenverein nachdrücklichst fortgesetzt. Bekanntlich hat Herr Moser den Zionisten in Leeds eine große Summe zur Verfügung gestellt, um den Bau und die Einrichtung eines eigenen Hauses zu ermöglichen. Der Bau ist jetzt im Gange, und es ist zu erwarten, daß nach Vollendung der Halle der Zionismus in Leeds noch bedeutender werden wird, als er jetzt schon ist. In der letzten Sitzung des Exekutivkomitees wurde seitens des Herrn Co wen ein Bericht über die Tagung des Großen A. C. erstattet. Die Verlängerung des Wahltermins wurde mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen. Mr. Bentwich berichtete über die Tätigkeit des Palästinakomitees, das schon sehr viel Ersprießliches geleistet hat. Eine besonders rege Agitation wird für den Herzlwald entfaltet. Die halbjährliche Zentralkonferenz wird im Juli stattfinden. Der Hon. Secretary berichtete über die Eindrücke, die er auf seiner Inspektionsreise in Sheffield und Cardiff gewonnen hat. In beiden Städten ist die Bewegung in kräftigem Vorwärtsschreiten begriffen. Holland Für die Kongreßwahlen ist unser Land in drei Wahlbezirke eingeteilt: Amsterdam-Hilversurn, Haag-Amersfoort-Haarlem-Leiden- Utrecht-Rotterdam und Coevorden-Deventer-Grafschap-Arnhem- Groningen-Twente. Für jeden Distrikt ist ein Wahlbureau eingesetzt, das aus drei Mitgliedern, darunter einem Mitgliede des Vorstandes, besteht. Der Vorstand versendet Stimmzettel so, daß sie rechtzeitig in die Hände der Stimmberechtigten gelangen. Die Stimmzettel werden an die Wähler durch die Schriftführer der Ortsgruppen ausgegeben. Die Wähler füllen die Stimmzettel aus und schicken sie verschlossen an die darauf angegebene Adresse. Die Öffnung der Stimmzettel geschieht durch die Wahlbureaus. In Zw olle fand am Sonntag, 28. April, eine große Propaganda- Versammlung statt, die einen guten Erfolg hatte. Es ist Aussicht vorhanden, daß sich dort eine Ortsgruppe bildet. Die Ortsgruppe Utrecht hielt am gleichen Tage eine gutbesuchte Mitgliederversammlung ab. Deutschland Köln. Eine außergewöhnlich schöne Feier war das 5jährige Stiftungsfest des Jüdischen Turnvereins zu Köln, das dieser am Mittwoch den 1. Mai im großen Saale der Lesegesellschaft beging. Der Saal war dichtgefüllt, zum ersten male waren auch Vertreter der Kultusgemeinde erschienen und legten durch ihre Anwesenheit Zeugnis ab von der Achtung, die sich der Verein in 5 jähriger Arbeit errungen hat. Die Festrede hielt Herr Theobald Scholem, der Vorsitzende der Jüdischen Turnerschaft aus Berlin, der eigens nach Köln gekommen war, den Bruderverein zu begrüßen. Die turnerischen Darbietungen unter der ausgezeichneten Leitung des Herrn Heinrich Meyer fanden stürmischen Beifall, und auch die zu dem Stiftungsfeste von einem Mitgliede des Vereins verfaßte Operette „Turnen ist keine Sünd", die in ansprechender Form eine Verspottung des überlebten Angstmeierjudentums und eine Verherrlichung der Tendenzen des Jüdischen Turnvereins brachte, gefiel sehr. Den Schluß des wohlgelungenen Festes bildete eine Verlosung und der obligate Ball. Oberhausen. Am Dienstag den 30. April hielt auf Veranlassung des zionistischen Distriktskomitees Rheinland Herr Dr. Friedemann- Wiesbaden im hiesigen Literaturverein einen Vortrag über „Die Zukunft des Judentums". Das ausgezeichnete Referat wurde allseitig mit lebhaftem Beifall aufgenommen, die anschließende Diskussion wirkte aufklärend und überzeugend. Mehrere Anwesende haben sich bereit erklärt, einer evtl. zu gründenden Ortsgruppe beizutreten, die hoffentlich vor dem nächsten Winter ins Leben gerufen werden wird. 17 Österreich Olmütz. „Die Wohltätigkeitsakademie, die der hiesige Verein „Zion" zugunsten der geplünderten rumänischen Stammesbrüder am 13. April 1. J. veranstaltete, nahm einen sehr würdigen und schönen Verlauf. Die Leistungen sämtlicher Mitwirkenden: Herr Herz, Herr Piek, Frl. Flora Herz, Frl. Ilka Rappaport waren durchaus gediegen und erzielten große Wirkung. Die Verwaltung ergab ein Reinerträgnis von K. 1900.—, welches dem obgedachten Zwecke zugeführt wurde." Kim polung. Bei der am Sonntag den 14. April 1. J., stattgehabten II. ordentlichen Generalversammlung des jüdisch-nationalen Vereins junger Juden, „Theodor Herzl", wurden folgende Herren in den Ausschuß gewählt: Präses: Dr. Niederhoffer; Vizepräses: cand. iur. Friedrich Pichler; Kassierer: Hermann Jawetz; Bibliothekar: Israel Siegel; Schriftführer: Phöbus Glückstern; ohne Funktion: Julius Kreindler, Samuel Terner, Abraham Tanner, Jonas Gartenlaub, Abraham Klein, Abraham Schieber und Chaim Sobe. Als Revisoren fungieren die Mitglieder: Alphonse Storfer und Berl Tanner. NOTIZEN ^^^J Boris Brandt Einer der letzten Mohikaner der Aufklärungsperiode der 60er Jahre in Rußland: Hebraist, Bildungspionier, mit dem Herzen im Ghetto, mit dem Kopfe in der russischen Beamtenresidenz. Er hatte den mühseligen Weg vom Talmudjünger bis zum russischen Staats¬ und Mitglied des Gelehrtenkomitees des Finanzministeriums zurückgelegt — eine Herkulesarbeit. Und er war physisch klein, schwach — ein Krüppel. Aber er hatte einen „guten" Kopf, und die klugen, jüdischen Augen drangen in die tiefsten Tiefen der russischen Bureaukratie." Boris Brandt war mehr als ein Aufklärungsjude — er war durch und durch national. Er las und schrieb Hebräisch, Jargon, er sprach auch sein Russisch in jüdischem Gemütston; er „goisierte" nicht, verbarg nicht sein Bet-Hamidraschwesen, und dies schadete ihm nicht in seiner Karriere. Im Gegenteil: man schätzte Boris Brandt in christlichen Kreisen umsomehr. Er hatte einen hellen Kopf und ein gutes, jüdisches Herz. Seine zahlreichen Bücher, Aufsätze, Referate über ökonomische Fragen sind Musterstücke von gesundem Urteil und scharfer Logik. Seine Abhandlungen über jüdische Angelegenheiten sind echt-jüdisch; sie haben Thorageruch.*) Er hat es in seiner Karriere weiter als viele seiner Genossen gebracht und war trotzdem bescheidener und jüdischer als sie. Es gibt leider im russischen Judentum schlechte — und mehr noch törichte — Söhne, die sich ihrer einfachen Eltern schämen. Wären sie ein wenig klüger, dann würden sie sich sagen, daß es ein größeres Verdienst ist, aus der Tiefe zu des Lebens Höhen emporgestiegen zu sein, als bereits auf der Höhe geboren zu werden; sie würden sich ihrer bescheidenen Herkunft rühmen. Hätten sie Herz, so würden sie sich ihrer Herkunft weder rühmen noch schämen, sie würden die Tatsache hinnehmen, wie jede andere unabänderliche Tatsache, die viel gemeinschaftliches Leid, aber auch viel gemeinschaftliche Freude gebracht hat; im übrigen aber würden sie ihre Angehörigen lieben und ehren. Aber Kopf und Herz sind Dinge, die nicht jedermann verliehen sind. Und so ist es Tatsache, daß es intellektuelle Emporkömmlinge im russischen Judentum gibt, die der Welt „das häßliche und lächerliche Schauspiel" darbieten, daß sie die auf geringerer sozialer Stufe stehenden Angehörigen verleugnen, bestenfalls protektionistisch behandeln. Brandt war in dieser Beziehung eine Ausnahme. Er war es, weil er national, d. h. wahr war. Sein Leben, sein Haus, sein Ideenkreis waren jüdisch. Er hatte sich auch einige Zeit an der zionistischen Bewegung beteiligt. Seine letzten Jahre waren körperliche und seelische Leidensjahre. Eine lange, hartnäckige Krankheit nagte an seinem schwachen, von schwerer Arbeit ermatteten Organismus ~~ und die Ereignisse der Revolution erschütterten das innere Gleichgewicht seiner sozialen Stellung. So wurde dieser selten begabte Mann in seinen besten Jahren — er war noch nicht 50 Jahre alt — fern von den Seinigen, in Charlottenburg, dahingerafft. Ehre seinem Andenken! N. S. *) Wir mochten bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß der von tiefem jüdischem Gemüt getragene „Mahnruf eines russischen Juden" in Nr. 3 der „Welt" von 1906 und „Ost und West", Januar 1906) von Brandt herrührte, der damit vor der Brüsseler Konferenz die öffentliche Aufmerksamkeit auf das russische Problem hinlenken wollte. Tatsächlich hat auch dieser Artikel in der Presse große Beachtung gefunden. Anm. d. Red.