Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-05-17 · 20 (17.5.1907) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316263--49311-3344243
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 20 DIE] Wahlen in Galizien (Von unserm Korrespondenten.) „Galizische" Wahlen sind in ganz Europa sprichwörtlich geworden. Nach jeder Wahl erfährt man die nettesten Dinge über galizische Verwaltungspraxis und Wahlmache, Dinge, die man in dem Kronlande eines Rechtsstaates für unmöglich halten würde. Auch diesmal ziehen die Behörden in Galizien das ganze, schier unerschöpfliche Register skrupellosester Wahlpraktiken auf. Der gewesene sozialdemokratische Abgeordnete Daszynski hat im letzten Parlament in aufsehenerregenden Reden die galizische Wirtschaft geschildert. Die jetzigen Wahlen überbieten alles, was bisher schon ungläubiges Kopfschütteln und Entrüstung hervorgerufen hat. Allerlei Schikanierungen auf dem Gebiete des Vereins- und Versammlungsrechtes spielen noch die geringste Rolle. Sie stören bloß die Agitation, verletzen das Gesetz. Plötzlich entdeckte Baufälligkeit, Feuersgefahr, Seuchengefahr und ähnliche willkürlich herausgesuchte Gründe sollen Versammlungen unmöglich machen. In Stanislau wurde sogar die Affichierung von Plakaten verboten, weil die Einberufung einer Versammlung ungesetzlich erfolgt sein soll. Der offizielle Terror arbeitet mit allen Mitteln. Sanitätspolizeiliche, gewerbe- und finanzbehördliche Revisionen sollen die oppositionellen Wähler kirre machen. Irgendein blutjunger Konzeptspraktitant aus Lemberg erscheint in einem Ort, von einem einheimischen Agitator begleitet, und arbeitet unter dessen Kommando so: Raseurläden müssen gesperrt werden, weil — die Messer nicht rein sind; Besitzer von Bäckerstuben werden mit empfindlichen Geldstrafen belegt, weil — vor der Geschäftstiir ein Türeisen zum Putzen der Schuhe fehlt; Häuser in gutem Bauzustande werden als sanitätswidrig und baufällig bezeichnet, Und so geht es fort. Die Wähler werden systematisch eingeschüchtert. Nicht nur die jüdischen Oppositionellen, sondern alle Parteien, die gegen die Schlachta im erbitterten Wahlkampfe stehen. Obwohl die Zentralregierung erfahrungsgemäß zur Besserung solcher schmachvoller Verhältnisse wenig beitragen kann, weil man sie und ihre Aufträge einfach unbeachtet läßt, ist der Plan aufgetaucht, eine Abordnung aus allen Parteien und Wahlkreisen nach Wien zu entsenden. Die polnische Volkspartei, die unabhängigen Polen, Ruthenen und Zionisten kamen in Betracht. Die Ausführung des Planes, für die die Intervention Dr. Isidor Schalits in Anspruch genommen wurde, scheiterte daran, daß wegen der Kürze der Zeit und der Wahlarbeiten in Galizien eine Vertretung aller Wahlkreise nicht möglich war. Die Deputation, die am 11. Mai unter Führung Dr. Schalits beim Minister des Innern, Freiherrn von Bienerth, vorsprach, bestand aus Vertretern der oppositionellen Parteien in Stanislau, Buczacz, Lemberg. Dr. Schalit stellte die Herren dem Minister vor und entwickelte ein allgemeines Bild über die Wahlkämpfe in Galizien. Dr. Birnbaum ergänzte den Bericht durch Details aus seinem Wahlbezirke, ebenso Dr. Laufer, der namens des vereinigten Komitees zum Schutze der Wahlfreiheit (Stanislau) sprach. Freiherr von Bienerth versprach, die Beschwerden zu untersuchen, Erhebungen pflegen zu lassen und sofort alle notwendigen Schritte zum Schutze der Wahlfreiheit zu unternehmen. Die Antwort war sicherlich gut gemeint. Kein österreichischer Minister des Innern kann auf Klagen über das galizische Wahlsystem anders erwidern. Aber uns scheint, seine Macht hört an den Grenzen Galiziens auf. Im Paschalik des Lemberger Statthalters haben zivilisierte Beamte mit europäischen Manieren und Verwaltungsgrundsätzen nichts dreinzureden. Man berichtet ferner aus Lemberg: Eine in Lemberg von den oppositionellen demokratischen Parteien, ferner von der polnischen Volkspartei, den Sozialdemokraten und Zionisten, sowie deren Kandidaten unterVorsitz des gewesenen Abgeordneten Dr. Roszkowski abgehaltene Protestversammlung hat eine Resolution des Inhalts angenommen, daß man die im polnischen Nationalrate vereinigten Parteien und politischen Gruppen für die antinationalen und freiheitswidrigen Wahlmißbräuche, sowie die zahlreichen Rechtsverletzungen in vielen galizischen Wahlbezirken moralisch verantwortlich mache und daß man diejenigen Kandidaten, welche sich gewisser, die Nationalehre verletzender Wahlpraktiken schuldig machen, als des Vertrauens und des Abgeordnetenmandats unwürdig erachte. * * * Was die jüdisch-nationale Wahlbewegung in Galizien und der Bukowina betrifft, so beweisen uns viele Zuschriften und Blätterstimmen, daß in jüdisch-nationalen Kreisen mit außerordentlicher Energie und Begeisterung gearbeitet wird und der Anhang der nationalen Partei in der jüdischen Bevölkerung täglich wächst. Das endgiltige Ergebnis der galizischen Hauptwahlen, die nächste Woche stattfinden, ist natürlich noch von anderen (den spezifischgalizischen!) Faktoren abhängig als von der Einmütigkeit der jüdischen ftELT 7- --19 Bevölkerung. Endlich kommt es, da häufig Stichwahlen nötig sein werden, vielfach auch auf das Verhalten anderer Parteien zu den Jüdisch-Nationalen an. Die Aufnahme, die insbesondere die Kandidaturen Stand, Braude, Malz, Schmelkes, Salz und Birnbaum fanden, war eine enthusiastische. Einige kurze Berichte lassen wir hier folgen: Stanislau. In einer Wählerversammlung, in der 3000 jüdische Wähler anwesend waren, wurde die Kandidatur des jüdischnationalen Dr. Braude einstimmig angenommen. Diese Nachricht bestätigt auch ein Bericht der Wiener „Zeit". Das Organ der Allpolen in Lemberg „Slowo polskie" berichtet: Eine ungeheure Zahl von Zionisten wird für Dr. Salz stimmen. Der Kandidat des „polnischen Nationalrates" wird sicher durchfallen. Der Jüdisch-Nationale Dr. Salz wird bestimmt mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommen. Sonntag, den 5. Mai hielt Herr Adolf Stand in Brody seine Kandidatenrede. Er wurde von einer mehr als tatisendköpfigen Menge enthusiastisch begrüßt und seine Kandidatur für den Reichsrat wurde unter stürmischen Ovationen für ihn einstimmig angenommen. * * * Wie uns bei Schluß des Blattes telegraphisch mitgeteilt wird, ist von den zwei Kandidaten der Jüdischen Nationalpartei in der Bukowina der bewährte Vorkämpfer für unsere Sache, Dr. Benno Straucher, bereits im ersten Wahlgang in Czernowitz (Ost) gewählt worden, während Inspektor N. Wender in Czernowitz (West) in gesicherte Stichwahl kommt Endlich erhalten wir gleichfalls telegraphisch die Meldung, daß unser Gesinnungsgenosse Privatdozent Dr. Mahl er (aus Prag), dessen Kandidatur im Landgemeindebezirk Trembowla-Czortkow in letzter Stunde aufgestellt wurde, mit dem Kandidaten der All polen in Stichwahl kommt. III. Jüdischer Turntag Zu Pfingsten dieses Jahres findet in Wien der III. Jüdische Turntag des Verbandes der Jüdischen Turnvereine statt. Aus diesem Anlasse wird das erste Verbandsschauturnen der Jüdischen Turnerschaft Montag den 20. Mai 1. J., 12 9 Uhr abends, im Arbeiterheim X Laxenburgerstraße 8 — 10 abgehalten. Ihre Teilnahme an demselben haben außer den Wiener Vereinen die jüdischen Turnvereine von Berlin, Bielietz, Cöln, Constantinopel, Graz, M. Ostrau, Posen, Prag, Proßnitz und Samter angemeldet. Berichtigung In der in der letzten Nummer veröffentlichen Bilanz der Anglo- Palestine-Company sind auf der Aktivaseite des Bilanzkontos von dem Posten „Debitoren" ab bis zu dem Posten „Landkäufe exkl.", die Zahlen um eine Zeile tiefer zu setzen. In dem unter str eng ri tu el ler Aufsi c ht stellenden „Israelitischen Kinderhospitz Duhnen" bei Cuxhaven an der Nordsee, beginnen die vierwöchentlichen Kurperioden anfangs Juni. Die unter fachmännischer Leitung und ärztlicher Aufsicht stehende Anstalt erfreut sich in weitesten Kreisen eines ausgezeichneten Rufes. Näheres siehe im Anzeigenteile. Einige ärztliche Urteile über „Tutulin". Dr. Max Silber, Breslau XIII, Kaiser Wilhelmstr. 18: Die kleine mir zugesandte Probe „Tutulin44 habe ich in einem geeigneten Falle probiert und glaube, in dem Nährmittel ein beachtenswertes Präparat vor mir zu haben, __ Dr.Barth, prakt. Arzt und Kinderarzt, Baden-Baden: Bitte um einige Kartons „Tutulin" in Qratissendung zu Versuchszwecken, da mir die seiner Zeit übermachte Probesendung namentlich auch bezüglich des Geschmackes sehr konvenierte, so daß ich glaube in Zukunft von dem Eiweißpräparat ausgedehnten Gebrauch in meiner Praxis zu machen. Dr. Wittgenstein, Spezialarzt für Nerven- und Darmleiden in Kassel: Ich teile Ihnen ergebenst mit, daß ich das mir zu Versuchszwecken iiberlasscne Quantum „Tutulin44 in einem Falle mit dem Erfolg angewandt habe, daß die Patientin in 14 Tagen ein paar Pfund zunahm, Dr. Fried r. Hissbach, prakt. Arzt, Leipzig, im Sommer :B ad Ne u e n a h r, Spezialarzt für Zuckerkranke: Indem ich auf vielseitigen Wunsch meiner Patienten der diätetischen Küche eine eingehende Berücksichtigung zolle, kann ich auch mit gutem Gewissen Ihr Pflanzeneiweißpräparat „Tutulin*4 empfehlen. Generaloberarzt Wegelin, Stuttgart: Das Sanitätsamt hat unterm 8. 9. crt. Nr. 3088 angeordnet, daß „Tutulin44 im Bedarfsfall als Stärkungsmittel verordnet werden kann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.