Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinde und die sonstigen „feinen Juden" — eine feierliche, würdevolle Versammlung. Schajke läßt auf sich lange warten. Das Publikum wird schon fast ungeduldig. Endlich kommt er — ernst, gemessenen Schrittes. Er wird von allen Seiten bestürmt, daß er endlich sage, worin sein Rat bestehe. Er beginnt langsam, gravitätisch eine Rede zu halten, und meint, man müsse eine Bittschrift an den Kaiser richten. Die Versammelten, die immer noch nicht ganz vorn Ernst Schajkes überzeug^ waren, geraten in Entrüstung: „Deswegen hast Du uns hergerufen? Das wußten wir ja auch ohne dich?" — „Na, es gibt Bittschriften und Bittschriften, wie man das Blatt wendet. Ihr habt nicht gut geschrieben. Ich werde euch zeigen, wie man schreiben muß". Auf seinen Wunsch setzt sich der Gemeindeschreiber an einen eigenen Tisch, spitzt den Gänsekiel, macht große Vorbereitungen und bereitet sich auf Schajkes Diktat vor. Dieser wandelt sinnend feierlich auf und ab, die Augen aller auf sich gerichtet. Schließlich beginnt er mit feierlicher Stimme, die Silben langsam ziehend, zu diktieren: „Herr Kaiser! Du hast befohlen, daß Juden keine Käppchen tragen dürfen. Es ist aber ein Gebot, das wir nicht ertragen können — denn wie können Juden keine Käppchen tragen — wenn sie ja — „Parche" (Grind) haben!" Sagte es und schwieg. Tableau! Um also diesen Witz zu machen, mußte Schajke eine ganze Situation schaffen, ein besonderes Milieu. Einfach ein Spottwort zu sagen, — das genügte ihm nicht. Ein Wort an sich hat keinen dauernden Wert. Er mußte das Wort zur Spitze einer ganzen Reihe von witzigen Konstruktionen machen, und darum gewinnt es einen überwältigend-komischen Charakter. Er ist der Typus des trockenen Witzes des Talmudjuden. Anders geartet ist der Witzling der westrussischen Judenschaft — Herschel Ostropoljer. In meiner Kindheit habe ich ein kleines, auf schlechtes graues Papier gedrucktes Büchlein gelesen, eine Sammlung der Witze von Herschel Ostropoljer. In langen Winternächten saßen wir, und irgend ein erzählungslustiger Jude erzählte uns abenteuerliche Geschichten und mutwillige, drollige Einfälle, — und alle wurden dem Volksliebling Herschel in die Schuhe geschoben. Herschel ist der jüdische Boh6mien. Kein Ausgeschiedener, mit der Gesellschaft Entzweiter. Im Gegenteil, — ein Bürger, ein „Balbos" wie die anderen. Nur ist bei ihm alles im Leben karikiert. Die meisten Juden sind arm, Herschels Armut ist jedoch mit so vielen humoristischen, lachenerregenden Zügen ausgeschmückt, daß sie schon an sich ein Witz wird. Alle Juden hatten zungengeläufige, oft sehr verbitterte Frauen, denen die ganze Last des Verdienens — und des Haushaltes aufgebürdet war, Herschels Frau wrar in ihrer Xantippenhaftigkeit eine humoristische Erscheinung. Herschel war mutwillig, schlagfertig, übersprudelnd. Er liebte tolle Streiche, er hatte seine Freude, wenn es ihm gelang, einen Reichen zu übertrumpfen und ihn lächerlich zu machen. Er spielte oft auch dem lieben Herrgott einen Schabernack. Er war in religiösen Fragen ziemlich frei und richtete seine Pfeile oft gegen die Frömmlinge. So erzählte man z. B. folgenden Witz: Herschel war ein Liebling eines der unmittelbarsten Schüler des Bal-Schem, Reb Boruch aus Miedzyborz. Er lebte fast immer an dessen „Hofe". Der fromme und tiefernste Rebbe, der jedoch im Geiste des Urchassidismus das jüdische Leben von seiner Schwere und Buchstabengläubigkeit befreien wollte, war dem ulkigen und schalkhaften Herschel hold. Einmal entfernte sich der Rabbi für eine Stunde aus seinem Zimmer und ließ Herschel Wache halten. Herschel benutzte die Gelegenheit, zog den „Spodek" (Pelzmütze) des Rebbe an, setzte sich auf den Stuhl des Rebbe und harrte der kommenden Dinge. Bald darauf kam ein junger Mann, der in einer Gewissensfrage vom Rebbe die Lösung und Erlösung erhoffte. In der Meinung, Herschel sei der Rebbe, erzählte er ihm, er habe ein junges Weib gesehen, sei mit ihm zufällig in einem Räume gewesen und habe im Geiste ein sündiges Verlangen gehabt. „Und hast du sie geküßt", fragte der Pseudo-Rebbe. „Nein", — beeilte sich der junge Mann zu antworten .... „Dann gut, du sollst während dreier Tage Stroh kauen ..." Als dieses Mittel half und der beruhigte junge Mann dem Rebbe danken wollte, traf er zu seinem Erstaunen diesmal den wirklichen Rebbe, dem er den Sachverhalt erzählte. Der Rebbe verstand sofort, daß es ein Scherz Herschels war und fragte diesen, wrarum er dem jungen Manne das Strohkauen angeordnet habe. „Da er küssen konnte und es nicht tat, — so ist er ein Ochs, und ein Ochs muß Stroh kauen . . ." Der Rebbe lachte aus vollem Herzen. Herschel ist die lachende Wahrheit, ein Protest des gesunden Menschenverstandes, der jüdischen Lebenslust gegen die Verballhornisierung des Lebens . . . Schajke Faifer und Herschel Ostropoljer sind aus der Fülle der jüdischen - klassischen Spaßmacher nur zufällig herausgewählt. Sie sind am längsten im Gedächtnis des Volkes als Schöpfer des Witzes geblieben. Diese Gattung ist nicht ausgestorben. Täglich, stündlich werden neue Witze, echt-jüdische geschaffen, aber ohne die epische Breite, ohne die ureigne Nuance, die dem alt-jüdischen Witze eigen war. Dafür aber tritt ein neuer Typus der Witzlinge in die Erscheinung — der Nacherzähler, der Darsteller, ein Typus, den die Juden bis zur Vollkommenheit herausgebildet haben. Dieser Erscheinung werde ich ein eigenes Kapitel widmen. ~ A, Cor. AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o IE o o o o o o Unser Gesinnungsgenosse Dr. Sch. Levin reist dieser Tage nach Palästina, um sich dort eingehenden Studien auf dem Gebiete des Bildungswesens zu widmen. In seiner Begleitung reist Herr Agronom Treidel, der vom Direktorium des Nationalfonds mit speziell-fachlichen Aufträgen betraut ist. In der kommenden Woche wird ferner Herr Dr. Arthur Ruppin seine Reise nach Palästina antreten, der, wie bereits gemeldet, mit der Untersuchung, bezw. Erledigung einer Reihe von palästinensischen Angelegenheiten vom A. C. und dem Direktorium des Nationalfonds beauftragt worden ist. Schweiz Basel. Der diesjährige Schweiz. Zionisten-Delegiertentag findet wieder, wie in den beiden letzten Jahren, in Basel statt. — Die Delegiertenwahlen der Zionistischen Vereinigung Basel gingen am letzten Samstagabend im „Helm" vor sich. Zum Schweiz. Zionistentag wurden abgeordnet die Herren: Moritz Levy, J. J. Weil, Arthur Zivy und Jules Levaillant. Basel: Sonntag, den 21. April fand ein von der Zionistischen Vereinigung Basel arrangierter Vortrag im Saale der Basel- Loge statt. Eine große Zuhörerschaft hatte sich eingefunden, die sich jedoch in Anbetracht des bekannten Referenten, Herrn Prof. Dr. K. Furrer aus Zürich und im Hinblick auf das interessante Thema: „Die Zukunft Palästinas" leicht erklären läßt. Kein Volk, so begann der Referent, hat eine so große Liebe für sein Vaterland gezeigt, wie Israel für Palästina. Während Jahrhunderte des Unglücks und der Verfolgung hat dieses Volk auch keinen Augenblick in der Sehnsucht und in der Anhänglichkeit an das alte Vaterland gewankt. Wir bewundern dies Volk, das einen so großen Idealismus besitzt. Ist diese Sehnsucht aber nur ein schönes Ideal, das zu verwirklichen unmöglich wäre? Nein. Zielbewußte unabhängige Arbeit, gepaart mit einem festen Willen, müssen zur Wiedergewinnung dieses alten Bodens, für den so viel Blut geflossen und so viele Kämpfe gekämpft worden sind, führen. Ist aber dieses Land geeignet, das jüdische Volk in seiner Mehrheit zu ernähren? Die Antwort auf diese Frage ließ der Vortragende jeden Zuhörer sich selbst geben, indem er mit dem Auditorium im Geiste eine Wanderung durch das heilige Land machte. Von Westen kommend gings durch das Küstenland nach Galiläa und Samaria, zum Herrnon und Karmel, dann galt die Betrachtung dem Land zu Füßen der Berge. Mit schlichten, aber lebendigen und frischen Worten verstand es der Referent, die Vorzüge und Schönheiten des Landes zu schildern. Alle Anwesenden fühlten sich in das einstige Vaterland versetzt und lauschten voll Andacht dem ruhigen Tone des ehrwürdigen Greises, der mit so viel Liebe vom alten Judenlande berichtete. Wie der Referent weiter ausführte, wären Palästina und die Grenzgebiete geeignet, sogar eine Bevölkerung von ca. 10 Millionen aufzunehmen und zu ernähren, so daß auch in dieser Hinsicht, Palästina das Judenland par excellence genannt werden muß. Auf friedlichem Wege solle Israel die Wiedergewinnung Palästinas anstreben. Wie einst Galiläa durch Infiltration zu einem jüdischen Zentrum wurde, wo jahrhundertelang jüdisches Leben in Blüte stand, so müsse auch jetzt ganz Palästina durch fortgesetzte, unablässige Kolonisation allmählich und ganz natürlich in den Besitz des heimatlosen jüdischen Volkes gelangen. Damit schloß der Vortrag, der mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde. —y.