Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-05-17 · 20 (17.5.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316263--49307-3344239
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

[^LEINES FEUILLETOl^j Silhouetten ii. Der Witzling „Gute Fische und gute Witze kann man nur bei Juden bekommen", das kann jeder Mensch, der sich auf körperliche und geistige Feinschmeckerei versteht, neidlos bestätigen. Manche sprechen den Juden die Kraft des dichterischen Schaffens, der großen gedanklichen Synthese ab, manche, wie Dühring, Chamberlain, erklärten den Juden für einen areligiösen Menschen, Große des Geistes und geifernde Zwerge rüttelten an dem Problem „Jude" herum — aber eines konnte keiner von ihnen den Juden absprechen, ihren Witz. Er ist vielleicht eine den Juden ausschließlich gehörende Eigenschaft. Franzosen haben ihren berühmten „esprit", Engländer ihren Humor, aber nur Juden haben Witz. Die Franzosen haben Bonmots geprägt, scharf geschliffene, glitzernde Worte und Sätze geschaffen. Ihr Witz ist nur eine feine Wendung, eine Walzertour des Gedankens. Er ist oft ein Wortwitz, ein Kalauer, das will sagen, ein Entdecken des Komischen im Ernsten durch künstliche Annäherung und Sinnesübertragung. Für sie ist der Witz eine Kulturform, die sie seit Jahrhunderten pflegen. Der spöttische Franzose liebt die Ironie, das vom Lächeln überschattete Wort. Er lacht selbst, und andere lachen lustig mit. Wenn ein Engländer einen Witz macht, so verrichtet er ein ernstes, heiliges Werk. Er bleibt ernst und ruhig, und seine Augen bleiben ausdruckslos. Und dabei attackiert er einen ganz unvermutet, packt und überwältigt einen. Der englische Humor ist kalt und temperamentlos, aber eben darum von großer Wirkung, weil er gutmütig ist und leicht grotesk wird. Aber Witz, wie wir ihn verstehen, wer kann darin mit den Juden konkurrieren? Es ist nicht einmal Witz im hergebrachten Sinne. Der jüdische Witz ist kein Wortwitz, wie es z. B. oft der deutsche ist, wodurch dieser' oft ein beleidigtes „Au!" herausfordert. Er ist nicht der brutal-zynische, ungeschlacht-erotische des Russen. Er ist eine ganz eigentümliche, vielleicht nicht genau zu definierende Geistesnüance. Ich will mich an dieser Stelle auf keine theoretischen Untersuchungen über das Wesen und die Merkmale des jüdischen Witzes einlassen. Wir werden unser Ziel eher erreichen, wenn wir anstatt Ideen Gestalten nehmen, anstatt des Textes Illustrationen. Schauen Sie sich einmal an, wie ein Deutscher oder ein Franzose oder ein Russe Witze erzählen. Dem Deutschen merkt man sofort an, daß er einen Witz erzählt. Er sagt's einem sogar gleich selbst, er bereitet seinen Hörer auf den Witz vor. Er hat nicht den Sinn für momentane Überraschung, er zeigt schon gleich im Anfang, Was er eigentlich sagen will. Und wenn der Hörer z. B. ein Jude ist, dann wird der deutsche Erzähler wohl kaum Glück haben. Die besten deutschen Witze sind gerade die, wo Einfaltspinselei und Gemütsunschuld die Schlußpointe bilden. Die berühmten Professorenwitze z. B. sind ganz deutscher Provenienz, made in Germany. Sie tragen diesen Stempel so deutlich, daß kein Irrtum möglich ist. Wenn ein Russe einen Witz erzählt, so kann man 100 gegen 1 wetten, daß es ein gemein erotischer ist. Schon die Physiognomie des Erzählers ist charakteristisch. Ich habe einmal einen alten russischen Herrn gekannt; er war Rechtsanwalt in Saratow, etwa ein Siebziger, langer, wallender, weißer Bart, weißes Haupthaar. Seine ganze Figur hatte etwas Majestätisches. Er war die Aherswürde selbst, ein König Lear, wie ihn Sonnenthal gibt. Ich ha'tte — im Blute liegende, ererbte Tradition - - Ehrfurcht vor diesem weisen Alter. Einmal trafen wir in einem Cafe zusammen. Wir redeten über dies und jenes. Trotz seiner siebzig Jahre hat der Alte noch nicht die Höhe der Lebensweisheit erklommen, aber dennoch reizte mich der weit in die Vergangenheit zurückschauende innere Blick, das Verständnis für Wandlungen, das allen Greisen eigen ist. Unvermutet aber lenkte mein König Lear das Gespräch auf ein leichteres Gebiet ab — und, kaum daß ich mich dessen versah, war er auf seinem eigenen Gebiet, auf dem der Witze und Anekdoten. Wer den Alten damals gesehen hätte — er hätte ihn nicht erkannt. Seine Witze waren natürlich echt-russische, also erotische, grob-sinnliche. Die Augen, diese Augen, die mir wie ausgelöschte Fackeln einer ausgelebten Nacht erschienen, funkelten jetzt, wurden so ölig, so fettig, und sein Gelächter war ein Meckern. Die beiden Alten auf dem „Susannabilde" von Rubens waren nicht zynischer. Der Alte war für mich das Symbol des ganzen russischen Witzes. Er degustiert, wenn man ihm länger zuhört.. .. Sehen Sie sich aber einmal einen Juden an, wenn er Witze erzählt. Ruhig, kaltblütig, ohne den Mund zu verziehen, ohne äußere Komik erzählt er, gewöhnlich breit und behaglich. Die Erzählung läßt nicht merken, worauf er eigentlich hinaus will. Aber sie ist an und für sich interessant. Man hört, man ist gespannt — und auf einmal kommt etwas ganz Unerwartetes — und ein wahres, befreiendes Lachen geht durch die Reihen. Es gibt zwei Typen des jüdischen Witzlings: den des Schöpfers und des Virtuosen, wenn ich mich in solchen hohen Worten bei dieser nichts weniger als pathetischen Gelegenheit ausdrücken darf. Der eine ist ein witziger Kopf im Erfinden neuer Einfälle und Situationswitze, der andere ist ein Meister des Nacherzählens und der Wiedergabe. Im Volksgedächtnis haben sich die Vertreter dieser Typen, besonders des ersteren, erhalten. Ich weiß nicht, ob sich unter den westeuropäischen Juden diese Gattung Mensch in ihrer Reinkultur noch erhalten hat — früher war sie vertreten und sogar durch glänzende Exemplare; aber die meisten dieser Art sind doch unter den osteuropäischen Juden zu suchen. Da haben wir zwei, die der Volksmund noch bis auf den heutigen Tag in seinem Gedächtnis treu bewahrt hat, und diese beiden Spaßmacher sind zugleich typisch für zwei Geistesrichtungen innerhalb des östlichen Judentums. Der eine ist Schajke Faifer, der Spaßvogel von Litauen, der andere ist Herschel Ostropoljer, der Hofnarr der wolhynisch-podolischen Judenschaft. Der litauische Jude verhält sich zum wolhynischen und polnischen, wie der Verstandesmensch zum Gemütsmenschen, der Gelehrte zum Träumer, der Talmudjude zum Chassid und Kabbalisten. Der litauische Jude ist scharfsinnig, grundgescheit, starrsinnig und oft rechthaberisch. Er ist der Norddeutsche der russischen Judenschaft. Der polnisch-wolhynische ist ein Gemütsmensch. Mehr Phantasie, auch in seiner Art zu denken, — darum gingen die besten Pilpulisten, d. h. die Scholastiker des Talmudstudiums gerade aus Polen und Wolhynien hervor, während der litauische „Lamden", der Talmudgelehrte mehr geraden Verstand hatte. — Höchster Typus der „Wilnaer Gaon". Wie der litauische Jude, so sein Witzling Schajke Faifer. Er ist kein Wortwitzler. Um einen Witz zu machen, der vielleicht in einem ganz kleinen Worte bestehen wird, muß er eine ganze Situation schaffen, aus der der Witz als eine logische Notwendigkeit entspringen mußte. Und darin besteht der ungeheure Komismus der Sache. Sie fühlen, der Mensch hat in dieser Situation recht, und daß doch die Wahrheit auf den Kopf gestellt ist. Sie werden düpiert und freuen sich darüber, daß es eine solche Möglichkeit geben konnte, die Sie vielleicht gar nicht geahnt haben. Die Witze von Schajke Faifer nachzuerzählen, ist eine Kunst für sich. Es sind eben Dinge, die gehört und gesehen werden müssen. Es sind Vaudevilles im kleinen. Es ist mir nicht bekannt, daß die Witze und Einfälle Schajke Faifers gesammelt wären. Sie werden wahrscheinlich bald verloren gehen, wie so viele Schätze der jüdischen Folklore im Trubel der Zeiten verschwiuden und vergessen werden. Um die Art der Schajke Faiferschen Witze zu charakterisieren, werde ich einen seiner Einfälle, an den ich mich gerade erinnert habe, wiedergeben. Es war zur Zeit, als Nikolaus I. ein Edikt erließ, wonach den Juden das Tragen der Käppchen verboten war. Darob Aufregung und Sturm im Judentum. Das Judentum sei gefährdet, die Thora in Gefahr! Was heißt — keine Käppchen? Man versuchte alle Mittel, um das Herz des Selbstherrschers umzustimmen, aber „Gott machte hart das Herz von Pharao". Als Bittschriften und Deputationen nicht halfen, da wurde ein Fasten ausgeschrieben. Es wurde Buße getan — nichts half. So standen in den Gassen einer der litauischen Städte — der Name tut nichts zur Sache — Juden in Haufen, und man besprach eifrig und trüben Mutes die Angelegenheit. An einen dieser Menschenhaufen trat Schajke Faifer heran. Bedächtig, ernst, mit gerunzelter Stirn, die Hände im Gürtel — ganz wie es einem braven Juden in der Stunde der schweren Prüfung geziemte. Nach altiiberkommener Sitte wandte er den Kopf etwas zur Seite, spitzte ein Ohr und lauschte. Auf einmal wagte er sich hervor und sagte, er habe auch was zu sagen. Die Leute, die ihn und seine Art kannten, wollten anfangs nicht hören, — wer könnte denn in einer solchen Stunde Witze anhören? Aber Schajke beteuerte, er wolle gar nicht spassen, es sei ihm heiliger Ernst um die Sache. Er stellte sich verletzt, daß man seinen jüdischen Gefühlen so wenig traute. Kurz, man begann an seinen Ernst zu glauben. „Nun, Schajke, was willst du sagen?" — „Was heißt, was ich will? Wie kann man eine so wichtige Sache auf der Straße besprechen? Ich hab' einen ganz neuen Rat; aber dazu muß eine Versammlung einberufen werden". Versammlungen waren seit jeher der Juden Schwäche, und Schajke Faifer galt doch als ein kluger Kopf — kurz, die Versammlung ward einberufen. Da kamen die Rabbiner und die Reichen der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.