Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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des Herzens hängen. Wir kämpfen mit aller Kraft dafür, daß man uns diese Empfindungen glaube, daß man an der Ehrlichkeit unserer vaterländischen Gesinnung nicht zweifle, wir kämpfen mit aller Macht gegen die Vorurteile, die man in dieser Beziehung noch gegen uns hegt. Und da kommt dieser Mann, führt sich als Prediger unserer Gemeinde ein und straft uns Lügen, bestreitet die Ehrlichkeit unserer Gesinnung und zieht alles in den Staub, wofür wir unser Leben eingesetzt haben. Ein solcher Mann sollte noch länger auf unserer Kanzel, in unseren Schulen tätig sein können? Nein, meine Herren, darüber sind wir uns allerdings, nachdem der Tatbestand festgestellt war, in der ersten Minute klar gewesen, daß wir einem solchen Manne unsere Kanzel, unsere Kinder nicht mehr anvertrauen können. Wenn seine Anschauungen die aller Juden wären, dann wäre es allerdings richtig, daß der Antisemitismus eine natürliche Reaktion dagegen ist. Denn das ist es gerade, was uns vorgeworfen wird, daß wir in allem und in jedem in erster Reihe das Interesse einer „jüdischen Nation" im Auge haben sollen und uns erst in zweiter Reihe als Deutsche fühlen. Dann könnte man denjenigen nicht Unrecht geben, die uns zu Bürgern zweiter Klasse degradieren wollen. Von diesen Erwägnngen aus sind wir zu unserem Beschlüsse gekommen. Denn wir mußten uns sagen, daß ein Mann, mit dem wir in dreiviertel Jahren das erlebt• hatten, was ich Ihnen mitgeteilt habe, sich nicht ändern wird. Wir mußten uns ferner sagen, daß, wenn ähnliche Vorfälle wiederkehren, die Verantwortung hierfür in voller Schwere auf die Vertretung unserer Gemeinde fallen wird. Wir sind der Überzeugung, daß jeder unser Verhalten und unsere Beschlußfassung billigen wird. Und nun will ich Herrn Dr. Cohn auch selbst das Wort geben. Als Dr. Cohn an die Öffentlichkeit appellierte, hat er sich in seiner Schiift selbst das Urteil gesprochen. Auf Seite 9 seiner Schrift heißt es: „Gleichzeitig verbreitete man von mir feindlich gesinnter Seite das Gerücht, ich hätte zu dem Direktor gesagt: Jeder jüdische Oberlehrer, der sich als Deutscher fühle, sei ein Heuchler. Ich erkläre hiermit dieses Gerücht sowohl dem Wortlaut als dem Sinne nach für frei erfunden, von wem es immer ausgehen mag. Hätte ich in der Tat etwas Derartiges gesagt, dann wäre allerdings die Anzeige der Lehrer nur korrekt gewesen und kaum der Schein einer unschönen Handlung blieb an ihr haften". Nun, meine Herren, Herr Dr. Cohn hat in der Tat etwas Derartiges gesagt! Ich lasse ihn wiederum selbst sprechen. Auf Seite 6 seiner Schrift berichtet er als seine Äußerung: „Zwar gebe es Juden, die jenes Stammesgefühl leugnen. Sie sind entweder in Selbsttäuschung begriffen oder suchen in unbegründeter Furcht die Sachlage zu vertuschen". Und nun, meine Herren bitte ich Sie: Ist es etwas anderes als eitel Spiegelfechterei, wenn Herr Dr. Cohn bestreitet, das gesagt zu haben, was Herr Dr. Przygode aufgezeichnet hat? Wenn jemand einen Standpunkt vertuscht, dann ist er sich jenes Standpunktes genau bewußt und sucht ihn wissentlich zu verbergen; er ist ein Heuchler oder ein Lügner. Und weiter, meine Herren! Auf Seite 6 seiner Schrift berichtet Herr Dr. Cohn, Herr Dr. Przygode habe geäußert: „Ich sei verpflichtet, die Kinder im Religionsunterricht zu deutschnationalen Männern zu erziehen. Ich antwortete, daß ich ihnen, wie ich es stets tue, die Pflichten der innigen Liebe und Treue zu Staat und Vaterland ans Herz legen würde. Das sei jüdisches Gebot. Die spezielle Aufgabe der Verbreitung deutsch-nationaler Gesinnung aber sei höchstens Sache des Geschichtslehrers." Ich brauche Sie, meine Herren, nicht zu erinnern, welchen Kampf wir gegen die durch und durch antisemitische Anschauung zu führen haben, daß der jüdische Lehrer allein Religionsunterricht erteilen dürfe, daß er aber zum Unterricht in anderen Fächern, insbesondere in der Geschichte und im Deutschen, nicht befähigt sei. Herr Dr. Cohn hat sich mit seiner Äußerung auf den gleichen Standpunkt gestellt, der die jüdischen Lehrer von der Anstellung fast völlig ausschließt. Das sind die Anschauungen, die Herr Dr. Cohn in seiner Schrift bei seiner Berufung an die Öffentlichkeit vertritt. Durch die angeführten Tatsachen ist die Angelegenheit wohl genügend klar gestellt. Und nun noch einige möglichst kurze Bemerkungen. Es ist uns ein Mangel an Toleranz vorgeworfen worden. Es ist gesagt worden, wir, die wir sonst bei Vorgängen innerhalb anderer Religionsgesellschaften als Verfechter der Freiheit und Duldsamkeit auftreten, wir hätten selbst einen Akt der höchsten Intoleranz begangen. Meine Herren, wir haben kein Recht, uns in die Angelegenheiten anderer Religionsgesellschaften zu mischen, aber ich möchte eines hier sagen: Bei allen jenen Vorfällen in anderen Religionsgesellschaften, die man uns vorhält, handelt es sich um Konflikte zwischen einer oberen Behörde und den Gemeinden. Es handelt sich darum, ob eine Gemeinde einen von ihr gewählten oder angestellten Geistlichen, den sie gern haben oder behalten will, erhalten oder behalten darf oder nicht. Mit diesen Fällen hat unser Fall auch nicht die geringste Ähnlichkeit. Hier handelt es sich darum, daß die Gemeinde beziehungsweise ihre geordnete Vertretung selbst einen Prediger, der ihre Anschauung nicht teilt, nicht haben will. Es wäre umgekehrt ein Akt höchster Intoleranz, wenn man der Gemeinde einen solchen Prediger aufzwingen wollte. Und noch eines! In unserer Gemeinde ist Platz für alle Anschauungen auf dem Boden des Judentums. Wir haben Raum für alle, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken. Was aber hier geschehen ist, liegt absolut nicht auf dem Gebiete der religiösen Anschauungen. Das ist etwas, was mit der Religion und den Aufgaben unserer Gemeinde nicht das geringste zu tun hat. Aber es ist ein Vorgang, der an den Grundlagen unserer Existenz rüttelt. Und zu einem solchen Vorgange zu schweigen, das wäre nicht ein Akt der Töleranz, sondern eine unmännliche, sträfliche Schwäche. Ein zweites, meine Herren! Herr Dr. Cohn und seine Freunde tun sich etwas darauf zugute, daß Herr Dr. Cohn der Teilnahme jüdischer Kinder am christlichen Religionsunterricht, der Taufe ohne innere Überzeugung entgegengetreten sei. Wir lehnen es ab, darüber noch besondere Erklärungen abzugeben. Wir würden glauben, uns selbst herabzusetzen, wenn wir es für notwendig halten würden, erst noch Versicherungen darüber abzugeben, daß wir die Taufe verwerfen, daß wir an den jüdischen Kindern im christlichen Religionsunterricht keinen Gefallen finden. Über das Selbstverständliche braucht man keine Erklärungen abzugeben. Und zum Schluß noch eines! Sie werden mir bezeugen können, daß ich in allen Verhandlungen, die in dieser Sache stattgefunden haben, die deutsche zionistische Partei stets gegen Dr. Cohn in Schutz genommen habe. Sie wissen alle, daß die Vertretung der Berliner jüdischen Gemeinde im schärfsten Gegensatz zum Zionismus steht. Wir haben aber keine Veranlassung, an der Aufrichtigkeit der Erklärungen der deutschen Zionisten zu zweifeln. Deshalb habe ich es bestritten und werde es bestreiten, bis mir von autoritativer Seite widersprochen wird, daß die Anschauungen des Herrn Dr. Cohn mit den Anschauungen der deutschen zionistischen Partei übereinstimmen. Nie und nimmer haben die deutschen Zionisten erklärt, daß ihre Anhänglichkeit an das Vaterland erst in zweiter Reihe kommt, daß sie sich erst in zweiter Reihe als Deutsche fühlen; sie haben allezeit die entgegengesetzte Erklärung abgegeben. Das hierfestzustellen, halte ich für ein Gebot der Gerechtigkeit. Und nun wollen wir die Verteidigung des Herrn Dr. Emil Cohn ruhig der „Staatsbürgerzeitung" — hat doch Herr Dr. Emil Cohn einem Mitgliede der Versammlung gegenüber behauptet, seine Angelegenheit werde noch bis in die Redaktionsstube der'„Staatsbürgerzeitung" gebracht werden, und Sie wissen, sie ist bis dahin gebracht worden — ich meine, wir wollen die Verteidigung des Herrn Dr. Cohn ruhig der „Staatsbürgerzeitung4' und deren Gesinnungsgenossen überlassen, von deren Standpunkt aus er allein verteidigt werden kann. .Wir, die Vertreter der Berliner Gemeinde, leben der festen Überzeugung, daß wir sowohl bei dieser Gelegenheit, wie überall im Kampfe gegen diejenigen, welche die Ehrlichkeit unserer Gesinnung anzweifeln und uns zu Deutschen zweiter Klasse stempeln wollen, daß wir in diesem Kampfe alle Mitglieder unserer Gemeinde, alle deutschen Juden, welcher politischen Partei, welcher religiösen Richtung sie immer angehören mögen, mögen sie Zionisten sein oder nicht, an unserer Seite finden werden!" Dieser Bericht wurde, wie mitgeteilt wird, von der Repräsentantenversammlung ohne Diskussion unter lebhaftem Beifall zur Kenntnis genommen. Herr Rabbiner Dr. Emil Cohn seinerseits hat daraufhin zunächst folgende Erklärung veröffentlicht: Am Sonntag, den 5. Mai, hat die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde zu Berlin die Angelegenheit meiner Suspension in öffentlicher Versammlung erörtert. Hierbei wurden von Herrn Syndikus Lilienthal als Grund meiner Amtssuspension zum ersten Male nicht allein die bekannte Affäre, sondern drei Fälle angeführt: 1. mein Verhalten als Religionslehrer, am Falkrealgymnasium vor meiner Anstellung als Prediger der jüdischen Gemeinde,