Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nö. 20 DIE^KELT 11 nach Palästina wecken. Wir müssen uns bemühen, die materielle und moralische Lage der jüdischen Massen in den eigenartigen Verhältnissen der Länder, in denen sie leben, zu heben. Wir müssen die nationalen Einrichtungen in jedem Lande fördern und stärken und ihren Einfluß auf die jüdische Gesamtheit kräftigen. Es ist unsere Pflicht, die Kenntnis der hebräisch e'n Sprache, die im Gegensatz zum Jargon unsere nationale Sprache, die Sprache unserer Vergangenheit und unserer Zukunft ist, unter allen Schichten der jüdischen Nation zu verbreiten. Wir müssen die hebräische Literatur fördern und ihre schöpferische Tätigkeit ausdehnen. Wir müssen die Kenntnis der jüdischen Geschichte und die keimende jüdische Kunst fördern. In dieser Beziehung müssen wir von den Italienern lernen, die kein einziges Mittel verschmähten, um den Zweck des Wiedererwachens zu erreichen. Wir müssen alles nationalisieren, das Buch, die Zeitung, die Malerei, die Bildhauerei, die Kanzel, den Kultus, die Schulen und Bibliotheken, Vorträge und Predigten, die Feste und Gedenktage, — all dies war Mittel in den Händen der Nationalen, um auf den Volksgeist einzuwirken, bis es ihnen gelang, Italien zu einigen und zu befreien. Wir müssen der jungen Generation einschärfen, daß der Zionsgedanke eine historische Arbeit ist, zu der ein jeder von uns mit Kraft und Talent und mit täglichen persönlichen Opfern beitragen muß. Die Zionisten müssen überall die Pioniere sein, in allem, was das Wohl des jüdischen Volkes, seine Befreiung, Fortdauer und Ehre betrifft. Wir müssen auf all diesen Gebieten allen andern jüdischen Parteien mit unserem Beispiel vorangehen." Als Ergänzung der in diesem Interview entwickelten Anschauungen registrieren wir noch eine Äußerung Max Nordaus über die Politik des Zionismus, die wir einem im „Jewish Express" veröffentlichten Interview entnehmen: „Sie fragen mich — sagte Dr. Nordau zum Interviewer — ob ich glaube, daß der Zionismus in Palästina realisiert werden könnte? Ich bin davon tief überzeugt. Allein zur Realisierung sind andere Mittel und Wege erforderlich, als die bisherigen. Wir müssen nach unseren Kräften handeln. Wir haben bisher stets einen Charter erwartet. Aber wie könnten wir in Wirklichkeit daran denken? Welche Macht besitzen wir denn, um ihn zu erlangen? Zählt denn unsere Organisation nach Millionen? Haben wir vielleicht Millionen in unseren Kassen? Mit unseren schwachen Kräften könnten wir doch gar nichts anfangen, selbst wenn wir schon den Charter hätten. Der Charter darf doch nicht das Alpha und Omega des Zionismus sein. Dagegen müssen wir nach zahlreichen Konzessionen streben: zum Baue von Eisenbahnen, Häfen usw. Dadurch erlangen wir den legalen Eingang nach Palästina. Und haben wir Konzessionen, so könnten wir dieselben erst krönen mit einem Charter. Anders geht's nicht. Mit kurzen Flügeln kommt man nicht hoch. Man behauptet — setzte Dr. Nordau fort —, daß ich und andere den Glauben verbreitet haben, der Zionismus werde bald verwirklicht werden. Nein, ich habe das nie getan. Im Gegenteil. Ich habe stets vor der Illusion gewarnt, als ob der Zionismus im Handumdrehen zu machen wäre. Wenn jemand von mir zu einer falschen Ansicht verleitet wurde, so war ich es selbst. Ich habe mir eingebildet, wir wären anders, als wir in Wirklichkeit sind: daß wir uns nach Palästina sehnen, daß wir zu arbeiten entschlossen sind, um es zu erlangen. Ich habe sonst in niemanden den irrigen Glauben erweckt, man könnte heute oder morgen mühelos Palästina erhalten,'6 DER FALL COHN Auf eine in der letzten Repräsentanten-Sitzung der Berliner jüdischen Gemeinde seitens der Herren Geheimrat Professor Senator und Justizrat Dr. Veit Simon an den Gemeindevorstand gerichtete Interpellation in Angelegenheit der Amtsenthebung des Predigers Dr. Emil Cohn ist von Herrn Syndikus Dr. Lilienthal in ausführlicher Weise Antwort erteilt worden. Es würde zu weit führen, wollten wir die Antwort des Herrn Dr. Lilienthal, (die sich, nachdem man so lange geschwiegen, nunmehr in einer gewissen Pedanterie des Details und in einer unter Wiederholungen leidenden Breite gefällt) ihrem Wortlaut noch wiedergeben. Wir glauben, der altera pars kein Unrecht zu tun, wenn wir bloß die Hauptabsätze der großen offiziellen Berichtigung und Urteilsbegründung nachfolgend anführen. Sie besagen: „Meine Herren, ich komme nunmehr zu den Erwägungen, die zu der Beschlußfassung der Gemeindebehörden geführt haben. Herr Dr. Cohn war neun Monate Prediger in unserer Gemeinde. In diesen drei Vierteljahren hat er sich drei schwerer Verfehlungen schuldig gemacht. Er hat im Falk-Realgymnasium in derselben Zeit, in der er uns die Erklärung abgegeben, er fühle sich verletzt durch die Annahme, daß ein solcher Mißbrauch der Kanzel oder des Lehramts durch ihn möglich sei, den Schülern, Kindern im Alter bis zu 16 Jahren, im Religionsunterricht die, wie er sagt, wissenschaftliche u. wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus auseinandergesetzt. Zweierlei ist hier möglich. Entweder hat er bei seiner Erklärung sich die reservatio mentalis gemacht, die Behandlung der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Zionismus durch ihn sei keine Förderung des Zionismus, oder es fehlte ihm an der nötigen Urteilsfähigkeit. Die Tatsache selbst steht fest, daß er zur Zeit der feierlichen Erklärung vor den Schülern des Falk-Realgymnasiums den Zionismus behandelt hat mit dem Erfolg, den ich Ihnen vorhin geschildert habe. Nach einem weiteren Vierteljahre ereignete sich der zweite Fall, indem Herr Dr. Cohn seiner ausdrücklichen Erklärung entgegen eine Rede in 'einer öffentlichen zionistischen Versammlung (anläßlich einer Totenfeier für Theodor Herzl. Anm. d. Red.) hielt, und, was viel gravierender ist, daß er, ein Prediger, dem Gemeindevorstand gegenüber ableugnete, daß ihm von den früher erwähnten Voraussetzungen seiner Anstellung etwas mitgeteilt worden sei. Wir kommen zu dem dritten und schwersten Vorfall, der zu unserer Beschlußfassung geführt hat. Die Gemeindebehörden haben bei Beurteilung dieses Vorfalls Herrn Dr. Cohn durchaus nicht auf den Wortlaut der Aufzeichnungen des Direktors festgelegt. Sie haben sehr wohl in Erwägung gezogen, daß Herr Dr. Przygode früher sein Lehrer gewesen ist, daß Herr Dr. Cohn sich längere Zeit mit ihm unterhalten hat. Aber meine Herren, alles das kann an den feststehenden Tatsachen nichts ändern. An der Spitze der Erklärung des Herrn Dr. Cohn''— das ist das Schwerwiegendste bei der Beurteilung der Sache — steht der Satz: „Nach meiner Überzeugung muß jeder Jude sich zunächst als Angehöriger des Volkes Gottes und dann erst als Deutscher fühlen." Ich erkläre hier ausdrücklich, daß Herr Dr. Cohn diesen Satz und diese seine Anschauung niemals bestritten hat, daß er vielmehr seiner höchsten Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß wir anderer Ansicht sind. Er hat diese Äußerung auch jetzt nicht bestritten, er hat sich nur wohlweislich in seiner Schrift darüber ausgeschwiegen. Dem widerspricht nicht, daß Dr. Cohn an leitender Stelle seiner Schrift sagt, er h^lte sich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger, er liebe die deutsche Kultur über alles und wolle Schiller und Goethe nicht in sich ausstreichen. Das ist einmal ein Widerspruch in sich, und Goethe und Schiller gehören der Weltliteratur an, und wir alle wollen auch Shakespeare nicht in uns ausstreichen, ohne damit zu erklären, daß wir vorzügliche englische Staatsbürger seien. Derartige Redewendungen können den Satz nicht aus der Welt schaffen, den Herr Dr. Cohn als seine Grundanschauung an die Spitze seiner Ausführungen gestellthat. Es ist ein Streit um Worte, ob man das Gespräch mit dem Direktor Przygode als Privatgespräch bezeichnen will oder nicht. Das Wesentliche ist, daß Herr Dr. Cohn hingegangen ist, um sich als Prediger der Berliner jüdischen Gemeinde um eine Religionslehrerstelle zu bewerben. Der Direktor hat ihn bei dieser Gelegenheit nach seiner Stellung zum Religionsunterricht gefragt. Ob man übrigens ein solches Gespräch als ein Privatgespräch bezeichnen kann, stelle ich, meine Herren, Ihrem Urteil anheim. Nun zur Sache selbst. Wir kennen kein Rangverhältnis zwischen unserer Religion und unserem Vaterlande. Wir fragen nicht, was kommt an erster Stelle und was an zweiter Stelle. Wir umfangen mit gleicher Liebe und Treue unsere Religion, unser Judentum, zu dem wir uns allezeit mit Stolz bekennen und an dem wir festhalten werden bis zum letzten Atemzuge, und unser deutsches Vaterland, an dem wir mit allen Fasern