Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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berief sich vielmehr auf 99 Gründe, die ihn daran hinderten. Erstens habe er kein Pulver, zweitens. . . Da unterbrach ihn der König: „Es genügt ja ohnehin. . ." Gleiches gilt auch von mir und meinen Gründen. Die Helsingforser Konferenz hat die zionistische Partei in Rußland schwer geschädigt; sie war der Grund, daß sich alle anderen jüdischen Parteien zum Kampfe gegen den Zionismus zusammengeschlossen haben. Es schmerzt mich tief, zu sehen wie die besten Zionisten jeden großen Zug, in ihrem Handeln vermissen lassen, wie sie sich an kleine Vorteile des Momentes klammern und in Kleinigkeiten aufgehen, dabei das große Endziel übersehend. Hat uns der Zionismus denn noch nicht zur Einsicht gebracht, daß die Lösung der Judenfrage nirgends, als in unserem Lande, wo wir die Majorität besitzen, möglich ist? Ist denn unsere freie Entwicklung, die Entwicklung unserer Eigenart, unserer Kultur dort möglich, wo wir in der Minorität sind, wo man uns haßt, verachtet, verfolgt? Und wenn wir die größten Opfer bringen der Partei oder der anderen, dem Ideale oder dem anderen, — alles ist nutzlos. Wir bleiben für sie die Fremden; kein Staat, kein Land wird uns je gestatten, ein nationales Volk mit nationaler Kultur, Juden mit jüdischem Geiste zu sein. Das ist ja das zionistische Alphabet. Viele, und gerade gute Zionisten haben sich ihm entfremdet. Sie irren ziel- und planlos hin und her; irren selbst und verwirren andere; ziehen Forderungen und Bedürfnisse, Zwecke und Mittel heran, die nie und nimmer mit dem Zionismus etwas zu tun haben. Diese Kräfte müssen für die zionistische Bewegung voll und ganz gewonnen werden, für unser großes, erhabenes Ziel. Es geht nicht an, in der Diaspora bürgerliche Rechte zu erkämpfen und in einem fremden Lande jüdischnationale Politik zu treiben. Der wahre Zionist wird sich von einer solchen kleinlichen Betätigung stets fern halten." Wir vervollständigen vorstehenden Bericht durch die Wiedergabe der Fortsetzung dieses Gespräches, nach der Darstellung, die Herr Brainin an anderer Stelle (im hebräischen Tagblatt „Hasman" Nr. 76) hiervon gibt: „Auf die weitere Frage, die ich an Nordau in betreff seiner Ansichten über die praktische Arbeit in Palästina und über die neue in dieser Richtung sich entwickelnde Bewegungunter den russischen Juden gerichtet habe, erwiderte Nordau folgendes: .Es wird jetzt unter der politisch-zionistischen Fahne Herzls gekämpft, doch geschieht das Gegenteil von den Bestrebungen und Prinzipien des politischen Zionismus. Würden diese „Praktischen" offen sagen, Herzl war in einem Irrtum befangen, der politische Zionismus existiert nicht mehr, weil er keine Daseinsberechtigung mehr hat, so würde ich ihnen zwar nicht zustimmen, ich würde sie jedoch für überzeugungstreue Wahrheitsmenschen halten. Doch kann ich in keiner Weise die Taktik derjenigen, die die Parole des politischen Zionismus für ganz entgegengesetzte Zwecke mißbrauchen, für eine richtige halten. In Wirklichkeit sind diese „Praktischen" gar nicht praktisch. Können wir Leute praktisch nennen, die einen nationalen Bau auf einem Sandboden ohne Grundlage errichten wollen? Eine Kolonisation ohne sichere Konzessionen ist ein Phantom. Es ist die Luftarbeit von Luftmenschen. Ein ausgeklügeltes Golusmittel. Und es gefährdet die offenen und loyalen Bestrebungen des politischen Zionismus. Selbstverständlich ist es Pflicht, nationale Institute, wie „Bezalel" und dergl. kulturelle Unternehmungen und Arbeiten in Palästina zu unterstützen. Es ist auch selbstverständlich, daß man die palästinensischen Juden in ihren Kolonisationsbestrebungen, die dahin gehen, auf dem Boden Palästinas festen Fuß zu fassen, Grundstücke auf eigenen Namen zu kaufen, neue Industrien einzuführen und dergl. unterstützen muß. Aber es ist eine Sünde, unter den Juden der Diaspora eine Propaganda im Namen des offiziellen Zionismus zugunsten der paktischen Arbeit -in Palästina zu machen. Unter den obwaltenden Umständen ist eine solche künstlich geschaffene Bewegung nur geeignet, Schaden zu stiften und verderblich zu wirken. Unsere „Praktischen" sagen, das Volk fordere praktische Arbeit in Palästina, wir können es mit Phantasien und Zusagen nicht abspeisen, weil es Verfolgungen ausgesetzt ist und nach einer Zukunft ausschaut. Aber was können wir mit unsern heutigen Mitteln da helfen? Der Zionismus ist nicht eine Lösung der Frage der Tagesnot, er ist eine historische Arbeit, die unabhängig von den Tagesereignissen vor sich gehen muß. Wenn das jüdische Volk sich bei der zionistischen Arbeit beteiligen wird, wird es sich helfen und wird unser Land in ehrlicher und günstiger Weise für uns gewinnen. Aber der größte Teil unseres Volkes steht dem Zionismus fern und läßt sich von Irrlichtern verleiten. Es erwartet Siege, Siege, die nie eintreten werden. Die Finanzinstitute unserer Bewegung sind noch sehr arm, dieselben nationalen Institute, mit deren Hilfe wir unser letztes Ziel erreichen könnten. Wir müssen unserem Volke sagen, wir könnnen dir nur das leisten, was du uns geleistet hast. Wir müssen die zionistische Organisation in allen Ländern ausdehnen, entwickeln und festigen. Wir müssen für die zionistische Idee eine große Propaganda in allen Schichten des jüdischen Volkes machen, wir müssen sehr lange und sehr intensiv für die jüdische Bank und den Nationalfonds arbeiten, erst dann werden wir in der Lage sein, eine konkrete zionistische Arbeit zu beginnen und unserem Ziele auf geradem Wege näher zu kommen. Auf die Frage, die ich an Nordau über sein Verhältnis zu den Poalei-Zion und ihre sozialistischen Ideen gerichtet habe, erwiderte er: Ich stelle an keinen Zionisten, wrenn er nur ein treuer Zionist ist, die Frage, welchen sozialen und ökonomischen Ansichten er huldige. Ist der Zionist ein Arzt, so mag er Homöopath oder Allopath sein, ist er ein Künstler, so mag er die Kunst so oder anders auffassen und pflegen. Der Zionismus hat mit diesen persönlichen Überzeugungen und Geschmacksrichtungen nichts zu tun. Jeder Zionist kann sich diejenigen Anschauungen und Richtungen auf dem Gebiete der Sozialpolitik zu eigen machen, die seiner Gesinnung, seinen Neigungen und seiner inneren Entwicklung entsprechen. Ich kann als Jude auch Sozialist sein und trotzdem klar einsehen und empfinden, daß die Lösung der Judenfrage nur im Lande unserer Väter und in einem unabhängigen Zustande möglich ist, und daß es keine andere Lösung gibt. Jedoch als Mann der Wissenschaft, der 20 Jahre seines Lebens sozialen Forschungen gewidmet hat — dabei machte mich Nordau auf seine wissenschaftlichen Aufsätze in englischen und italienischen Zeitschriften, die dem großen Publikum unbekannt sind, aufmerksam — bin ich ein radikaler Gegner der kollektivistischen Schwärmereien und glaube absolut nicht, daß es möglich sei, das Privateigentum je aufzuheben. Die Aufhebung des Privateigentums widerspricht der menschlichen Natur, es bedeutet die Tötung und Vertilgung der Initiativkräfte des produktiven Talents, der Erfindungsmöglichkeiten und des Sichauslebens eines normalen Menschen. Diese Utopie ist die Frucht einer krankhaften Einbildung. Als ich Nordau gegenüber bemerkte, daß auch die sogenannte Wirklichkeit nicht etwas in der Natur Feststehendes, sondern etwas Werdendes und Fortlaufendes ist und daß dasjenige, was heute als Utopie betrachtet wird, morgen in reale Wirklichkeit verwandelt werden könne, zog er gegen meine Behauptungen mit dem ganzen Arsenal seiner Kenntnisse und logischer Argumente los und verteidigte die „menschliche Natur", die eine Aufhebung des Privateigentums nicht vertragen würde. Mit besonderem Scharfsinn widerlegte er die „Schwärmereien" Bebels und griff auf das ganze Tätigkeitsgebiet des letzteren hinüber. , Er schloß seine Rede mit den Worten: Für mich ist die gesunde menschliche Natur maßgebend, sie, und nicht die krankhafte, dekadente Natur des Menschen ist die Richtschnur für alle meine Ideen. Wollte ich auch nur ein Resümee der Äußerungen Nordaus über diesen Gegenstand bringen, so müßte ich ein ganzes Kapitel Soziologie niederschreiben . . . Und als ich Nordau über seine Ansicht bezüglich der positiven Arbeit der Zionisten befragte, erwiderte er folgendes: „Die Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes. Wir müssen das heranwachsende Geschlecht im Geiste des Zionismus und der jüdischen Renaissance erziehen, denn sonst geht unsere Arbeit vollständig verloren. Wir müssen die Chedarim und die Schulen nationalisieren, wir müssen unseren Söhnen und Töchtern, unseren Brüdern und Schwestern folgende Wahrheiten einschärfen: Solange ihr in der Diaspora als Juden leben werdet, seid ihr dazu Verurteilt, unter den Völkern, die auf ihrem Boden leben, der Verachtung ausgesetzt zu sein und euren Seelenleiden kann kein Ende gesetzt werden, wenn auch die Zeiten besser werden und die despotischen Regierungen vom Erdboden verschwinden sollten, und wenn ihr auch die größten Opfer bringen werdet, wird man es euch nicht verzeihen, daß ihr als Juden geboren seid. Das Christentum wird uns immer anfeinden und wird nicht aufhören, uns zu verfolgen. Es predigt wohl Liebe mit Worten, aber mit Taten richtet es gegen uns seine Waffen. — Bei dieser Gelegenheit unterzog Nordau den Klerikalismus einer scharfen Kritik in Worten, die ich hier nicht wiedergeben will. Wir Zionisten müssen in den Herzen unserer Kinder die Liebe für Zion und den festen Glauben an das Wiedererwachen unseres Volkes und seine Rückkehr