Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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T 18 DIE ELT Na. 18 haben: Kommandant Schröter, Stationschef Tschepow, Gendarmerierittmeister Troficyn, Wachtmeister Michon und Unteroffizier Pomerancew. Nach einer über eine Stunde dauernden Beratung wurde beschlossen, daß man die obengenannten Personen nicht anklagen könne, weil ihre Namen im Besc hu 1 d i g u n g sakte nicht genannt werden. Am ersten Verhandlungstage wurden 30 Zeugen vernommen. Der Zeuge Abramski aus ürodno erzählt, daf3 er, als er sich, von Hooligans mißhandelt, unter die Obhut eines Gendarmen begab, von diesem zurückgestoßen wurde. Auch der Kommandant hat auf die Bitten des Mannes, dem ein Bein gebrochen worden war, mit einem Faustschlag geantwortet. Der Zeuge Burstein behauptet, daß der Gendarm .Michon gerufen habe: „Die verfluchten Juden haben die Bombe geworfen!" — Einer von den Mißhandelten lief zum Offizier, der gerade beim Büffet stand und bat um Rettung vor dem unvermeidlichen Tode. Der Offizier beschützte ihn, wurde aber vom Kommandanten mit den Worten empfangen: „Wer ist hier Herr, ich oder du?" Daraufhin entfernte sich der Offizier, und es erschien ein Gendarm, der alle im Wartesaal befindlichen Juden hinaustrieb. Der Zeuge ist sehr aufgeregt. Seine Aussage endet er mit den Worten: „Die Polizei hat zum Pogrom gehetzt, hätte sie nur zwei Worte gesagt, so wäre der Pogrom unterdrückt gewesen." Der Zeuge Goidberg, ein älterer Mann, der durch die Mißhandlung der Hooligans ein Auge verloren hat, weist auf einen der Angeklagten, der ihn zum Krüppel gemacht hat. Der Zeuge Ruskin, der gefährliche Kopfwunden erlitt, erklärt, daß er vor einigen Wochen den Gendarmen erkannt habe, der ihn seinerzeit verwundete. Der Gendarm lebt jetzt in Grodno, wo er eine bessere Stellung erhielt. Der Oberst Martynokski bestätigt, daß er, als er am 15. Juni Bjelostok passierte, gesehen habe, daß man an der Bahnstation die Juden schlug. Die Unglücklichen liefen auf ihn zu und baten um Rettung. Der Oberst, tief erschüttert, bat die Hooligans aufzuhören. Darauf erhielt er die Antwort, daß der Kaiser ein Manifest erlassen habe, wonach man die Juden drei Tage lang morden und plündern dürfe. Der Oberst drohte, daß er Kosaken senden werde, doch blieb diese Drohung ohne Eindruck. Der Zeuge Soroka erklärt, daß er gehört habe, wie der;Kommandant sagte: „Schlagt die niederträchtigen Juden, so viel ies nur geht!" Der Zeuge Bachrach agnosziert die Angeklagten Jegoröw und Wyschonowski. . Für 263 Rubel hat er von den beiden sein Leben erkauft. Viele von den Zeugen erklärten, gesehen zu haben, wie der Kommandant die Hooligans zum Pogrom aufforderte. Das wird auch von den Bahnbeamten bestätigt. Ein Rittmeister soll gesagt haben: „Der Pogrom ist die Strafe für schlechte Erziehung der Kinder." Von großer Bedeutung war die Aussage des Stationskommandanten Schröter. Er bemühte sich darzulegen, daß er am Pogrom gar keinen Anteil hatte. Aber der Rechtsanwalt Rattner nötigte ihn, zu bestätigen, daß er die Hooligans nicht verhaftete, -unter dem Vorwand, daß es keinen Raum gebe, wohin man sie .bringen könnte. Schröter sagte, daß er um militärische Hilfe gebeten habe, diese sei ihm aber verweigert worden. Rattner verlas «inen Brief, woraus ersichtlich ist, daß das nicht wahr sei. Weiter fragte Rechtsanwalt Rattner: Ist es wahr, daß Schröter vor dem Pogrom Oberstleutnant war und nach dem Pogrom Oberst geworden ist? Der Vorsitzende erklärte diese Frage für unpassend. Auf Verlangen des Prokurators und der Verteidiger wurde die Gerichtsverhandlung bis zur endgültigen Durchführung der Untersuchung vertagt. Pogromschrecken in Rußland An die Generalgouverneure und Stadtkommandanten des Ansiedelungsrayons wurde ein Telegramm folgenden Inhalts gesandt: ^,Es wird mir mitgeteilt, daß während der Osterfeiertage eine ganze Reihe von Judenpogromen erwartet wird. Indem ich überzeugt bin, daß die lokalen Behörden alle zur Vermeidung von Gewaltsakten nötigen Versichtsmaßregeln unternommen haben, schlage ich im Interesse der allgemeinen Beruhigung vor, durch Aufrufe der Bevölkerung mitzuteilen, daß ein jeder Versuch zur Störung der Ruhe durch Militär- und Polizeigewalt unterdrückt werden wird. Gegenwärtig bin ich sicher, daß die jetzt vorherrschende Ruhe in den Dörfern der Tätigkeit der Administration zugeschrieben werden muß. Die Bevölkerung soll die feste Überzeugung gewinnen, daß die gesetzliche Macht die Pflicht hat, alle Gesetzwidrigkeiten rücksichtslos und sofort zu unterdrücken, weil sie für Agrarunruhen oder sonstige Wirren, wie auch für Judenpogrome mit aller Schärfe des Gesetzes zur Verantwortung gezogen werden wird. Gez.: Der Vorsitzende des Ministerrates, der Minister des Innern S to 1 y p i n. Auf Initiative der fanatischsten Führerdes „Verbandes des russischen Volkes" wurden Abteilungen dieses Verbandes in allen Grenzgebieten des Reiches gegründet: so in Kowno, Grodno, Witebsk, Pinsk, Riga und Dorpat. Die Ermordung von zwei Mitgliedern des Verbandes, Pawlowski in Elisabetgrad und Metschij in Kobelany schreibt der Verband einer mythischen „Gesellschaft der Jüdischen Freiheit" zu und malt gleichzeitig das Schreckgespenst einer Kampagne dieser jüdischen Gesellschaft gegen das Schwarze Hundert an die Wand. Es ist eine Variation auf das Thema Ritualmord, welche von „Nowoje Wremja" und anderen antisemitischen Zeitungen öfter denn jemals wiederholt wird. Die von den Mitgliedern des Verbandes des russischen Volkes mißhandelten Juden in Hornel wandten sich an den Gouverneur mit der Bitte um Maßregeln gegen die Ausschreitungen der Verbändler. Sosnowicy. In der jüdischen Synagoge fand eine Versammlung einer jüdischen Gesellschaft statt. Während der Versammlung wurde die Synagoge von Kosaken und Polizei umringt. Zwanzig Personen wurden verhaftet. Während der Verhaftung hat das Militär geschossen. Eine Person wurde getötet, acht wurden schwer verwundet. Am Sonnabend fand, in Lodz eine jüdische Amateurvorstellung in Helenow statt. Während der Vorstellung drangen nnbekannte Leute in den Saal ein und feuerten einige Revolverschüsse in die Luft ab. Es entstand eine fürchterliche Panik. Glücklicherweise wurde niemand verwundet. Die „Russische Korrespondenz" erhält das folgende Telegramm aus Petersburg, datiert vom 30. April: „Der Runderlaß Stolypins wegen der Judenhetze bringt, wie Nachrichten aus dem Lande klarstellen, keine Beruhigung, da die Ortsbehörden die Ministerialverfügung völlig übersehen. So hat der Generalgouverneur Stupin von Nikolajew feierlich die Fahne des Verbandes der russischen Leute eingeweiht und in seiner Rede erklärt, an der Spitze des Verbandes ständen Vertreter der Regierungsgewalt. Ferner wird in der „Rußkoje Snamja" offen erklärt, für die Beleidigungen, denen die Mitglieder des Verbandes und ihre Vertreter in der Reichsduma im Parlament ausgesetzt seien, werde die Bevölkerung Rußlands Rache nehmen. Man werde die Juden und die Intelligenz zermalmen. Feldgerichte würden nichts bedeuten gegen den vulkanischen Ausbruch von fünfzig Millionen des russischen Volkes, und dieser Ausbruch sei durch keine Maßregeln abzuhalten. Die Wirkungslosigkeit des Runderlasses Stolypins erklärt sich dadurch, daß ähnliche Verfügungen jährlich erscheinen, dann aber tatsächlich kein Vertreter der Regierungsgewalt, der an Ausschreitungen beteiligt war, bestraft wird." * * * Es wird uns mitgeteilt, daß dem Ministerium des Innern ein Bericht über die Unruhen in Lodz vorgelegt wurde, worin die Juden als Urheber der blutigen Ereignisse bezeichnet werden. Der Bericht wird vorläufig geheim gehalten. * * * DerElisabethgraderRabbiner, unser Gesinnungsgenosse Ingenieur Temkin, wurde als Rabbiner für Odessa bestätigt. Er wird seine Stellung in den nächsten Tagen antreten. Schalom Asch aus Petersburg ausgewiesen Wie die Tagesblätter berichten, wurde Schalom Asch, der in Petersburg der Aufführung seines Dramas „Der Gott der Rache" durch die „Freie Bühne" beiwohnte, vom Stadthauptmann ausgewiesen, weil er als Jude kein Recht zum Aufenthalt in Petersburg hat. — Im Anschluß an diese Meldung erinnert die „Jüdische Rundschau" daran, daß der bekannte russisch-jüdische Dichter S. Frug sich nur darum lange Jahre in Petersburg aufhalten konnte, weil er als — Hausdiener bei der Firma Landau figurierte. Nur jüdische Hausdiener, aber nicht jüdische Dichter haben das Wohnrecht in Petersburg. Ein russisch-jüdischer Deputierter über die Judenfrage Die Zahl der jüdischen Dumadeputierten ist durch die kürzlich erfolgte Wahl des Sozialdemokraten Mandelburg in Irkutsk von drei auf vier gestiegen. Mandelburg lebte bisher in Sibirien, wohin er vor Jahren wegen politischer Vergehungen — er war sozialistischer Agitator — deportiert worden war. In Sibirien übte er den Beruf eines Arztes aus. Mandelburg genießt im Kreise