Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 18 DIE ELT 17 der Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaft mit Aussicht auf dauernden Erfolg ein Bauernstand in Palästina geschaffen werden. Er erwarte, daß auf dem VIII. Kongreß Bürgerliche und Arbeiter sich auf das Programm der Siedlungsgenossenschaft einigen werden. Gg. Dr. Kadisch schloß sich in der Debatte diesen Ausführungen an und verlangte eine Diskussion über diese Fragen in der breiteren Öffentlichkeit. Nur im genossenschaftlichen Sozialismus sei die Lösung der sozialen Frage zu suchen, üg. A. Böhm bemerkte, daß leider die wenigsten Poale Zion auf dem Standpunkt des Gg. Groß stehen, sondern, namentlich in Rußland, meist dem extremsten Marxismus angehören und den schärfsten Klassenkampf predigen. Auf dem Boden des Oppenheimerschen 'Programms würden sich aber Bürgerliche und Arbeiter finden. Der Vorsitzende Dr. Marguli es schloß hierauf den Abend, indem er versprach, daß die Diskussion, welche von wichtiger Bedeutung für Jen nächsten Kongreß sei, an einem nächsten Abend weiter gesponnen werden soll. Freiburg i. B. Mit Beginn dieses Sommersemesters hat das Kartell zionistischer Verbindungen (K. Z. V.) an der hiesigen Universität eine neue Kartellkorporation „Ivria" ins Leben gerufen. )as Kartell besteht somit aus drei Verbindungen: Hasmonaea-Berlin, . lordania-München, Ivria-Freiburg. Für die junge Korporation scheinen die Aussichten recht »ünstig zu sein, da sie bereits über eine stattliche Anzahl von Aktiven verfügt, und so darf sie hoffen, der Verbreitung des Zionistischen Gedankens unter der jüdischen Akademikerschaft eine leue Stätte zu bereiten. KLEINES FEUILLETON Rabbi Wojtek (Ein galizisches Kulturbild) Jeder weiß, welches Unglück es für Ärzte, Advokaten, Ingenieure nid Beamten bedeutet, wenn sie verurteilt sind, einen jüdischen vornamen zu führen. Wolf, Ber, Leib oder Mersch, das ist ein Kainszeichen, das man nicht los werden kann. Und es ist geradezu .'ihrend, wie diese bedauernswerten Menschen in der Statthalterei, 11 Ministerium und sogar im Verwaltungsgerichtshofe sich abmühen, aß ihnen ja nur gestattet werde, den jüdischen Namen abzuändern, er ein unheilbares Gebrechen ist und seine Träger nicht wagen ißt, die Stirn frei zu tragen. Freilich, — es gibt eine Dosis Balsam für ihre Wunde. Die unglücklichen können sich nämlich vom Rabbinate bescheinigen issen, daß Wolf mit Wilhelm identisch sei, Ber mit Bernhard usw. lit einem solchen „Identitätszeugnisse" ausgerüstet, das — nebenbei esagt — für höchstens sechs Kronen erhältlich ist, mögen sie sich nter einer europäischen Benamsung repräsentieren, wobei sie nicht iefahr laufen, wegen Falschmeldung mit dem Strafgesetz in Kollision u geraten. Ein Haken bleibt aber immer: In der Matrikel steht er jüdische Vorname — unverändert jüdisch. Da hilft es nicht, iß das „Identitätszeugnis" die Berechtigung gibt, den „europäischen" amen zu verwenden. Und wenn diese Leutchen dann ein öffentches Amt bekleiden, so taucht leider wieder im Schematismus der /olf oder Leib auf. Daran läßt sich nichts ändern. Den Makel es jüdischen Vornamens, den der unvorsichtige Vater in die Matrikel neinpraktiziert hat, kann man um keinen Preis in der Welt wieder ^ausbringen. Es sei denn — mittels Weihwassers. . . . An all das Leid ist man nun schon gewöhnt. Postier' dich al am Mittwoch vor der Statthalterei, du siehst dann herausgeputzte :egants kopfhängerisch durch die Pforte sich drücken. Nach allen egeln der Modekunst geschniegelt, verraten sie durch nichts an rem Äußern, daß sie Juden sind, — bis aufs Gesicht, das gar l irnmervoli erscheint. Was ist eigentlich los? Die alte Geschichte — ■;ine Exzellenz der Statthalter konnte keine günstige Erledigung ' r Gesuche um Aufnahme in den Staatsdienst in Aussicht stellen, itemal Papa des Petenten so wenig europäisch gewesen war, inem Sohne den Namen „Schmerel" oder „Getzel Chaim" auf n Lebensweg mitzugeben. Ähnliche Szenen spielen sich auch »r den Palästen der Finanz-Landesdirektion und der Post- und -legraphen-Direktion ab. Aber — wie gesagt — an all die Misere ist man schon; 'wohnt! Jetzt aber soll sich — tragikomisch genug — an dieses Leid is Malheur der Kehrseite reihen. Hierüber im nachfolgenden eine eine Geschichte. Für das Unheil der jüdischen Vornamen hat seinerzeit der [ emberger Matrikelführer ein Panacee gefunden. Er ließ sich absolut nicht dazu herbei, einen jüdischen Vornamen in die Matrikel einzutragen. Eigenmächtig nahm er die Metamorphose vor. Aus Chaim wurde ein Johann, aus Chanine ein Heinrich, aus Akiba ein Kasimir usw. Von dieser Abänderungssucht der jüdischen Vornamen wollte er unter keinen Umständen abweichen. Diese willkürliche Gepflogenheit wurde allmählich kodifiziert, — und heute ist sie sozusagen unabänderliches Gesetz! Reb Liepe Melamed bildete natürlich keine Ausnahme. Er war der Typus eines schlichten, ungekünstelten Juden, comme il faut. Seine Lebensgefährtin schenkte ihm einen Erstgeborenen, den er ganz schlicht „Wolf" benannte, und zwar nach dem Rabbi Reb Wowtsche. Ohne in eine nähere Beleuchtung der Genealogie einzugehen, sei lediglich erwähnt, daß Reb Liepe in seinen Stammbaum den Rabbi Reb Wowtsche aufgenommen hatte. Die Schwester der StiefSchwägerin von Rabbi Reb Wowtsche war eine leibliche Urgroßmutter oder so ähnlich. . . . Die vorschriftsmäßige Anzeige von der Geburt eines Sohnes konnte Vater Liepe in eigener Person nicht erstatten. Er war zu sehr beschäftigt, um für solche „Narreteien" hinreichend Zeit zu finden. Die „gute Frau" verfügte sich also in seiner Vertretung ins Matrikelamt. Der Vorstand allda dachte sich: der neue Weltbürger muß einen echt polnischen Vornamen erhalten. Mag er dereinst wissen, daß er Pole ist und auf polnischem Boden lebt. Wolf — sagte man ferner — sei außerdem ein gar zu garstiger Name für ein jüdisches Kind, abgesehen davon, daß er auch für slawische Ohren recht deutsch klingt. Der Vorstand im Matrikelamte machte also nicht viel Federlesens und trug ein: „Wojciech". Der kleine Wowtschele wuchs heran, wie andere Kinder auch. Bald verriet er eine vorzügliche Eignung fürs Talmudstudium. Mit 13 Jahren galt er schon als genialer Kopf, und mit 15 Jahren wurde ihm bereits die Rabbinatsqualifikation verliehen. Kein Wunder also, daß er mit 18 Jahren zum Rabbiner einer kleinen Provinzstadt ernannt wurde. Daß eine Oppositionspartei im Weichbilde erstand, ist eigentlich selbstverständlich. „Abzug Wowtschele!" schrieb diese auf ihr Banner. Er aber hielt allen Attacken tapfer stand. Die Malkontenten waren verzweifelt. Endlich aber gelang es ihnen, mit einem Schlage die Unzufriedenheit zur allgemeinen zu gestalten. Im Aktenfaszikel der Bezirkshauptmannschaft befand sich der Geburtsschein des jungen Rabbiners. Und just ein Gegner des Rabbiners mußte eines schönen Tages entdecken, daß Reb Wowtschele laut Geburtsschein „Wojciech" heiße und nicht anders. Wie ein Lauffeuer lief die schreckliche Neuigkeit durch die Gassen. Das ganze Städtchen kehrte sich gegen den jungen Rabbiner. Alles deutete mit den Fingern nach ihm. Straßenjungen riefen ihm nach: „Guten Morgen, Reb Wojtek!" „Was gibts Neues, Reb Wojtek?!" etc. Die Gemüter wurden immer erregter. Und eines Tages hielt es der junge Rabbiner nicht mehr aus, er packte seine Siebensachen und sagte der Stätte seines ersten Wirkungskreises Valet. So ist es jüngst geschehen. Und also kann ein nichtjüdischer Vorname im Leben auch Unheil anrichten! . . . Gustav Bader (Lemberg). NACHRICHTEN Der Prozeß über den Pogrom in Bjelostok Am 3. April begann der Prozeß über den Pogrom in Bjelostok. Eigentlich sollte er schon am 28. Februar stattfinden, der Termin wurde aber auf Verlangen der Verteidiger verlegt. Die jetzige Gerichtsverhandlung behandelt erst einen Teil des Bjelostoker Pogroms, weil man erst Materialien über den Pogrom in der Stadt sammelt. Aber sogar der jetzige Teil: Pogrom auf der Bahnstation, ist hinreichend, um ein Bild der Bjelostoker Massakres zu geben. Angeklagt wurden 16 Personen. Von den 114 eingeladenen Zeugen erschienen nur 90. Als Verteidiger fungieren einerseits Rattner und Chomentowski und anderseits Straschwitsch. Zuerst erschien der berüchtigte Chef der Bjelostoker Eisenbahnstation, Oberst Schröter, der nach dem Pogrom im Range erhöht worden war. Vor dem Pogrom war er Oberstlieutenant. Im Gerichtssaale erschien Schröter als Zeuge. Sein Erscheinen erregte große Sensation, weil man nicht vermutete, daß er den Mut haben werde, bei der Gerichtsverhandlung anwesend zu sein. Trotz der Abwesenheit von 29 Zeugen wurde beschlossen, die Gerichtsverhandlung zu eröffnen. Gleich zu Anfang der Verhandlung kam es zu einer höchst charakteristischen Szene. Rechtsanwalt Rattner wies darauf hin, daß auf Grund des gesammelten Materials bewiesen wurde, daß folgende Personen am Pogrom teilgenommen