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Die Welt · 1907-05-03 · 18 (3.5.1907) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 18 DIE E LT 19 seiner Parteigenossen großes Ansehen und wurde gleich nach seiner Ankunft in Petersburg in den Vorstand der sozialdemokratischen Fraktion gewählt. Ein Mitarbeiter des „Hasman" hatte eine Unterredung mit ihm und befragte ihn insbesondere über seine Stellung zur Judenfrage. Mandelburg äußerte sich hierüber wie tolgt: „Die Frage der jüdischen Gleichberechtigung war für mich eines der Motive, die mich bewogen haben, für die Duma zu kandidieren, ich bin entschlossen, auch in der Judenfrage als Revolutionär vorzugehen. Ich will die Frage der jüdischen Gleichberechtigung bei jeder Gelegenheit, die sich mir darbieten wird, rücksichtslos zur Sprache bringen. Ich kenne auch in dieser Sache kein höfliches Stillschweigen. Hätte ich bis jetzt in der Duma gesessen, so würde ich über unsere Rechtlosigkeit schon wiederholt gesprochen haben." Auf die Frage des Interviewers, ob er denn seine Taktik nicht derjenigen seiner Partei anpassen wolle, antwortete Mandelburg: Jen werde die sozialdemokratische Fraktion zwingen, für die Gleichberechtigung der Juden mit größerem Nachdruck und mehr Energie zu kämpfen." „Ist es wahr", fragte der Interviewer weiter, „daf3 Sie in der ludenfrage mit den übrigen jüdischen Deputierten und auch mit den „Erreichern" Hand in Hand gehen wollen?" „Ich als Sozialdemokrat", entgegnete Mandelburg, „kann mich sieht verpflichten, meine Taktik mit der der jüdischen Kadetten :n Einklang zu bringen; ich halte es aber für meine Pflicht, mit hnen hierüber zu beraten. Ich und mein Abgeordnetenkollege Abramowitz haben uns bereits dahin geeinigt, in den nächsten Tagen eine große Versammlung in Angelegenheit der Judenfrage ■iiizuberufen und alle sachkundigen Juden, wie die Heiren \Vinawer, Sliosberg und Kolisch er, zur Teilnahme einzuladen." „Wie denken Sie über unsere nationalen Forderungen?" fragte der Mitarbeiter des „Hasman". „Ich halte es für notwendig," — war die Antwort Mandelburgs , „für die Juden das Recht der nationalen Selbstbestimmung im weitesten Sinne in Anspruch zu nehmen. In dieser Hinsicht iimme ich nicht mit Kautsky überein, der die Nationalität durch ibjektive Merkmale bestimmt sein läßt, wie Land und Sprache, ich halte die Juden für ein Volk, weil sie das subjektive Bedürfnis empfinden, ein eigenes Volksleben zu führen. Da nun aber in solches nationales Bedürfnis vorhanden ist, haben wir die .'flicht, es zu befriedigen, ihm die Möglichkeit der Erhaltung zu;eben." „Sind Sie in bezug auf unsere nationalen Forderungen mit ■ler „graduellen" Methode einverstanden, die die übrigen jüdischen deputierten befolgen? Diese haben beschlossen, in der gegenwärtigen Duma ausschließlich für die Aufhebung der Beschränkungen u kämpfen, d. h. für die negative Seite der Judenfrage, nicht aber ir das positive Moment, wie die Autonomie, die Pflege der lidischen Kultur usw." Auf diese Frage erwiderte Mandelburg: „Mir sind alle orderungen gleichwertig. Können etwa die Sozialdemokraten oute für das allgemeine, morgen für das direkte und nach einem donat für das gleiche und geheime Wahlrecht kämpfen? Für uns ehören alle diese Forderungen in den Bereich des Minimalrogramms, dessen Verwirklichung wir auch in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung für möglich halten. Ebenso glaube ich, daß ■i.'is jüdische Problem in seinem ganzen Umfange aufgerollt werden miß. Sie werden es begreiflich finden, daß das jüdische Proletariat dr sicherlich so lieb und wert ist Wie das russische. Wenn nun ieses Autonomie und nationale Rechte in Rußland hat, weswegen •Ilten solche Rechte in gleichem Maße nicht auch den jüdischen rbeitern eingeräumt werden? Ich bin ein entschiedener Gegner er Methode des „Nach-und-Nach" in bezug auf unsere bürgerlichen »wohl, wie auf unsere nationalen Rechte." Er kann mit den Klerikalen nicht zusammengehen . . . Der Führer der sogenannten „unabhängigen Juden" in Galizien, er Abgeordnetenkandidat Dr. Groß, äußerte sich jüngst auf die an n gerichtete Frage, ob er im Falle seiner Wahl in den Reichstag dem eventuell zu gründenden jüdischen Klub beitreten werde: es könne ihm, dem Demokraten, nicht zugemutet werden, mit Klerikalen wie Dr. Brau de und Dr. Thon in einem Klub zu sitzen. Der „Jüdische Arbeiter" bemerkt hierzu u. a.: „Diese ganze „antiklerikale" Agitation des Dr. Groß wird nach den bekannten Regeln der doppelten Moral betrieben. In der großen Öffentlichkeit tritt man gegen die zionistische Reaktion, gegen die „Klerikalen" auf; in vertraulichen jüdischen Konventikeln hingegen hetzt man frisch und fröhlich gegen die zionistischen „Apikorßim". Denn bekanntlich ist die unabhängige „Partei" weit, aber sehr weit entfernt von den demokratischen und fortschrittlichen Prinzipien ihres Führers. Der Anhang des Dr. Groß setzt sich überwiegendenteils aus chassidischen Kleinhändlern zusammen, die die nationaljüdische Bewegung wahrlich nicht dem Fortschritt und der Demokratie zuliebe bekämpfen. Die Einladungskarten zu den Wählerversammlungen des Dr. Groß tragen an der Spitze die fromme Devise ^"2 („Mit Gott"). Soviel uns bekannt ist, bedienen sich die Herrn Doctores Frühling, Ignaz Landau,. Krongold, Seinfeld und Lustgarten, die den^betreffenden Aufruf unterschrieben haben, in ihrer privaten und geschäftlichen Korrespondenz dieses religiösen Grußes nicht Der dem Parteikomitee des Herrn Dr. Groß angehörende R. Meier Rapoport veranstaltete im verflossenen Winter „Aufklärungskurse" für jüdische Arbeiter und Angestellte, in denen Tehillim, Ein Jakob und Mischnajoth „gelernt" wurde, um die jüdischen Arbeiter den sozialistischen Vereinen abwendig zu machen. Diese Tätigkeit scheint uns vom „Klerikalismus" nicht weit entfernt zu sein; dennoch hat man nichts davon gehört, daß der Parteichef des Herrn Rapoport dagegen remonstriert hätte . . . Wir könnten noch eine ganze Menge solcher ergötzlicher Illustrationen zu dem Antiklerikalismus unserer „Unabhängigen" liefern, doch ist uns der Raum unseres Blattes zu kostbar dafür ..." Aus dem jüdischen Parteileben in Rußland Der Führer der K-D-Partei, Professor Miljukow, veröffentlichte im „Wochenblatte der Kadett'schen Partei" einen Artikel über den verstorbenen G. Jollos, worin er diesen als Juden wegen seiner assimilatorischen Neigungen besonders rühmt. Das Petersburger Komitee des „Vereins zur Erreichung der jüdischen Gleichberechtigung", das während der letzten Wahlen in die Duma mit den Kadetten Hand in Hand ging, bekommt nun viele Briefe mit Protesten gegen diesen Artikel Miljukows, der sich gegen den jüdischen Nationalismus und Zionismus aufs schärfste ausspricht und die Assimilation als Ideal der jüdischen Politik darstellt. Das genannte Petersburger Komitee hat nun den Miljukowschen Artikel sowie die eingelaufenen Proteste auf einer besonderen Sitzung einer Besprechung unterzogen. Als Resultat wurden auf der Sitzung folgende zwei Vorschläge gemacht: 1. Das Komitee soll sich mit einem offenen Brief an die K-D- Partei mit der Bitte um eine Erklärung wenden, ob die Partei die: Ansichten von Miljukow teilt. 2. Eine Deputation ist an das Petersburger Komitee der K-D-Partei zu senden und die Antwort, die die Deputation bekommen wird, in der Presse zu veröffentlichen. Der zweite Vorschlag wurde angenommen. Palästina=Handelsgesellschaft m. b. H. in Hamburg Am 28. April 1907 fand in Hamburg die dritte ordentliche Generalversammlung dieser Gesellschaft statt. Die zionistischen: Interessen waren durch Herrn D. Wolffsohn, Köln, vertreten. Es. wurde beschlossen, den Geschäftsbetrieb der Gesellschaft ausschließlich auf Palästina zu beschränken und die Geschäfte mit dem übrigen Orient abzuwickeln. Es wurde ein Komitee von drei Mitgliedern gewählt, welches einer baldmöglichst einzuberufenden neuen Generalversammlung geeignete Vorschläge über weitere Maßnahmen, insbesondere über eine Verlegung der Gesellschaft nach Palästina unterbreiten soll.

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