Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 18 o o NEBELT VOLKSWIRTSCHAFT UND STATISTIK o 13 o Die Verteilung der jüdischen Vermögen am Ausgang des Altertums *) Wie gestaltete sich die wirtschaftliche Betätigung der Juden in und außerhalb Palästinas nach der Zerstörung des Tempels? Eine völlige Verarmung der palästinischen Juden nach diesem Zeitpunkt dürfen wir uns nicht denken. Die hadrianischen Verfolgungsdekrete, der niedergeworfene Aufstand der Juden unter Bar-Kochba (132—135) waren jedenfalls von keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Folgen gewesen. Nach dem furchtbaren Aderlaß auf den Trümmern Jerusalems und Betars muß die wirtschaftliche Betätigung der palästinischen Juden einige Zeit lang zurückgetreten sein. Aber allmählich erholte sich das Volk und entfaltete im Frieden seine wirtschaftliche Tätigkeit vornehmlich in zwei Richtungen : Ackerbau und Handwerk. Der Handel der palästinischen Juden und ihre Geldgeschäfte sind „nur in bescheidenen Grenzen" nachweisbarDaß aber viele von den Juden in Palästina sich in den friedlichen Jahren zu Vermögen emporgearbeitet hatten, folgt aus dem günstigen Los der Schriftgelehrten der damaligen Zeit, unter welchen mehrere mit Reichtümern gesegnet waren. Von den außerordentlichen Glücksgütern des Patriarchen R. Jehuda I. (2. Hälfte des II. Jahrhunderts) sagte man sprichwörtlich, seine Viehställe hätten mehr Wert als des persischen Königs Schatzkammern 2). Weit bekannt waren auch die großen Schätze R. Judas II. s) Herrschte doch einige Zeit lang unter den palästinischen Juden ein förmlicher Handel mit Lehrämtern, zu welchen „silberne und goldene Götzen" befördert wurden 4). Um so bezeichnender ist die Umwandlung, welche in Palästina nach der Teilung des römischen Reiches in das westliche und morgenländische eingetreten. Ein unerträglicher Steuerdruck, der auf den palästinischen Juden in den Formen von Getreide- und Viehlieferungen, Kopfgeld, Tribut, Gewerbesteuer (xpucrapytfpiov) haftete, erzeugte unter ihnen eine derartige Armut, daß im IV. Jahrhundert n. Chr. die Patriarchen ihre Würde nicht mehr aus eigenen Mitteln bestreiten konnten und sich an die auswärtigen Gemeinden um Unterstützung durch Beiträge wenden mußten5). Der Steuerdruck rief sogar eine Erhebung der Juden (352) hervor; doch als dieselbe niedergeworfen war, wurden bald neue Schätzungstafeln ausgeschrieben, die den Steuerdruck noch erhöhten6). Die Armut der Juden in Palästina am Ausgang des IV. Jahrhunderts wird durch den Verfall der ernsten Studien gekennzeichnet. „In früherer Zeit, als das Gold noch Mäufig war", sagt ein zeitgenössischer Agadist, „wendete man sich der Halacha zu; jetzt aber, wo das Geld selten geworden und man sich schwach vor Leiden fühlt, hört man nur auf die Segens- und Trostsprüche (der Agada)" 7). Anders war es um dieselbe Zeit im weiteren Osten, in Babylonien. '• her blühte ein förmlicher jüdischer Staat, dessen öffentlicher Träger -1er Exilfürst war. Die Beschäftigung der babylonischen Juden war vorwiegend Ackerbau und Handwerke aller Art. Da es damals noch viel herrenlose Grundstücke in der Euphratgegend gab, Jurfte sich jeder, der sich verpflichtete, davon Grundsteuer zu zahlen, Grund und Boden aneignen.8) Manche babylonischen Juden weder erwarben große Reichtümer durch großkapitalistische" Geldgeschäfte, wie Zollpachten.") Von den reichen babylonische Juden verden gelegentlich genannt: Chama bar Aquilai (Ende des III. Jahrhunderts), Huna bar Chija, der Vorsteher der suranischen Akademie, iessen Herden in den Steppen Südbabyloniens weideten, Raba bar 'oseph bar Channa (IV. Jahrhundert) und viele andere. Die reichen luden bildeten hier gewissermaßen eine eigene Kaste, eine Patrizierdasse.10) Wie stand es mit den westlich von Palästina zerstreuten luden? :':) Aus der soeben im Verlage Wilhelm lirauinüllcr erschienenen Abhandlung v<>n Jgnaz Schipper: „Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden im früheren Mittelalter", deren Besprechung wir uns vor- '<■ Ii alten. ') Herzfeld, Handelsgeschichte der Juden des Altertums. Brsuiuschweig,!*79, pajr. 165. *) Gr ätz, Geschichte der Juden, IV, 1, p. 232. *) und *) Daselbst, IV, 1, p. 277. r>) Gr ätz, Geschichte der Juden, IV. 3, p. 281. 6) Daselbst, IV, 8, p. 315. 7) Canticum Rabha zu 1, ö. — Vgl. Gr ätz, IV, 3. p. 366. ») Grätz, IV, 3, p. 251. , '•>) Vgl. daselbst p. 323. 10) Vgl. daselbst p. 334. Daß die jüdischen Emigranten vorzugsweise Handeltreibende waren, kann durch ausdrückliche Zeugnisse nicht bewiesen werden.1) Völlig abwegig ist die Hypothese Kiesselbachs, daß die Juden schon frühzeitig in die Stelle und Rolle der Phönizier getreten sind, „indem sie nicht nur unter den Römern den merkantilen Zusammenhang der Alten Welt aufrecht erhielten, sondern auch die ersten Verzweigungen des asiatischen Verkehrs in das beginnende Ackerbauleben des inneren Europa vermittelten."2) Diese Behauptung will Kiesselbach durch Belege bewiesen haben, die von „syrischen Kaufleuten" sprechen. Letztere sind aber keineswegs mit den Juden identisch. Die Syrer (negotiatores syrici) waren tatsächlich noch bis zum Ausgang des VII. Jahrhunderts3) der einzige Kaufmannstand, von dem man behaupten kann, daß er das Bindeglied zwischen Asien und Mitteleuropa bildete. „Bis heute wohnt in den Syrern ein solcher eingeborener Geschäftseifer," sagt Martian an einer Stelle in seinen Erklärungen zu Ezechiel,4) „daß sie des Gewinnes wegen die ganze Erde durchziehen; und so groß ist ihre Lust zu handeln, daß sie überall innerhalb des römischen Reiches zwischen Kriegen, Mord und Totschlag Reichtümer zu erwerben trachten." Diese Worte können lediglich auf die Handelstätigkeit der negotiatores syrici schließen lassen, nicht aber darauf, daß die Juden „frühzeitig von den Phöniziern den Kapitalismus übernommen" hätten. „Eine besondere Vorliebe zu demjenigen Handelsgewerbe, welches nicht vom Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt, sagt Franz Delitzsch6) „zeigt sich im jüdischen Volke nirgends, wenn wir von dem I. christlichen Jahrhundert so weit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrhundert vorwärts blicken." Die Vorliebe der Juden für den Ackerbau bezeugt unter anderem der Spruch des großen Amora Rab (erste Hälfte des III. Jahrhunderts n. Chr.): „Lieber ein kleines Maß vom Felde, als ein großes vom Warenlager."6) Das Ergebnis gründlicher Forschungen zusammenfassend, sagt von den Juden des Altertums der berühmte Handelsrechtsforscher L. Goldschmidt: „Ein Handelsvolk war das jüdische Volk (im Altertum) nicht."7) Was aber Herzfeld in seiner Handelsgeschichte der Juden im Altertum von dem Handel der nach dem Verfalle des jüdischen Staates in Südeuropa und Ägypten zerstreuten Juden zu sagen weiß, sind zum größten Teile Vermutungen, die sich darauf stützen, daß in den Ländern ihres Aufenthaltes ein Handel blühte, dem sich wahrscheinlich auch Juden zugewendet. Eine ausgeprägte Handelsrichtung in der wirtschaftlichen Betätigung der Juden am Ausgang des Altertums ist nicht nachweisbar. Die Juden bildeten nirgends im Rom erreiche eine von der übrigen Bevölkerung wirtschaftlich geschiedene Klasse, wie es im Mittelalter der Fall war. Wo es anging, wendeten sie sich der gewissermaßen ererbten Beschäftigung, dem Landbau, zu oder nahmen an den landesüblichen Industrien Anteil. Nur für die alexandrinischen Juden ist im Altertum eine regere Anteilnahme am Handel und an Geldgeschäften nachweisbar. So erwähnt Philo8) ausdrücklich Schiffsherren und Großhändler unter den dortigen Juden. Mit Erlaubnis der ägyptischen Regierung waren diese zu Ämtern zugelassen, wie die Kornverwaltung, was auf gewiegte jüdische Kornhändler hinweist. Auch übten sie eine gewisse Aufsicht über die Meeres- und Flußschiffahrt aus.9) Einen großen Teil ihrer Vermögen hatten die alexandrinischen Juden vornehmlich durch Zollpachtungen erworben. So berichtet Josephus10), ein jüdischer Steuerpächter hätte einem gewissen Arion 3000 Talente anvertraut. Besonders begütert waren die jüdischen Vorsteher in Alexandrien, die Alabarchen. Der Alabarch Alexander gewährte dem König Agrippa ein Darlehen von 200 000 Drachmen11); derselbe *) Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Horns, 1S88/1890, p. 571. 2) Kiesselbach, Der Gang des Welthandels, p. 25. 3) Scheffer-Boichorst, Zur Geschichte der Syrer im Abendlande. (Mitteilungen des Instituts für Osten*. Geschichtsforschung, VI.) 4) Vgl. Kiesselbach, Gang des Welthandels. 5) Franz Delitzsch, Jüdisches Handwerkerleben zur Zeit Jesu (Erlangen, 1879), p. 25. fi) Pesachim, 113 a. 7) L. Goldschmidt, Universalgeschichte des Handelsrechts, 1891, I, p. 52. 8) Philo, In Ilaccum, § 8. 9) Josephus, Contra Apionem, II, 5. 10) Josephus, Antiquitates, X, 4, 7. n) Josephus, Antiquitates, XVIII, 6, 3.