Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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war auch Geschäftsführer der Mutter des Kaisers' Claudius.1) Sehr reich war auch der Alabarch Demetrius.!) In der Apostelgeschichte wird ein alexandrinischer Jude als Schatzmeister der äthiopischen Königin Kandake genannt.3) Die blutigen Verfolgungen, unter welchen die alexandrinischen Juden wiederholt zu leiden hatten, namentlich aber die Verfolgung im Jahre 116 bis 117, wo sie fast gänzlich aufgerieben wurden,4) legten ihre wirtschaftliche Tätigkeit für lange Zeit lahm. Seit dem Blutbade vom Jahre 117 geschieht von den Juden in Alexandrien durch mehr als zwei Jahrhunderte keine Erwähnung, ein Beweis, daß ihre Bedeutung tief gesunken war. Erst um das Jahr 390 tauchten sie in den Geschichtsquellen auf, und zwar existiert aus diesem Jahre ein Gesetz von Teodosius, welches die Angelegenheiten einer jüdischen Schifferzunft (Judaeorum corpus .... ad navieulariam functionem) in Alexandrien regelt, von welchem man aber nicht recht weiß, ob es für sie günstig oder ungünstig sein sollte5). Um das Jahr 415 wurden sämtliche jüdischen Einwohner halb nackt aus Alexandrien vertrieben; ihr Vermögen wurde von der beutelustigen Menge geplündert.0) Wohin sich die exilierten, einst durch ihren Glanz und Reichtum weit bekannten alexandrinischen Juden gewendet und bei welcher Gelegenheit sie zurückgekehrt sind, verschweigen die Quellen. Von der wirtschaftlichen Betätigung der auf dem Festlande und den unzähligen Inseln von Griechenland ansässigen Juden kann nicht bestimmt gesagt werden, welche Richtung sie angenommen hat. Von Vermutungen wollen wir uns lieber zurückhalten. Das aber steht fest, daß sich die griechischen Juden am Anfang des Mittelalters und auch weiterhin keineswegs mit Handel befaßt haben, sondern daß ihre wichtigsten Erwerbszweige Ackerbau, Bienenzucht und Seidenspinnerei gewesen sind.7) Für jüdischen Handel war im byzantinischen Reiche überhaupt nur sehr wenig Spielraum, zumal die byzantinischen Kaiser den Handel mit den eigentlichen Massenwaren wie Seide, Wein, Öl, Korn und allen sonstigen Lebensmitteln zum kaiserlichen Monopol gemacht hatten.8) Suchen wir die Spuren jüdischer Gemeinden im weiteren Westen Europas auf, so kommt hauptsächlich Italien in Betracht. Von hier aus ergoß sich der jüdische Emigrantenstrom nach Spanien, Gallien und Germanien. Es muß daher die genauere Erforschung der Vermögensverhältnisse der italienischen Juden über die Möglichkeit eines Herüberrettens jüdischer Kapitalien von der versinkenden Alten Welt ins Mittelalter Licht verbreiten. Gewöhnlich werden per analogiam die Juden im westlichen Römerreiche als die Träger jener umfassenden Geldwirtschaft bezeichnet, wie sie hier einige Jahrhunderte vor der Völkerwanderung ausgebildet war. Die uns überlieferten Quellen können aber dazu keineswegs berechtigen. Die soziale Lage der Juden in Italien war im allgemeinen eine recht ungünstige. Durch die bedeutenden Erhebungen des fiscus iudaicus materiell ausgebeutet, durch eine große Zahl neuer, meist mittelloser Ankömmlinge in eine noch" tiefere materielle Lage herabgedrückt, bildeten die Juden in Rom ein zahlreiches Proletariat. Ein großer Teil ernährte sich kümmerlich vom ärmlichsten Hausierhandel. „Für die Juden — spottet JuvenaP) — ist ein Bündel Heu und ein Tragkorb der ganze Hausrat." Ähnlich klingt eine Satire von Martial10): „Es bettelt der Hebräer und nicht ruht das Triefaug, das die Schwefelhölzchen feilbeut." Viele römische Juden machten aus der Traumdeuterei und Wahrsagerei ein Geschäft, eine höhere Form der aufdringlichen Bettelei, welche JuvenalJ1) an den Juden nicht genugzu tadeln weiß. Aus dem Umstände, daß in Rom der Kleinhandel vorwiegend in den Händen der Freigelassenen war, folgert Herzfeld, daß sich mit ihm die zahlreichen Juden befaßten, welche in dem Quartiere J) Daselbst, XIX, 5, 1. Daselbst, XX, 7, 3. 3) Vgl. Herzfeld. Handelsgcschk-hte der Juden im Altertum, p. 2138. 4) Vgl. Grätz, Geschichte der Juden, IV, 3, Kapitel 6, p. 107-110. •') Daselbst, IV. :i, p. 358 f. «) Daselbst, IV, 3, p im. ') Ein Responsura" der Gaonim Nr. 2.!>0(Scha.are Tesclmbah) zwischen K(iU —8(J!» bezieht sich auf die Bienenzucht der griechischen Juden. König Roger II. von Sizilien brachte von einem Streifzug jüdische tteidenwebor aus Griechenland mit nach Sizilien, um durch sie die Seidenweberei einzuführen. (Pertz, Monum. (lerm., V, 102.) In seinen Reiseheschreibungen erzählt Benjamin von Tudela (ediert von Grünliut und X. Adler, Jerusalem 1003): In Grissa wohnen 200 jüdische Familien, die am Fuße des Parnaüberges ihr Quartier haben. Sie säen und ernten, denn sie besitzen eigene Ländereien (p. C5). In Theben wohnen 20O0 jüdische Familien, die die geschicktesten Seiden- und Purpurfabrikanteii von ganz (iriechenland sind (p. 13). Die Beschäftigung der Juden in Vissena besteht in Seidenweberei (p. 11). Unter den Juden in Konstantinopel gibt es Seidenfabrikantcn, viele Kaufleute und viele Reiche fp. 3 0). *) Vgl. Jlüllnianii, Geschichte des byzantinischen Handels.;,j Juvenal, Satir. III, 14, VI, 542. lo) Martial, Epigramme, XII, f>7. ") Juvenal, Satir. III, 10. „jenseits der Tiber*' wohnten1); sie waren nämlich ursprünglich als Kriegsgefangene nach Rom gebracht und dann in Masse freigelassen worden. Doch scheint uns diese Vermutung nicht ganz zutreffend zu sein, da bekanntlich in dem transtiberinischen Judenviertel sich Gewerbebetriebe wie Gerbereien, Salbenfabriken9) u. dgl. befanden, woraus man folgern kann, daß die jüdischen libertini sich mit jenen Gewerben, die in der inneren Stadt nicht geduldet wurden, befaßt haben. Hingewiesen sei noch auf einige in den jüdischen Coemeterien in Rom gefundene Inschriften, welche aus der späteren Römerzeit stammen und in welchen einige Juden als Handwerker genannt werden.3) Anderwärts werden jüdische Fleischer, Schneider, Schmiede erwähnt.4) Wohl berichtet uns eine Quelle,5) daß sich manche reichere Juden in Rom mit Handel befaßt haben, doch kann man schwerlich annehmen, daß dieser Handel von größerer Bedeutung gewesen, zumal es die Syrer und wahrscheinlich auch die alexandrinischen Juden waren, welche der Siebenhügelstadt die Luxusartikel des Orients zuführten. Schließlich kann schon aus dem Umstände, daß die alexandrinischen Juden — wie früher erwähnt — die Geschäftsträger von Angehörigen der kaiserlichen Familie gewesen, gefolgert werden, daß bei den römischen Juden wohl keine größeren Kapitalvermögen zu vermuten sind. Auch die in Spanien und in der Provinz Germania in später Kaiserzeit sich vorfindenden Juden sind keineswegs als handeltreibende jüdische Kolonien aufzufassen. Gelegentlich werden im Codex Teodorici (KU, 1, 157—158) jüdische Kurialen genannt, die in Köln (Mitte des IV. Jahrhunderts n. Chr.) ihr Amt bekleidet haben. Dieselben dürften — wie mit Recht G. Caro vermutet6) — possessores gewesen sein, da die wichtigste Aufgabe der Kurialen das Einziehen der Grundsteuer war und zu solchen sich nur angesehene Possessoren eigneten. Wenn wir nun das bisher Gesagte zusammenfassen, so ergibt sich daraus: Größere Reichtümer sind während des Zusammenbruches des römischen Reiches nur bei den Juden des weiten Ostens vorzufinden, u. zw. bei den durch Großgrundbesitz und kapitalistische Geldgegejehäfte, wie Zollpachten, bereicherten Juden in Babylonien. Die durch das Kaufmannskapital im Handel akkumulierten Vermögen der alexandrinischen Juden waren arn Anfang des V. Jahrhunderts völlig ausgeplündert. Bei den vorwiegend im Handwerk und Kleinhandel betätigten weströmischen Juden kann naturgemäß nur sehr geringes mobiles Vermögen vermutet werden. Ob es aber speziell den italienischen Juden gelungen ist, ihr doch nur geringes Sachvermögen während der schrecklichen Stürme und Plünderungen durch Alarich (409) und bald darauf durch die Vandalen (455) in die neue Ära hinüberzuretten (worauf sich die Sombartsche Hypothese stützt), muß als höchst unwahrscheinlich angesehen werden. Während die Völkerwanderung den hochentwickelten Kulturorganismus des weströmischen Reiches völlig zerschlug, dauerten im Oströmerreiche die wirtschaftlichen Zustände und insbesondere die Verkehrsverhältnisse der Alten Welt gegen ein Jahrtausend ohne erhebliche neue Gestaltungen fort. Am Anfang des V. Jahrhunderts scheinen noch die Juden des Ostens Handel mit der indischen Küste getrieben zu haben, wie aus einer Stelle des Dichters Claudian zu vermuten ist.7) Doch schon im VI. Jahrhundert befand sich so ziemlich der gesamte indische Handel in den Händen der persischen und arabischen Kaufleute.8) Je später, desto mehr nimmt der jüdische Handel im Oströmerreiche ab. Das aussaugende Finanzsystem der byzantinischen Kaiser hatte ihn sicherlich ins Stocken gebracht. Bezüglich der Frage eines Herüberrettens jüdischer Kapitalien in die neubegründeten Staaten West- und Mitteleuropas wäre noch eine Vermutung möglich. Vielleicht unterhielten nach dem Verlust der byzantinischen Provinzen Palästina, Syrien und Ägypten an die Araber die daselbst ansässigen Juden, welche, nachdem sich der Fanatismus des jungen Islams gelegt hatte, unter der Araberherrschaft ein großes Maß von Freiheit erlangten, Handelsbeziehungen mit dem westlichen Europa, vielleicht gründeten sie dort ihre Handelskolonien? Wäre dies der Fall, so könnte man mit gewisser Begründung in den mobilen Kapitalien der nach dem Westen Europas handeltreibenden morgenländischen Juden, welche gewiß auch die in West- Herzfeld, llandelsgesehiehte der Juden im Altertum, pag. 2<j(>. Vgl. V o g e 1 s t e i n - R i e g e r, Geschichte der Juden in Rom I, p. Gl. a) Daselbst, p. G2.. 4) Berliner, Die Juden in Rom, I, p. OS. ••) H i p p o 1 y t, Philosoph. IX, 12. > '<) ({.Caro, Die Juden in ihrer wirtschaftlichen U<'tütiguii{£ im Mittelalter (Abdruck des Vortrages in: Monatsblatter für Geschichte dos Judentums, herausgegeben von Braim, 1904, p. 423). ') „Quidquid in;vne nutrit Judaicisquo pingitnr India velis", vgl. Reinach. Fontes renira iudaiearum I. 8j Kieselbac (hingdes Welthandels, p. :-J0.